"Ich habe mir meinen Traum erfüllt"

Sahin im Interview

DORTMUND Das größte Talent hat die Kurve gekriegt. Nuri Sahin ist der Mann der Rekorde. Er ist der jüngste Bundesliga-Spieler aller Zeiten, jüngster türkischer Nationalspieler aller Zeiten und jüngster türkischer Länderspieltorschütze aller Zeiten.

von Von Thomas Schulzke

, 06.10.2009, 15:09 Uhr / Lesedauer: 6 min

Und plötzlich BVB-Profi. Wie hast du die Zeit erlebt, als du mit 16 Jahren zum Bundesligaspieler wurdest? Nuri Sahin: Es ging alles sehr schnell für mich. Ich habe damals mit der Türkei die U17-EM gewonnen, kam zurück und spielte mit Borussias B-Junioren im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft. Wir schieden leider aus. Danach ging es ruckzuck, und ich war plötzlich Profi beim BVB. Ich machte mein erstes Spiel, bekam meinen ersten Profivertrag.

 Ging alles zu schnell? Sahin: Wenn man die Möglichkeit hat, Profi zu werden, muss man die Chance sofort ergreifen. Auch wenn man noch sehr jung ist. Ich konnte damals doch nicht sagen, dass ich lieber noch zwei Jahre warten und mich erst noch in der Jugend weiterentwickeln möchte. Ich wollte so schnell wie möglich Bundesligaspieler werden.

Arsenal Londons Trainer Arsene Wenger nannte Sie damals das größte Nachwuchstalent weltweit. Sahin: So eine Aussage eines solchen Trainers hat mich natürlich stolz gemacht. Das Angebot von Arsenal mit einer hohen Ablösesumme war ja auch damals da. Ich wusste aber, dass ich bei Borussia sofort zum Profikader gehöre, das wäre bei Arsenal London nicht so sicher gewesen.

Als Sie BVB-Profi wurden, stand der Klub vor dem finanziellen Aus. Haben Sie das damals wahrgenommen? Sahin: Natürlich habe ich die Finanzkrise mitbekommen. Aber wie es genau um den Klub stand, wusste ich damals nicht. Darum hat man sich als Jugendlicher keine Gedanken gemacht. Mir war auch nicht bewusst, dass der Klub kurz vor dem Aus stand. Das wurde mir erst später klar.

In der prekären finanziellen  Lage zählten Sie plötzlich als die Zukunft des Vereins. Wie sind Sie mit dem Druck umgegangen? Sahin: Dieser Druck von außen hat mir nicht zu schaffen gemacht. Es war der Druck, den ich mir selbst gemacht habe. Natürlich stand ich mehr im Fokus, plötzlich wollten die Medien  alles von mir wissen. Mir war aber klar, dass ich als Einzelperson die Borussia nicht tragen kann. Ich kann immer nur ein Teil des Ganzen sein.

Haben Sie als junger Spieler Fehler gemacht? Sahin: Ich wollte zu schnell zu viel. Ich habe trainiert wie ein Wilder. Das war rückblickend zu viel für einen 16-Jährigen. Ich wollte immer nur Fußball spielen und habe zu wenige Regenerationszeiten eingelegt.  Übertrieben gesagt, habe ich mir damals vor jeder Partie vorgenommen, zwei Tore zu schießen und drei vorzulegen. Das war zuviel.

Hatten Sie zu früh Erfolg? Sahin: Nein, diese Erlebnisse kann mir keiner wegnehmen.

Und dann kam das Tor für die Türkei gegen Deutschland. Sahin: Fragen Sie mal einen Jugendlichen, wie er sich sein erstes Tor für die Nationalmannschaft vorstellt. Der sagt Ihnen, dass er kurz vor Schluss eingewechselt wird und dann trifft. Genau das ist mir gelungen. Dass es ausgerechnet gegen Deutschland war, war natürlich schön.  Vor allem gegen Oliver Kahn, den besten Torhüter der Welt.

Warum haben Sie sich für die türkische und gegen die deutsche Nationalmannschaft entschieden? Sahin: Ich habe alle Nachwuchs-Nationalmannschaften der Türkei durchlaufen. Ich bin mit der U17 Europameister geworden und habe an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Es wäre einfach nicht fair gegenüber dem türkischen Verband gewesen, am Ende für Deutschland zu spielen. Immerhin wurde ich von der Türkei doch ausgebildet. Deshalb stand von Anfang an für mich fest, für die Türkei zu spielen.

