Wirbel wegen Stellungnahme - hitzige Diskussionen in der BVB-Fanszene

mlzBorussia Dortmund

Das Bündnis „Südtribüne Dortmund“ spricht sich gegen Geisterspiele in der Bundesliga aus. Das sorgt für Verwunderung und Diskussionen beim BVB, auch innerhalb der Fanszene.

Dortmund

, 17.04.2020, 18:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Botschaft der „Südtribüne Dortmund“ kam mit zeitlicher Verzögerung daher, aber sie fiel inhaltlich deutlich aus: „Quarantäne für den Fußball – Geisterspiele sind keine Lösung!“ So lautet die Überschrift einer Stellungnahme, die das Fan-Bündnis am Freitagvormittag auf seiner Internetseite veröffentlichte. Unterschrieben ist es von den „Fanszenen Deutschlands im April 2020“.

Ligenübergreifendes Bündnis – auch BVB-Ultras dabei

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Zu diesem Bündnis, das sich ligenübergreifend bis auf wenige Ausnahmen, wie beispielsweise die Ultras Gelsenkirchen, aus den organisierten Fanszenen des Landes zusammensetzt und regelmäßig austauscht, zählen sich auch die Dortmunder Ultragruppen. Der Verbund „Fanszenen Deutschlands“ resultiert aus dem Fan-Protest gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Jahr 2017 („Krieg dem DFB“), damals angeführt von den „Ultras Dynamo“ aus Dresden.

Nun richtet dieses Bündnis klare Forderungen an die 36 Klubs der ersten und zweiten Liga, bevor die Deutsche Fußball Liga (DFL) und DFB in der kommenden Woche darüber beraten, wie es im Fußball in Zeiten der Corona-Pandemie weitergehen kann.

Ultragruppen kritisieren geplante Fortsetzung der Bundesliga

In dem Schreiben, das von vielen anderen Ultragruppen bereits am Donnerstagabend veröffentlicht wurde, kritisieren die „Fanszenen Deutschlands“ die geplante Fortsetzung der ersten und zweiten Liga im Mai mit deutlichen Worten. „Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar – schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung. Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft und insbesondere all denjenigen, die sich in der Corona-Krise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne.“

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Es dürfe keine „Lex Bundesliga“ geben, heißt es weiter. Der Fußball habe zwar eine „herausgehobene Bedeutung“, sei aber nicht systemrelevant. „In einer Zeit, in der wir alle sehr massive Einschränkungen unserer Grundrechte im Sinne des Gemeinwohls hinnehmen, ist an einen Spielbetrieb der Bundesligen nicht zu denken. Wenn seit Wochen über einen Mangel an Kapazitäten bei Covid-19-Tests berichtet wird, ist die Idee, Fußballspieler in einer extrem hohen Taktung auf das Virus zu untersuchen, schlicht absurd.“

Ultras kritisieren Abhängigkeit von TV-Geldern

Darüber hinaus kritisiert das Fan-Bündnis fehlende Nachhaltigkeit im Fußball sowie Abhängigkeit von TV-Geldern. „Ganz offensichtlich hat der Profifußball viel tieferliegende Probleme“, heißt es, „ein System, in das in den letzten Jahren Geldsummen jenseits der Vorstellungskraft vieler Menschen geflossen sind, steht innerhalb eines Monats vor dem Kollaps. Der Erhalt der Strukturen ist vollkommen vom Fluss der Fernsehgelder abhängig, die Vereine existieren nur noch in totaler Abhängigkeit von den Rechteinhabern.“ Auch fehlende Solidarität des Profifußballs für die Spielklassen unterhalb der zweiten Liga sei ein Problem, heißt es.

Die Kern-Forderungen der „Fanszenen Deutschlands“ lauten etwas vereinfacht: keine Geisterspiele zur Fortsetzung der Bundesliga, eine Abkehr vom „blinden Retten der TV-Gelder“, eine „maximal solidarische“ Zukunftslösung für den Fußball in Deutschland und eine „Diskussion um grundlegende Reformen“ bei Erhalt der 50+1-Regel. „Die Phase einer von der restlichen Gesellschaft komplett entkoppelten Fußballwelt“ müsse ein Ende finden.

Borussia Dortmund zeigt sich verwundert

Bei Borussia Dortmund ist die Veröffentlichung dieser Stellungnahme durch das Bündnis „Südtribüne Dortmund“ durchaus mit Verwunderung zur Kenntnis genommen worden – man könnte auch von Verärgerung sprechen. Zum einen, weil der „Berufsverband „Akkreditierte Labore in der Medizin“ erst am Donnerstag erklärte, dass eine Fortsetzung der Bundesliga zumindest in puncto Covid-19-Testkapazitäten kein Problem darstelle. Zum anderen gibt es beim BVB auch Zweifel, ob die Stellungnahme mit voller Überzeugung veröffentlicht wurde.

Anhaltspunkte für diese Zweifel gibt es tatsächlich. Es habe, so erfährt man hinter vorgehaltener Hand aus mehreren Quellen, hitzige Diskussionen innerhalb der Dortmunder Fanszene gegeben, ob die Stellungnahme überhaupt veröffentlicht werden solle, weil man in weiten Teilen gar nicht mit ihr einverstanden sei. Auch deswegen sei sie Veröffentlichung erst einen Tag später erfolgt als andernorts. Der Vorstoß für diese Stellungnahme sei jedenfalls ganz sicher nicht aus Dortmund gekommen.

BVB-Ultras wollen Stärke und Geschlossenheit zeigen

Am Ende hätten sich in Dortmund allerdings die Stimmen durchgesetzt, die darauf bestanden hätten, dass es entscheidend sei, im Bündnis „Fanszenen Deutschlands“ Stärke und Geschlossenheit zu zeigen, um Risse innerhalb des Verbundes zu vermeiden. Es habe diesbezüglich durchaus auch Druck von außen, also aus anderen Fanlagern, gegeben.

Was viele in der Dortmunder Fanszene besonders stört, ist, dass man sich durch die Veröffentlichung der Stellungnahme in der Öffentlichkeit komplett gegen den Standpunkt des eigenen Vereins positioniert, der eine Fortsetzung der Bundesliga-Saison 2019/2020 als alternativlos ansieht. Dabei gibt es derzeit auch in der hiesigen Fanszene Stimmen, die Geisterspiele als ein notwendiges Übel betrachten und lieber Spiele ohne Zuschauer als wirtschaftliche Horrorszenarien sehen würden.

Zusammenarbeit zwischen Fanszene und BVB-Geschäftsführung gefährdet?

Vor allem aber sehen viele Fans die aktuell gute Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Fanszene und Geschäftsführung, die in Fankreisen zuletzt immer wieder lobend hervorgehoben wird, durch die Veröffentlichung der Stellungnahme gefährdet. Es habe zuletzt viele konstruktive Gespräche zwischen Fans und Verein gegeben, heißt es. Zum Beispiel rund um die Proteste gegen den DFB und Dietmar Hopp, zum Beispiel aber auch bei der Erarbeitung der Modelle für die Rückerstattung der Eintrittskarten für die restlichen Spiele in dieser Saison.

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Zuletzt wurde zwischen der Dortmunder Fanszene und dem BVB stets ein Kompromiss gefunden, mit dem beide Seiten am Ende leben konnten. Beim Thema Geisterspiele liegen die Ansichten dafür zu weit auseinander, zumindest auf den ersten – und offiziell preisgegebenen – Blick.

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