BVB-Fan Daniel wird vom Amtsgericht Sinsheim zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen verurteilt. Er hat Dietmar Hopp als „Sohn einer Hure“ beleidigt. Die Art und Weise, wie der Prozess verlief, frustriert ihn mehr als die Strafe.

Dortmund/Sinsheim

, 30.05.2019, 16:15 Uhr / Lesedauer: 6 min

Aus der Sicht von Daniel* läuft da etwas gewaltig schief in diesem Prozess. Er zuckt mit den Schultern, tritt unterhalb der Südtribüne von einem Fuß auf den anderen. Er liebt den Fußball, die Fanszene, seinen BVB. Die Juristerei bleibt eine ungleich kompliziertere Angelegenheit, in Sinsheim ist er angeklagt wegen Beleidigung von Dietmar Hopp.

Verfahrens-Wirrwar sorgt für Frustration

Nicht alles in diesem Verfahrens-Wirrwarr mit Anträgen, Vorladungen und Gutachten kann und muss er im Detail verstehen. Dafür betreuen Fananwälte seinen Fall. In einem Punkt aber ist Daniel sicher: „Das geht doch alles nicht mehr mit rechten Dingen zu.“ Er ist frustriert.

Im Verfahren gegen fünf Fans von Borussia Dortmund, zwischen 25 und 40 Jahren alt, verhandelte das Amtsgericht in Sinsheim, Rhein-Neckar-Kreis, seit April. Am Montag stand der dritte Hauptverhandlungstag an. Der Vorwurf lautet in allen Fällen vorsätzliche „Beleidigung“.

„Das geht doch alles nicht mehr mit rechten Dingen zu.“
BVB-Fan Daniel*

Die BVB-Anhänger sollen am 14. Mai 2018, also vor rund einem Jahr, während des Fußball-Bundesliga-Spiels zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und ihrem Klub den Mehrheitsgesellschafter der TSG, Dietmar Hopp, gedemütigt haben mit ihrem Gesang: „Dietmar Hopp, du Sohn einer Hure!“

Rund 60 Anzeigen hat Hoffenheims Mäzen Hopp erstattet, seit er sich entschieden hat, die Beleidigungen nicht mehr, wie in den Jahren zuvor, zu ignorieren oder gleichmütig hinzunehmen. Angezeigt wurden in erster Linie BVB-Fans und ein Dutzend Unterstützer des 1. FC Köln.

Förmliche Entschuldigung vor Gericht

Was den BVB-Fan Daniel irritiert, ist weniger die Faktenlage. Was er gerufen hat, erfüllt wohl den Tatbestand einer Beleidigung. Das Stadion ist kein rechtsfreier Raum, er hat auch zugegeben, dass er mitgerufen hat, als dieser Gesang im Dortmunder Block angestimmt wurde. Er hat sich dafür vor Gericht förmlich entschuldigt und zu Protokoll gegeben, „dass ich Herrn Hopp nicht persönlich beleidigen wollte“. Für viele Fußballanhänger, schätzt er selber, stehe er zu Recht am Pranger.

Bestrafen und fertig? Nein, die Lage sei doch viel komplexer, sagt Daniel. Und seine Motivation ja auch nicht eine stupide Beschimpfung gewesen, sondern eine grundsätzliche Kritik.

Oft hat es Dietmar Hopp gut sein lassen

Oft in den vergangenen Jahren hatte es Dietmar Hopp in ähnlichen Fällen gut sein lassen nach einer persönlichen Entschuldigung. Je länger er die Schmähungen abtat, desto stiller wurde es um ihn. Diese Anwürfe seien „verschmerzbar“, erklärte er in einem Interview dem „Spiegel“. Auch in TV-Interviews sagte er, dass ihn diese Beleidigungen nicht mehr tangierten, die seit Hoffenheims Aufstieg in die Bundesliga immer wieder auf ihn zielten und zielen.

Gegen den Halter des Banners mit seinem Gesicht im Fadenkreuz und der Aufschrift „Hasta la vista, Hopp“, das mehrfach im BVB-Block bei Spielen gegen die TSG Hoffenheim auftauchte, zog er nach eingegangener Entschuldigung die Anzeige zurück. Die Lage beruhigte sich.

Vor den Augen der Enkelkinder lautstark beleidigt

Bis der 79-jährige SAP-Mitbegründer und Multi-Milliardär vor vielleicht zwei Jahren genug hatte von den Kränkungen. Aus den Argumentationen, die Hopp und Hoffenheim erreichten und die TSG 1899 als Retortenklub einordneten, lasse sich womöglich eine Ablehnung und auch Kritik gegenüber dem Klub rechtfertigen, sagte sein Anwalt Prof. Christoph Schickhardt dieser Redaktion, „aber für Straftaten gibt es keine Rechtfertigung“.