Die deutsche U21 wurde mit einer Multikulti-Truppe Europameister… Sahin: Das stimmt. Da waren sehr viele Spieler mit Migrationshintergrund dabei. Aber die Jungs sind ja nicht von irgendwo gekommen. Die sind hier alle geboren, deshalb kann ich verstehen, dass sie sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden haben. Spieler wie Mesut Özil, Jerome Boateng und Dennis Aogo haben doch alle in der Jugend schon für Deutschland gespielt, deshalb ist es eine ganz andere Situation als bei mir. Und diese Spieler mit Migrationshintergrund bringen den deutschen Fußball natürlich weiter, das hat der EM-Titel gezeigt. Ohne diese Leute hätten sie den Titel doch gar nicht geholt.

Ist diese Mannschaft ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft? Sahin: Deutschland ist das beste Beispiel dafür, dass viele Kulturen in einem Land zusammen leben können. Vor den Deutschen muss man den Hut ziehen, dass hier alles so klappt.

Können Sie sich vorstellen, in der türkischen Liga zu spielen? Sahin: Im Moment kann ich mir das nicht vorstellen, auch wenn jeder Türke einmal bei den Istanbuler Derbys dabei sein will. Ich bin einfach froh, dass ich in Deutschland bin. Ich spiele doch in der drittbesten Liga der Welt, nach Spanien und England.

Ihr kometenhafter Aufstieg endete wieder. Sie wurden nach Rotterdam ausgeliehen... Sahin: Im ersten Moment war ich natürlich nicht glücklich darüber. Ich würde lügen, würde ich etwas anderes behaupten. Der Trainer hat sich damals gegen mich entschieden. Der Verein wollte mich aber nie verkaufen. Dann habe ich mir gedacht, ich entwickle mich in den Niederlanden weiter und komme gestärkt zurück. Wenn ich dann wieder meine Leistung in Dortmund bringe, können sie mich nicht noch einmal abgeben.

Wie war es in Rotterdam für Sie? Sahin: Die ersten Tage waren natürlich schwer. Ich habe seit der C-Jugend für den BVB gespielt und immer in Meinerzhagen gelebt. Plötzlich musste ich in ein anderes Land, in eine andere Stadt. Das war eine große Umstellung für mich. Von Tag eins an war mir aber klar, dass ich nach einer Saison wieder zur Borussia gehe.

Wie wichtig war Trainer Bert van Marwijk für Ihre Entwicklung? Sahin: Bert van Marwijk ist sehr wichtig für mich gewesen. Er hat mir den ersten Kick als Profi in Dortmund gegeben. Mit ihm habe ich heute noch Kontakt. Er war der einzige Grund, warum ich zu Rotterdam gewechselt bin, denn damals hatte ich auch noch andere Angebote ausländischer und deutscher Vereine. Und weil ich kein weiteres Jahr verlieren wollte, bin ich zu Bert van Marwijk gegangen, denn kein Trainer kannte mich besser als er.

Haben Sie heute noch Kontakt zu ihm? Sahin: Wir telefonieren oder schreiben uns SMS. Ich habe sehr viel Respekt vor dem Menschen und dem Trainer Bert van Marwijk, für den es mich sehr freut, dass er jetzt als niederländischer Nationaltrainer zur WM fährt.

Wie hat Sie die Zeit in Rotterdam weitergebracht? Sahin: Nicht nur als Profi bringt dich eine gewisse Zeit im Ausland weiter, sondern auch als Mensch. Ich sage meinem Cousin und meinem Bruder immer wieder, dass sie auch mal ins Ausland gehen müssen, damit sie merken, wie es ist, auf eigenen Beinen zu stehen und sich durchzukämpfen.

Haben Sie überlegt, in Rotterdam zu bleiben? Sahin: Ich wollte nach Dortmund zurück. Rotterdam hatte gar keine Option, mich zu kaufen.

Ihre Rückkehr nach Dortmund lief dann aber nicht ohne Probleme ab… Sahin: Das Problem war, dass ich mich kurz vor Saisonende in Rotterdam am Innenband verletzte. Ich konnte vier, fünf Wochen gar nichts machen und wusste nicht genau, wie ich mich in der Reha-Zeit verhalten sollte. Mir fehlten dann am Ende zwei bis drei Monate.

