Heimlich, still und trist – Mario Götzes Abschied vom BVB

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Mario Götzes letzte Saison beim BVB wird zur vermutlich schmerzhaftesten Spielzeit. Der Mittelfeldspieler verliert komplett an Bedeutung – und will es nun woanders noch einmal wissen.

Dortmund

, 08.07.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kurz, bevor alles vorbei war, stand Mario Götze dort. In Zivil. Ob er sich ein Lächeln abrang oder nicht, blieb sein Geheimnis hinter der schwarzen Schutzmaske mit dem kleinen, gelben BVB-Logo. Stadionsprecher Norbert Dickel, der das ist, was Götze eigentlich sein sollte, eine Vereinslegende, sagte noch ein paar warme Worte zum Abschied. „Danke für viele Jahre mit überragendem Fußball. Vielen Dank und alles Gute von deiner Borussen-Familie.“ Die Mitspieler klatschten ein letztes Mal artig Beifall. Dazu ein riesiger Blumenstrauß und eine fröhliche Fotocollage, für die vermutlich fleißig im Archiv gesucht werden musste. „Danke, Mario!“. Eine kurze Verbeugung zu den zukünftigen Ex-Kollegen. Das war es dann also.

Mario Götze durchlebte „großartige Jahre“ beim BVB

Er blicke gerne auf seine Zeit in Dortmund zurück, erklärte Götze kurz und knapp, wie es so seine Art ist. Insgesamt habe er beim BVB „großartige Jahre“ durchlebt, auch wenn die Zeit mit „positiven und negativen Gefühlen“ bestückt sei.

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Die positiven Gefühle wurden in der vergangenen Saison vor allem durch das Privatleben ausgelöst. Erst die Hochzeitsfeier auf Mallorca im Sommer 2019 mit seiner Ann-Kathrin, dann die Geburt des ersten Sohnes Rome Anfang Juni dieses Jahres.

Sportlich lief es für Mario Götze beim BVB nicht gut

Sportlich dagegen lässt sich für Götze nicht viel Positives an den zurückliegenden zwölf Monaten finden. Nur 21-mal durfte er wettbewerbsübergreifend in den Pflichtspielen der vergangenen Saison auflaufen, nur sechsmal von Beginn an. Magere 609 Minuten Einsatzzeit stehen in der Statistik, immerhin drei Tore und eine Vorlage.

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Noch viel frustrierender sind die Zahlen seit der Winterpause: Ganze 30 Minuten stand der 28-Jährige in der Rückrunde für Borussia Dortmund auf dem Rasen, sein letzter Einsatz im BVB-Trikot datiert vom 26. Mai, zehn Minuten beim 0:1 gegen den FC Bayern München.

Ex-BVB-Profi Götze: Letzte Spielzeit wurde vielleicht die schmerzhafteste

Zum Vergleich: In der Vorsaison, als Götze vor allem in der Rückrunde seinen Wert für den BVB unter Beweis stellte, hatte Götze noch 2.266 Minuten, also fast viermal so lange, im schwarzgelben Trikot auf dem Platz gestanden, dabei sieben Tore erzielt und sieben weitere aufgelegt.

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Doch von dieser Bedeutung für das BVB-Spiel schaffte es nichts in die vergangene Saison – und so wurde seine letzte Spielzeit bei Borussia Dortmund vielleicht die schmerzhafteste. Götze spielte einfach keine Rolle mehr, obwohl er eigentlich die ganze Zeit fit und gesund war. Er war, anders als in den Vorjahren, immer einsatzbereit – aber er kam nie zum Einsatz.

Mario Götze unter BVB-Coach Lucien Favre: Das System-Problem

BVB-Trainer Lucien Favre, stets bemüht, Götzes außerordentliche Spielintelligenz lobend hervorzuheben, setzte konsequent auf andere Spieler. Spätestens seit Favres Umstellung auf ein 3-4-2-1-System im vergangenen November war der WM-Siegtorschütze von 2014 völlig außen vor. Man solle immer die Wahrheit sagen, erklärte Favre, und die Wahrheit sei, dass dieses System für Götze nun mal nicht ideal sei. Der BVB, das spricht für Favres Ansicht, sammelte ohne Götze fleißig Punkte und schoss so viele Tore wie noch nie in einer Bundesliga-Saison.

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Und so plätscherte Götzes zweite Zeit in Dortmund heimlich, still und trist ihrem Ende entgegen. Eine Vertragsverlängerung, die von BVB-Boss Hans-Joachim Watzke ursprünglich mal als Formsache eingestuft worden war, rückte (auch aus finanziellen Gründen) in immer weitere Ferne – und war im vergangenen Winter schließlich endgültig vom Tisch.

Mario Götze ist mit sich und seiner BVB-Zeit im Reinen

Götze ist mit sich und seiner Zeit in Dortmund laut eigener Aussage dennoch im Reinen, auch wenn zur Wahrheit gehört, dass er seit seiner Rückkehr aus München 2016 eigentlich nur unter Peter Bosz gesetzt war, bei Thomas Tuchel, Peter Stöger und zuletzt Favre nicht. „Es gibt immer mal Meinungsverschiedenheiten“, gab er noch zu Protokoll, bevor er den Signal Iduna Park wohl für längere Zeit zum letzten Mal verließ. „Aber es ist alles in Ordnung, ich schaue nach vorne.“

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Nach vorne in eine Zukunft, die wohl außerhalb der Bundesliga liegen wird. Götzes neuer Berater Reza Fazeli, vor allem in Italien bestens vernetzt, sucht noch nach einem neuen Verein für das frühere BVB-Wunderkind. Götze, so scheint es, will es noch einmal wissen, vielleicht auch allen Kritikern noch einmal zeigen, die sich bereits seit Längerem darauf festgelegt haben, dass dieser begnadete Mittelfeldspieler das Niveau früherer Tage nicht mehr erreichen wird. Götze sagt: „Ich weiß, was ich kann.“

In Dortmund wussten sie das am Ende augenscheinlich nicht mehr. Nun wartet ein Neuanfang auf beide Seiten.

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