„Für Straftaten gibt es keine Rechtfertigung“.
Anwalt Prof. Christoph Schickhardt

Beim besagten Spiel vor einem Jahr zum Beispiel saß Entwicklungs-Minister Dr. Gerd Müller aus dem Bundeskabinett neben ihm, auch seine Familie samt Enkelkindern begleitete den Mehrheitsgesellschafter, dem 96 Prozent der TSG Spielbetriebs-GmbH gehören, ins Stadion. Vor dieser Begleitung derart öffentlich diskreditiert zu werden, muss weh tun. Ob man damit umgehen können muss, wenn man in der Öffentlichkeit steht?

Hopp zeigte sich jedenfalls weniger dickhäutig als zuvor und beauftragte, wohl auch gegen den Rat der TSG, seine Anwaltskanzlei um Schickhardt damit, die Fälle zu verfolgen. Seitdem eskaliert die spannungsgeladene Beziehung zwischen Hopp und BVB-Anhängern wieder.

Hochauflösende Videos und hochwertige Richtmikrofone

So bekam auch Daniel Post zugestellt vom Polizeiposten Waibstadt in Baden-Württemberg. Mit hochauflösender Videografie und eigens für diesen Zweck eingebauten hochwertigen Richtmikrofonen, die auf Anweisung von Hopp im Januar 2018 oberhalb des Gästeblocks installiert wurden, ließen sich die mutmaßlichen Täter identifizieren.

Hopp-Prozess: Wie ein BVB-Fan vor Gericht den Glauben an die Justiz verliert

Dietmar Hopp muss sich oft lautstarke Schmähungen gefallen lassen - auch vor den Augen seiner Familie. © dpa

Die Botschaft aus dem Kraichgau lautete, dass diesmal alle Register gezogen würden. Die Reaktion beispielsweise der Fanhilfe aus Dortmund und bekannter fachkundiger Juristen lautete, ebenfalls alle denkbaren juristischen Geschütze aufzufahren. Dann halt die ganze Klaviatur, so der Tenor.

Fan-Anwälte bringen Fülle von Anträgen ein

Die Anwälte recherchierten und sammelten Material, strukturierten ihre Unterlagen und präparierten sich für den Prozess, was in einer Fülle von Anträgen mündete. An die 20 Anliegen dürften es gewesen sein. Die junge Richterin Müller-Foell, noch nicht verbeamtet, sei befangen. Die Beschaffung der Beweise mit Videografie und Tonrekordern sei eine juristisch fragwürdige Vorgehensweise, mit der auch private Gespräche abgehört werden könnten, dies würde Persönlichkeits- und Datenschutzrechte tangieren. Die Strafanträge seien zudem mehr als drei Monate nach dem Tag der Tag zugestellt, damit hinfällig.

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Die Strategie der Fananwälte lautete, das Verfahren erstmal auf formal-rechtlicher Ebene zu attackieren. Sämtliche Beweisanträge, Widersprüche und Beanstandungen wurden jedoch zurückgewiesen. Abgekürzt: Was die Verteidigung auch auffuhr an Argumenten, allesamt wurden die Anträge kassiert oder gar nicht erst zugelassen.

Behörden können keine Anschrift von Dietmar Hopp ermitteln

Besonders pikant ist dies im Fall der Vorladung von Dietmar Hopp. Als mutmaßliches Opfer und als Kläger müsste er laut Strafprozessordnung vor Ort erscheinen oder zumindest befragbar sein.

Doch die Behörden konnten allen Ernstes keine gültige Anschrift ermitteln, nicht einmal mithilfe von Hopps Anwaltskanzlei. Dort wies man Beamte explizit darauf hin, dass die Privatanschrift keinesfalls in irgendwelchen Akten auftauchen solle. Einzig eine Adresse vom Golfclub St. Leon-Rot ist hinterlegt, das aber sei nicht ausreichend für die Zustellung einer Vorladung.

„Die wollen uns doch verarschen.“
BVB-Fan Daniel*

Dietmar Hopp, im Kraichgau ein ungekrönter König und mit Abstand der bekannteste Mann der Region, ist nicht auffindbar? Da kann BVB-Ultra Daniel nur den Kopf schütteln. „Die wollen uns doch verarschen“, sagt er. Hunderte Stunden seien für die Ermittlungen draufgegangen. Als ob es in Deutschland nichts Wichtigeres gebe, keine relevanteren Fälle. „Und dann gelten für den Hopp plötzlich andere Regeln.“

Das Gericht befand abschießend, dass Hopps persönliches Erscheinen „aus tatsächlichen Gründen für die Entscheidung ohne Bedeutung“ sei. Das Gefühl bei Daniel und den anderen Fans kann man so einordnen, als ob sie sich als Fans vor Gericht unwiderruflich im Abseits befänden und nicht auf gleicher Höhe, um einen Fußball-Vergleich heranzuziehen.

