Lucien Favre hat den BVB an die Spitze geführt - ist er auch ein Meistermacher?

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Trainer Lucien Favre (61) hat in seinen acht Monaten bei Borussia Dortmund die Erwartungen übererfüllt und dadurch Sehnsüchte geweckt. Kann er den BVB auch zum Meister machen?

Dortmund

, 26.02.2019, 17:12 Uhr / Lesedauer: 4 min

Vereinspräsident Dr. Reinhard Rauball mag Fakten mehr als Vermutungen. Er hält sich vorzugsweise an das, was Schwarz auf Weiß auf dem Papier steht. An die Borussen sendete er im aktuellen Mitgliedermagazin eine einfache, plausible Botschaft, während die letzten Ergebnisse der Schwarzgelben Zweifler in allen Ecken wecken. „Wir sind immer noch Tabellenführer! Und auch ein auf drei Punkte reduzierter Vorsprung bleibt ein Vorsprung, um den uns 17 andere Mannschaften nach wie vor beneiden.“

Mit überwiegend sehr starken Saisonleistungen hat sich Borussia Dortmund nicht nur seit Ende September an die Spitze der Tabelle gesetzt, sondern auch eine hohe Erwartungshaltung und Sehnsüchte geweckt. Nicht nur in Dortmund wünschen sich die Fußball-Fans mal wieder einen anderen Deutschen Meister als Bayern München, das seit dem letzten BVB-Coup 2012 sechs Mal in Serie den Titel geholt hat. Der Abstand beträgt drei Zähler und ein paar Treffer, und die Frage lautet: Ist BVB-Trainer Lucien Favre ein Meistermacher?

Lucien Favre hat den BVB an die Spitze geführt - ist er auch ein Meistermacher?

Lucien Favre hat den BVB an die Tabellenspitze der Bundesliga geführt, zuletzt stolperte die Borussia aber häufiger - unter anderem beim 0:0 in Nürnberg. Wohin führt der Weg auf der Zielgeraden der Saison? © imago

Dortmunds bisheriger Aufschwung ist – neben diversen anderen Aspekten - eng mit Favres Namen verbunden. Allen Bedenken zum Trotz den als schrullig bis kompliziert geltenden Trainer zu engagieren, der nach seinem freiwilligen und kurios selbst verkündeten Abtritt bei Borussia Mönchengladbach 2015 fast als verbrannt galt, benötigte Überzeugung. Die hatten die BVB-Bosse.

Die großen Erfolge fehlen in Favres Vita

Michael Zorc lobte vorab: „Lucien Favre hat die Spieler, die mit ihm zusammengearbeitet haben, und alle seine Mannschaften besser gemacht.“ Der BVB-Sportdirektor dürfte sich bestätigt sehen. Ebenso Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der über Favre sagt: „Er hatte überall Erfolg“. Das kann man so werten. Bis auf zwei Meistertitel und zwei Cup-Siege in der Schweiz hat Favre jedoch keine Titel gehamstert. Die großen Erfolge in den Top-Ligen fehlen in seiner Vita.

Fairerweise muss man betonen, dass Favre noch nie in seiner langen Karriere einen derart luxuriösen Kader wie den von Borussia Dortmund trainiert hat. Den FC Zürich in der Schweiz zeitweise zur Nummer eins zu formen: höchst respektabel. Und so bemerkenswert, dass ihm Hertha BSC die nächste Sprosse auf der Karriereleiter ermöglichte.

Favres Leistung in Berlin: meisterlich - aber ohne Titel

Den mit mittelmäßig begabten Kickern bestückten Hauptstadtklub zweimal in den internationalen Wettbewerb zu führen, brachte ihm weitere Anerkennung. 2009 führte Berlin nach 25 Spieltagen die Tabelle an, lag zwei Runden vor Saisonende nur einen Zähler hinter der Spitze - und landete hinter Wolfsburg, den Bayern und Stuttgart auf Rang vier. Für Herthas Verhältnisse meisterlich. Aber kein Titel.

Lucien Favre hat den BVB an die Spitze geführt - ist er auch ein Meistermacher?

2011 schaffte Borussia Mönchengladbach mit Reus und unter Favre den Klassenerhalt mit letzter Kraft. Seitdem hat sich die Borussia vom Niederrhein in der Spitzengruppe der Bundesliga etabliert - auch wegen Favre. © imago

Seine womöglich größten Verdienste erwarb sich Favre bei Borussia Mönchengladbach. Den Fast-Absteiger, der 2011 den Umweg über die Relegation zum Klassenerhalt benötigte, verwandelte er in einen Champions-League-Klub, der trotz der Trennung im Herbst 2015 bis heute die Früchte von Favres Arbeit erntet. Eigentlich das Maximum, was man so als Trainer erreichen kann. Mehr als der Titel „Trainer der Saison 2014/15“ steht dennoch nicht in seinem Lebenslauf für dieses Werk.

An Favres Qualitäten gibt es wenig Zweifel

Ist Favre nun ein „Weltklasse-Trainer“, wie sein Agent Reza Fazeli schwärmt? Ist er „ein Top-Trainer, auch auf internationalem Niveau“, wie Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus versichert? An den fußball-fachlichen Qualitäten des Mannes aus Saint-Barthélemy in der Schweiz, vom Typ her eher Professor als Pädagoge, eher Dogmatiker als Pragmatiker, gibt es wenig Zweifel.