Jürgen Klopp hätte Sie damals zum Verkauf frei gegeben. Wie empfanden Sie seine Aussage? Sahin: Ich finde gut, dass er von Anfang an ehrlich zu mir war. Er hat mir gleich gesagt, dass er mich nicht kannte. Er wusste nicht, was für ein Typ Fußballer ich war. Er war auch nicht froh, dass ich gleich mit einer Verletzung in die Saison startete. Er hat mir aber auch gesagt, dass jeder Spieler im Kader seine Chance bekommen wird. Ich konnte dann die komplette Vorbereitung zur Rückrunde mitmachen und habe Jürgen Klopp letztendlich überzeugt.

Hätten Sie denn wechseln können? Sahin: Es gab gute Angebote für mich. Ich habe mich aber dagegen gewehrt und habe immer gesagt, dass ich nicht vom BVB weg will. Dortmund ist meine Heimat, ich werde immer Dortmunder bleiben.

Wie wichtig waren für Ihre Entwicklung die Extraschichten mit Fitness-Trainer Oliver Bartlett? Sahin: Das wird mir alles zu sehr hochgekocht. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt jeden Tag mit Oliver Bartlett Extraschichten einlege. Ich bin auch nicht schneller geworden, vielleicht ein paar Millisekunden, die ich mir durch eine neue Lauftechnik erarbeitet habe. Ich werde auch kein Sprinter mehr. Es gibt halt Spieler, die schnell sind und nicht die Technik haben. Ich bin ein Spieler, der die Technik hat, aber nicht so schnell ist. Ich kann halt schnell denken, aber nicht so schnell laufen.  Es liegt vor allem an meinen fußballerischen Qualitäten, dass ich jetzt in der Mannschaft stehe, nicht in erster Linie daran, dass ich jetzt etwas athletischer geworden bin.

Wie wichtig ist Familie für Sie? Sahin: Enorm wichtig. Besonders in schlechten Zeit weiß ich, dass ich nie allein sein werde. Als ich in Rotterdam war, hat mich jedes Wochenende ein Familienmitglied besucht. Eltern, Bruder, Tanten, Onkel, immer war einer bei mir. Und wenn ich irgendwann nach England gehen würde, käme ein Großteil meiner Familie auch mit.

Wie hat Sie Ihre Familie in Ihrer Anfangszeit als Profi unterstützt? Sahin: Der Ausgleich, den mir meine Familie gab, ist wichtig. Ich habe damals für einen 17-Jährigen schon gutes Geld verdient. Mit 18 Jahren fuhr ich schon ein schönes Auto, wohne jetzt in einem eigenen Haus. Ich komme aber aus einer Arbeiterfamilie, mein Cousin finanziert sich sein Studium selbst. Das alles zeigt mir, wo ich herkomme. Deshalb bin ich immer auf dem Teppich geblieben.

Ist es selbstverständlich für Sie, die Familie zu unterstützen? Sahin: Natürlich. Meine kleine Cousine hat mich zuletzt angerufen und erzählt, dass sie lernen möchte, ein Instrument zu spielen. Da habe ich ihr zum Geburtstag eine Gitarre geschenkt. Ein Cousin hatte seine erste Freundin. Sie hatte ein Handy, er nicht. Da habe ich ihm ein ganz normales Handy gekauft, und er bekommt jeden Monat zehn Euro Guthaben von mir. Meine Familie würde mich aber nie ausnutzen.      

Auf Ihrer Homepage steht, dass Sie die Schulzeit vermissen. Sahin: Ich hatte bis zur 10. Klasse eine sehr schöne Zeit. Ich habe mich dann für den Fußball entschieden, weil beides einfach nicht mehr ging. Manchmal stehe ich morgens auf und träume davon, jetzt zur Schule zu gehen. Ich hätte gerne die Abiturzeit mitgemacht. Ich bekomme jetzt die Studentenzeit meines besten Freundes mit. Er erzählt mir dann von seiner Studentenzeit, und dass er am Wochenende zu Studentenpartys geht. Da denke ich schon manchmal, das würde ich auch gerne machen. Aber das geht nicht.

Sind Sie zu schnell erwachsen geworden? Sahin: Ich bin sehr schnell erwachsen geworden. Zu schnell. Mit zwölf Jahren bin ich fast jeden Tag von Meinerzhagen nach Dortmund gefahren. Ich hatte nur den Mittwoch für mich. Freitagabends konnte ich manchmal mit meinen Freunden ins Jugendzentrum gehen. Das war meine ganze Freizeit. Meine Mutter sagt, dass ich meine Kindheit überhaupt nicht ausgelebt habe. Wenn sie das sagt, wird sie immer ganz traurig. Aber ich habe mir meinen Traum erfüllt und bin Profifußballer geworden. Habe mich aber gegen meine Jugend entschieden.

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