Jadon Sancho ist der Senkrechtstarter der Saison - nicht nur beim BVB

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Jadon Sancho ist heißer Kandidat auf den Titel „BVB-Spieler der Saison“. Auch den internationalen Vergleich braucht er nicht zu scheuen. Dabei wäre das Leben des Engländers ohne seine Dribbelkünste wohl anders verlaufen.

Dortmund

, 20.05.2019, 17:08 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Slalomstangen diskreditiert zu werden, das wird seinen Gegenspielern nicht immer gerecht. Sie haben es schwer genug. Keiner von ihnen steht steif da und lässt sich freiwillig umkurven. Sie versuchen ja, die Bewegungen mitzumachen. Und genau da setzt Jadon Sancho seine Dribblings an.

Sobald klobigere Abwehrrecken in die eine Richtung zucken, stößt der 19-Jährige mit graziler Hochgeschwindigkeit in die andere. Manche landen vor lauter Schwindel auf dem Hosenboden. Andere werden getunnelt. Sancho dürfen sie diese Demütigungen nicht übel nehmen. So spielt er nun mal.

Viel Lob für Sancho von seinen Mitspielern

„Jadon ist wieselflink, er hat eine brutale Schnelligkeit und schlägt fiese Haken“, beschreibt sein Angriffskollege Maximilian Philipp den jungen Engländer. „Er kann einige Gegner schwindelig spielen. Auch sein Antritt ist brutal.“

Auf Sancho zu treffen sei nicht die angenehmste Herausforderung, gestehen Teamkollegen wie Manuel Akanji oder Fabian Delph aus der englischen Nationalelf. „Wenn man ihn aggressiv angeht, dann leitet er den Ball einfach weiter. Wenn man zu passiv ist, dann spielt er einen aus“, stöhnte Delph. „Er ist so jung, und ihm sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.“

„Er ist so jung, und ihm sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.“
Fabian Delph

Ein Genie ohne Grenzen. In weniger als einem Jahr hat sich Jadon Malik Sancho, geboren im März 2000, von einem hoffnungsvollen Talent zu einem der angesagtesten Fußballspieler des Kontinents weiterentwickelt. Für Borussia Dortmund, die Bundesliga und vielleicht sogar weltweit ist er der Newcomer der Saison. Sancho, der Senkrechtstarter. Sancho, der Rekordbrecher. Sancho, der 100-Millionen-Euro-Mann.

Sancho schafft es aus dem Londoner Süden auf die große Bühne

Sancho, der Migrantenjunge. In den Straßenschluchten von Kensington im Londoner Süden blüht der Verfall an den Häusern aus der viktorianischen Ära, es blüht die Kriminalität an den Häuserecken und es blühen Träume. Träume von einem Ausweg und von der großen, weiten Welt. Vom Rampenlicht und von Sorglosigkeit.

„Nach der Schule habe ich immer Fußball gespielt“, sagt Sancho, ein kesser Junge mit Wurzeln in Trinidad und Tobago. „Egal, wie das Wetter war. Hauptsache Fußball. Jeder hatte den Traum, erfolgreich zu werden.“ Eine harte Schule auf hartem Betonboden. Sozialarbeiter schauen auf die Kinder, die sich an den Bolzplätzen sammeln. Wenn er nicht den Fußball gehabt hätte, sagt Sancho, dann hätte es in seinem Leben auch andere Wendungen geben können, Altersgenossen hätten „schlimme Dinge“ getan.

Harte Einschläge für Jadon Sancho

Auch sein junges Leben erfährt harte Einschläge. Sein kleiner Bruder stirbt mit fünf Jahren. Die Trauer muss unermesslich sein. Ein Tattoo auf seinem linken Arm erinnert Jadon Sancho daran. Dort steht ein Gedicht:

„You and me will stay together, you made us happy, you brought us joy, you were a special baby boy. I couldn’t wait till you grew up, teach you football and win the cup. But you’re gone what can I do? Baby brother, we love you.“

Im vergangenen Dezember scheidet seine Großmutter aus dem Leben. Die Familie trauert erneut. Drei Tage später trifft Sancho zum 2:1-Sieg im Derby, macht sich bei den Fans unsterblich.