Doch kann er seine Mannschaft auch kitzeln, sie motivieren bis die Spieler mit Gänsehaut auf den Platz stürmen? Das muss er beweisen. Behält er, zeitweise von unvergleichlicher Arbeitswut und Detailverliebtheit getrieben, die Nerven? Anders als in Berlin oder Gladbach, wo die Kooperationen im Streit endeten? Seine Geduld und seine Nachsicht werden gerade mit den vielen jungen Spielern im Dortmunder Kader und dem in froher Erwartung jauchzenden Umfeld strapaziert werden.

Lucien Favre hat den BVB an die Spitze geführt - ist er auch ein Meistermacher?

Pal Dardai, für Favre in Berlin eine wichtige Stütze im Kader und heute Trainerkollege: „Damals war die Bundesliga neu für ihn, das war ein Anfang. Er hat sich sehr entwickelt.“ © imago

Langjährige Weggefährten sehen hier bei Favre durchaus eine Weiterentwicklung. „Es ist ein anderer Lucien Favre als damals“, sagte sein ehemaliger Spieler und jetziger Hertha-Trainer Pal Dardai. „Damals war die Bundesliga neu für ihn, das war ein Anfang. Er hat sich sehr entwickelt.“

„Es ist ein anderer Lucien Favre als damals.“
Pal Dardai

Andere beschreiben, der Schweizer ruhe mehr in sich, er lasse den ganzen Trubel auch in einer Fußballstadt wie Dortmund nicht zu nahe an sich herankommen. Von seinen tiefsten Überzeugungen über das Spiel seines Herzens weiche er eh nicht ab. So verlief auch seine aktuelle Reaktion auf die Rückschläge: weiter arbeiten, weiter spielen. Nur etwas besser und erfolgreicher, bitte!

Understatement gehört für Favre zum Kerngeschäft

Für die überhitzten, aufgeblähten Diskussionen im Fußball hat Favre leidlich wenig übrig. Fragen bei öffentlichen Auftritten wie Pressekonferenzen beantwortet er gar nicht oder er versucht die Antwort – mal mehr, mal weniger gekonnt - charmant zu umschiffen. Für Thematiken außerhalb der reinen Lehre ist er kaum ansprechbar.

Understatement gehört für ihn zum Kerngeschäft. „Favorit?“ fragte er ungläubig zurück und hob verdächtig die Augenbrauen, als sei der Reporter, der ihn nach den Dortmunder Meisterschaftschancen befragte, ein Schalk, der ihn übertölpeln wolle. „Nein, wir sind nicht Favorit.“ Leichtes Kopfschütteln. „Druck“ gesteht Favre, habe und spüre er sehr wohl, aber Druck hätten doch alle Arbeitnehmer, auch alle Fußballer in der Dritten Liga. Nichts Besonderes. Er setzt sich selbst sowieso unter Strom.

Beim BVB erhöhen sich Favres Chancen auf Zählbares

Und ohne Wertung muss man konstatieren, dass er erst mit 60 Jahren bei einem internationalen Topklub gelandet ist, der vor dieser Saison auch mal 100 Millionen Euro in neues Personal investieren kann. Das erhöht die Chancen auf Zählbares ebenso wie die Gefahr, schnell angezählt zu werden. „Natürlich brauchst du als Top-Trainer auch die Möglichkeit, auf Top-Niveau einkaufen zu können, wie es Guardiola, Tuchel, Mourinho oder Ancelotti haben“, sagt Matthäus. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Der Satz „Geld schießt keine Tore“ sei großer Blödsinn, sagt BVB-Boss Watzke: „Geld erhöht die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass die Tore auf der richtigen Seite fallen.“

Lucien Favre hat den BVB an die Spitze geführt - ist er auch ein Meistermacher?

Lucien Favre: „Es ist schwer, zu Dortmund ‚Nein‘ zu sagen.“ © Rehbein/Kirchner

Das dachte sich wohl auch Favre, als die Borussen aus Dortmund im Sommer 2017 ohne Einigung mit OGC Nizza vergeblich um ihn feilschten und erst ein Jahr später den neuen Trainer unter Vertrag nahmen. „Wenn ich 35 Jahre alt wäre, wäre ich vielleicht vier, fünf Jahre in Nizza geblieben“, sagte Favre zu seinem Abschied bei OGC. „Es ist schwer, zu Dortmund ‚Nein‘ zu sagen.“

Der BVB mit der größten Chance seit sechs Jahren

Die Gelegenheit zum Glücksgriff ist größer als je zuvor für Favre. Und sie ist größer als in den letzten sechs Jahren für den BVB. „Wir schauen nur auf uns, Spiel für Spiel“, wiederholt sich der Coach permanent. So war der Klub auch verfahren, als er vor knapp acht Jahren unter Jürgen Klopp unverhofft erstmals wieder Hand an die Schale legen durfte. „Ruhe bewahren“ haben Watzke und Zorc zur Maxime ausgerufen. Das gilt auch für den leicht erregbaren Trainer, der in Manfred Stefes einen langjährigen Gefährten, in Edin Terzic einen eher jugendlichen Gehilfen und in Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl einen Aufpasser und Kümmerer an der Seite. Für Favre ist das Paket also geschnürt. Keine Wundertüte, sondern eine Schale könnte drin liegen.

Wenn der Coach aktuell auf die Tabelle schaut und sich wie Vereinspräsident Rauball an die Fakten hält, müsste er zustimmen: Borussia Dortmund kann Deutscher Meister werden. Und dann würde aus dem Monsieur ein Grandseigneur werden. Da wären erneut 17 andere Bundesligisten neidisch.

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