Für Joachim Löw steht mit dem DFB-Team gegen Portugal viel auf dem Spiel. © imago / Moritz Müller
Europameisterschaft

Joachim Löw und die drei Fragezeichen: DFB-Team steht am Scheideweg

Das DFB-Team läuft Gefahr, sich das 0:1 gegen Frankreich schönzureden. Was beim EM-Start schiefgelaufen ist, was Bundestrainer Löw jetzt ändern muss und wie es weitergeht. Die Analyse.

Einer sprach Klartext. Nachdem eine Reihe von Nationalspielern und Bundestrainer Joachim Löw in ihren Einschätzungen einen Tick zu wohlwollend und nachsichtig mit ihrer Leistung umgingen („Ebenbürtig“, „auf Augenhöhe“, „Punkt verdient“), meinte Robin Gosens weniger missverständlich: „Am Ende des Tages stehen wir hier mit null Punkten. Deswegen bin ich etwas angepisst, das ist klar.“ Deutschland spielte nicht schlecht gegen Frankreich, aber längst nicht gut genug. Warum das so war, was jetzt passieren muss und wie es weitergeht – die drei Fragezeichen.

Warum hat die DFB-Auswahl offensiv so wenig zustandegebracht?

„Unterm Strich war das zu wenig, weil wir vorne zu harmlos waren“, konstatierte Joshua Kimmich. Löws Plan, ihn und sein Pendant Gosens als Schwungräder zu nutzen für Tempo und Tiefe im Spiel, ging nicht auf. Frankreich verdichtete das Zentrum, ohne die Außenbahnen zu entblößen. Was Deutschland auch versuchte mit Kombinationen, Standards oder Flanken, es schlug fehl. Bis zum Strafraum gestattete der Weltmeister viel, in der gefährlichen Zone nichts.

„Wir müssen mehr Chancen kreieren. Das können wir, das ist auch eigentlich unser Spiel“, meinte Ilkay Gündogan. Für ihn galt wie für einige andere: Im Pflichtenheft standen mehr defensive Aufgaben, das ging zulasten des Angriffsspiels. „In der Offensive müssen wir uns auf jeden Fall noch verbessern“, sagte Löw. „Ansonsten kann ich der Mannschaft keinen Vorwurf machen.“ Engagement, Elan stimmten. Das allerdings ist bei einem internationalen Turnier die Basis. Die DFB-Auswahl muss ihre Stärken besser durchsetzen.

Was muss Löw für das Portugal-Spiel jetzt ändern?

Die Umstellung auf eine Dreierreihe hat teilweise gefruchtet, der Mannschaft aber die Durchschlagskraft geraubt. „Wir haben es verpasst, mit mehr Spielern in die gegnerische Hälfte vorzustoßen“, erkannte Gündogan. Mit einer Rückkehr zum 4-2-3-1-System wäre nicht nur nominell Platz für einen weiteren Angreifer. Das Zusammenspiel mit den zwei verkappten Spielmachern Kai Havertz und Thomas Müller sowie Serge Gnabry brachte die Franzosen kaum ins Schwitzen. Auch die Alternativen, Leroy Sane oder Timo Werner, würden es danken, in einer ihnen besser bekannten Position eingesetzt zu werden.

In einer Viererkette könnte etwa BVB-Spieler Emre Can hinten rechts in die Abwehr rücken. Das verspräche defensive Stabilität, und Kimmich wäre frei für einen Platz im defensiven Mittelfeld. Eine Bewerbung für sich als Schienenspieler rechts hat der Münchner jedenfalls nicht abgegeben.

Was steht jetzt für Deutschland auf dem Spiel?

Anführer Toni Kroos redete in diesem Punkt nicht drumherum. „Wenn du das erste Spiel verlierst und hast nur drei Gruppenspiele, ist der Druck groß.“ Eine Niederlage gegen den amtierenden Europameister kann sich die deutsche Mannschaft am Samstag (18 Uhr) auf keinen Fall erlauben, sonst wäre der Weg in die K.o.-Runde selbst als Gruppendritter sperrig. Löw beruhigt: „Wir sind alle enttäuscht. Aber es ist nichts passiert. Wir haben noch zwei Spiele, in den beiden Spielen können wir noch alles geradebiegen.“

Neben dem fußballerischen Optimierungspotenzial muss Löw in seinem finalen Turnier beweisen, dass er seine Jungs trotz der Auftaktpleite in die Spur bringen kann. Oft genug hat er den Teamgeist, den Zusammenhalt und die Energie der Gruppe gelobt. 80 Millionen Bundestrainer wünschen sich ein Belegexemplar, gerne schon am Samstag. „Wir haben auf jeden Fall das Niveau, um mit den Topteams mitzuhalten“, sagte Kimmich. „Frankreich ist EM-Favorit. Wir müssen im nächsten Spiel zeigen, dass wir auch ein Favorit sind.“ Klarer klingt auch das bei Gosens: „Wir können noch sechs Punkte holen. Also werden wir die nächsten beiden Partien mit Vollgas angehen.“

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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