Jadon Sancho ist der Senkrechtstarter der Saison - nicht nur beim BVB

Bei seinem Torjubel reckt Jadon Sancho beide Arme gen Himmel. Einen für den Bruder, einen für Oma. © imago

Während Kensington für viele eine Sackgasse bleibt, sticht Sancho, das Wunderkind, beim Kicken heraus. Auch ältere Mitspieler, selbst Erwachsene narrt er. Auf Videos schaut er sich die Tricks der Helden seiner Kindheit ab. Ronaldinho ist für ihn der Beste auf der Welt. In den Straßen Südlondons ist dieser Jadon einer der Größten. Sanchos Talent überragt dermaßen, dass er auffallen muss. So kommt es auch.

Manchester City ist für Sancho das Nonplusultra

Bei Jugendturnieren stürmt er unaufhaltsam, er erspielt sich einen Namen. Die ersten Klubs buhlen um ihn. Vater Sean bringt ihn beim FC Watfort unter. Ein gutes Stück nördlich von London, eine andere Welt. Von 2007 bis 2015 kickt er dort, bis er auch hier über das Ziel hinausschießt. Manchester City lautet die nächste Station, das ist das Nonplusultra in Sachen Infrastruktur und Ausbildung.

Jadon Sancho ist der Senkrechtstarter der Saison - nicht nur beim BVB

Autogramme eines Spielers mit den „Three Lions“ auf der Brust sind naturgemäß heiß begehrt. Schon in der U17 stach Jadon Sancho und das Interesse an ihm aber hervor. © imago

Professionellere, luxuriösere Bedingungen gibt es nirgendwo sonst. Spätestens als er bei der U 17-Europameisterschaft mit den jungen Löwen die besten gleichaltrigen Gegner aussehen lässt wie Schulbuben, registriert die Szene, dass hier ein Diamant zu sehen ist, der auch ungeschliffen schon funkelt.

Unsichere vetragliche Lage bei Manchester City - der BVB geht auf Nummer sicher

„Ich hatte ihn nur zehn Minuten spielen sehen“, berichtet Lothar Matthäus, „Dribblings, Doppelpässe, Abschlüsse. Ganz stark!“ Ähnliche Notizen vom „Spieler des Turniers“ machen sich die Scouts aus aller Herren Länder, auch die vom BVB. Doch Sancho war fest an City gebunden. Oder nicht?

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Nein. Im Sommer 2017 kündigt Sancho seinen Ausbildungsvertrag, er verzichtet wochenlang auf das Training. Die Hoffnung, im Star-Ensemble von Pep Guardiola den Durchbruch zu schaffen, erscheint ihm zu vage. Längst ist Borussia Dortmund auf den Plan getreten. Der Klub, der wie kaum ein anderer in Europa mit dem Prädikat lockt, dass hier aus großen Talenten auch große Fußballer werden können.

Sanchos Entwicklung beim BVB kennt bislang nur eine Richtung

Sancho besichtigt das Trainingsgelände, hört sich an, wie der Klub mit ihm plant. Und er schlägt ein. 8,73 Millionen Euro Ausbildungsentschädigung zahlt der BVB, um bei der unsicheren vertraglichen Lage Sanchos auf der sicheren Seite zu sein. Selten hat sich eine Investition derart gelohnt.

Jadon Sancho ist der Senkrechtstarter der Saison - nicht nur beim BVB

Jadon Sancho erzielte sieben seiner zwölf Saisontore zu einer 1:0-Führung.

Nach dem normalen Anpassungsprozess kennt Sanchos Entwicklung nur eine Richtung: nach oben. Der Dribbelkönig lernt, effizienter zu spielen. Er dosiert seine Soli, ist „mehr auf den Endzweck aus und weniger auf Zirkus“, wie Ex-Trainer Peter Stöger es formuliert. Er schärft seinen Blick für Raum und Mitspieler. „Mein Spiel ist reifer geworden“, sagt er als Begründung für seine von Rekorden geprägte Saison. Mit 19 Assists ging er außerdem als bester Vorbereiter der Liga aus der Saison.

Sancho sieht sich noch lange nicht am Ziel

Am Ziel sieht er sich noch lange nicht. Es gibt noch Spiele, in denen er abtaucht, wie bei den Top-Partien in Tottenham oder bei den Bayern. Es gibt noch Defensivaufgaben, die er besser wahrnehmen kann. Aber es gibt gerade keinen, der besser dribbeln kann als dieses Slalom-Ass.

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