Ein Zerrbild der deutschen Justiz

Auch das Fanprojekt aus Dortmund unterstützte die Prozessbeteiligten von Beginn an. Stefan Kalisch, Sozialpädagoge, hat in den Gesprächen mit den Betroffenen genau hingehört. Er warnt davor, dass mit Prozessen wie dem in Sinsheim ein Zerrbild der deutschen Justiz aufgezeigt werde. „Junge Menschen, die zum ersten Mal mit Polizei und Justiz in Kontakt kommen, erhalten womöglich ein irritierendes Bild“, sagt er.

Die „Lex Hopp“, unter der die Fananwälte die Merkwürdigkeiten subsummieren, sieht Kalisch als große Gefahr, wenn sie dazu führe, dass Fans kein Vertrauen mehr in Grundsätze der Rechtstaatlichkeit und die Gleichheit vor dem Gesetz fänden. Gleichwohl muss klar sein, wer Täter und wer Opfer ist.

„Junge Menschen (...) erhalten womöglich ein irritierendes Bild.“
Stefan Kalisch, Sozialpädagoge

Zu den Kuriositäten des Rechtsstreits gehörte zum Beispiel auch ein Wissenschaftler, der Fangesänge erforscht und kategorisiert und ein entsprechendes Gutachten vorlegte.

Eines der Argumente von Seiten der aktiven Fanszene führt nämlich an, dass hinter der Beleidigung keine gezielte Diffamierung der Einzelperson Dietmar Hopp stehe, sondern eine generelle Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs, gegen die die Szene wettert. Und für deren Auswüchse Hopp, der 350 Millionen Euro in die Etablierung seines Jugendvereins als Erstligist investierte, als ein Beispiel diene.

Unter Fußballfans sei der Ton halt rauer

Hoffenheim und Hopp stünden sinnbildlich für den Ausverkauf des Fußballs, deutet es BVB-Fan Daniel. Herrn Hopp als einzelnen Menschen habe er nie beleidigen wollen, die Dortmunder Ultras wüssten auch, dass er viel Geld für karitative Zwecke spende und in seiner Heimat als Wohltäter hoch angesehen sei. Unter Fußballfans sei der Ton halt rauer, das sei auch ein Teil der Fankultur, die gerufenen Beleidigungen daher in ihrem sozialen Rahmen ein adäquates Verhalten. Die Sprache in der Kurve falle eben derber aus als die in einem Ratssaal oder vor Gericht.

Eine andere Gerichts-Entscheidung zu Beleidigungen im Fußball ging kürzlich beinahe unter: Drei Männer hatten während eines Fußball-Länderspiels am 20. März die deutschen Nationalspieler Leroy Sané und Ilkay Gündogan rassistisch beleidigt, sie als „Neger“ oder „Bimbo“ beschimpft. Zwei der Männer kamen straffrei davon, der dritte wurde zu 2400 Euro Geldstrafe verurteilt, weil er auch „Sieg Heil“ skandiert hatte.

Alle Angeklagten in Sinsheim zu Geldstrafen verurteilt

In Sinsheim wurde das Verfahren gegen zwei der fünf Angeklagten eingestellt, nachdem sie sich entschuldigt hatten. Sie galten nicht als vorbelastet und bekamen Geldstrafen von 400 bzw. 600 Euro. Die weiteren drei Männer, allesamt vorbelastet wie Daniel, verurteilte das Gericht zu 70 Tagessätzen Geldstrafe.

Hopp-Prozess: Wie ein BVB-Fan vor Gericht den Glauben an die Justiz verliert

Dietmar Hopp war schon mehrmals im Fadenkreuz der BVB-Fans. Meist ließ er die Sache nach einer Entschuldigung auf sich beruhen. © imago

Die Dortmunder Fanhilfe übte scharfe Kritik: „Ein faires Verfahren war zu keinem Zeitpunkt gewährleistet! Weder wurde dem Grundsatz der Waffengleichheit Rechnung getragen noch wurden strafprozessual verankerte Verteidigerrechte gewährleistet.“ Die Folge sei klar: „Es ist erklärtes Bestreben der Angeklagten mit Unterstützung der Fanhilfe Dortmund, den Sachverhalt einer umfassenden, notfalls letztinstanzlichen Klärung zuzuführen.“

Berufungsverfahren vor dem Landgericht Heidelberg

Stefan Witte, einer der drei beteiligten Fananwälte, wurde deutlich: „Das war ein Verfahren, das seinesgleichen sucht, was die Nichtbeachtung von Rechten im deutschen Prozessrecht angeht“, sagte der Dortmunder Rechtsanwalt. Er und seine Mitstreiter legten noch im Gerichtssaal Rechtsmittel ein, es wird eine Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Heidelberg geben. Für ein neues Verfahren in der nächsthöheren Instanz sprach sich auch die Staatsanwaltschaft aus.

Sein Streit mit Hopp wird also auch BVB-Fan Daniel noch eine Weile begleiten. An seiner inhaltlichen Kritik an der Kommerzialisierung im modernen Fußball wird er festhalten. Und an der Form?

*Name der Redaktion bekannt

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