Der BVB möchte ökologisch nachhaltiger Arbeiten. Dazu zählt auch, den Müll im Signal Iduna Park zu reduzieren. © imago
Borussia Dortmund

Lörcher über Nachhaltigkeit: „BVB hat noch viele Hausaufgaben zu machen“

Der BVB bündelt seine nachhaltige Arbeit in einer eigenen Abteilung. Daniel Lörcher und Marieke Köhler sprechen über Herausforderungen, Hausaufgaben und ein neues Antidiskriminierungskonzept.

Corporate Responsibility – unternehmerische Verantwortung – das ist das, was sich Borussia Dortmund auf die Fahnen geschrieben hat. Der BVB will sportlich erfolgreich sein, aber er will eben auch nachhaltig arbeiten. Seit 2017 veröffentlicht die Borussia einen Nachhaltigkeitsbericht, der Anfang des Monats erschien, und im vergangenen Jahr gründete sie eine eigene Abteilung „Corporate Responsibility (CR)“.

BVB möchte Grubenwasser als Energiequelle nutzen

Daniel Lörcher, Leiter der CR-Abteilung und Marieke Köhler, Mitarbeiterin und Stiftungsmanagerin von „leuchte auf“, sprechen im Interview über die größten Herausforderungen bei ihrer Arbeit und ein neues Antidiskriminierungsprogramm, das sich vor allem an Frauen richtet. Sie erzählen, warum der BVB Grubenwasser als Energiequelle für sein Stadion nutzen möchte, welche Hausaufgaben noch zu machen sind und warum es 25 wichtige Themen in Sachen Nachhaltigkeit gibt.


Der BVB hat seit gut einem Jahr seine nachhaltigen Aktivitäten in einer eigenen Abteilung „Corporate Responsibility“ gebündelt. Warum benötigt der BVB so eine Abteilung?

Lörcher: Zum einen gab es ein Gesetz, dass uns dazu verpflichtet hat, eine nicht-finanzielle Erklärung zu veröffentlichen. Das war der Auftakt für die Nachhaltigkeitsberichterstattung des BVB, anfänglich verankert in der Direktion Finanzen. Und es gab und gibt einen gewissen gesellschaftlichen Druck wie zum Beispiel mit der wichtigen Fridays-for-Future-Bewegung. Auch in der Belegschaft und bei den Fans gibt es ein großes Interesse und ein Verständnis dafür, dass mit unserer Welt gerade etwas passiert, worauf wir alle gemeinsam eine Antwort finden müssen. Und nicht minder wichtig ist auch unsere eigene Motivation. So etwas funktioniert nur in einer Gruppe, gerade bei der Vielzahl der Themen.

Daniel Lörcher (l.) und Marieke Köhler arbeiten für die Abteilung „Corporate Responsibility“ beim BVB. © BVB / Alexandre Simoes © BVB / Alexandre Simoes

Was wäre ohne diese Abteilung nicht möglich gewesen?

Köhler: Dieses Thema Nachhaltigkeit entwickelt sich. Man kann das Thema nicht allein oder nebenbei abhandeln, weil es so ein großes Querschnittsthema ist, an dem unheimlich viele Kollegen und Kolleginnen beteiligt sind. Unsere Aufgabe ist es, die Fäden zusammenzuhalten und Impulse zu setzen. Mit dieser Abteilung haben wir einfach die Chance bekommen, uns viel intensiver und noch strategischer mit diesem Thema auseinandersetzen zu können. Nicht nur darüber zu berichten, sondern operativ Dinge anzustoßen und umzusetzen.


Was sind die herausforderndsten Themen in Sachen Nachhaltigkeit für den BVB?

Lörcher: Eine grundsätzliche Herausforderung ist, dass wir damit leben müssen, Widersprüche auszuhalten. Wir haben alle das gemeinsame Ziel des sportlichen Erfolgs, unter dessen Einfluss alles steht. Ein konkretes Beispiel: Unsere Mannschaft hat sehr viele Spiele und wir haben auch den Anspruch, international zu spielen und erfolgreich zu sein, dafür sind Flugreisen nötig. Das ist ja schon ein Widerspruch in sich, wenn wir zum Beispiel an die ökologischen Herausforderungen denken. Wir müssen da immer ein gutes Mittel finden, eine Akzeptanz schaffen. Ökonomisch ist der BVB alleine durch die Maßgabe der letzten Jahre, keine Schulden zu machen, gut aufgestellt. Durch das langjährige soziale Engagement sind wir auch in dieser Hinsicht gut aufgestellt. Die größte Herausforderung ist deshalb der ökologische Bereich. Da hat der BVB noch sehr viele Hausaufgaben zu machen. Und da kommt als große Herausforderung hinzu, dass unser Stadion sehr alt ist, da stecken viele Themen drin – und vor allem viele Chancen.


Wie sehen ganz konkret die Hausaufgaben für die nächsten ein, zwei Jahre aus?

Lörcher: Die wichtigste Hausaufgabe haben wir schon begonnen und müssen sie fortführen. Das ist, zu verstehen, wie die Themen miteinander zusammenhängen. Das Reporting im Stadion muss noch weiter verbessert werden. Wo fallen welche Energieverbräuche an? Wo entsteht welcher Müll? Diese Themen müssen wir als BVB noch mehr verinnerlichen und daraus dann Maßnahmen ableiten. Es geht um eine Politik der sinnhaften Schritte. Wir gucken zum Beispiel, dass die für das Stadion zuständigen Kollegen und Kolleginnen die nachhaltigen Herausforderungen mit in ein Sanierungskonzept implementieren.

Köhler: Und noch eine Sache: Wir möchten, dass 80.000 Menschen in unser Stadion kommen. Aber wie kommen sie denn in unser Stadion? An- und Abreise verursachen einen großen CO2-Ausstoß. Da deckt sich wieder ein Widerspruch auf. Wir wollen, dass die Menschen kommen, dass es beim BVB diese tolle Atmosphäre im Stadion gibt – und hier müssen wir dann schauen, wie wir die Fans einbinden und anstiften können, mit ihrem Handeln positiv Einfluss zu nehmen. Gemeinsam können wir hier viel erreichen.

Ein wichtiges Thema in Sachen ökologische Nachhaltigkeit sind die Mehrwegbecher. Das ist auch unter den Fans ein Diskussionsthema.

Köhler: Es ist schwierig, da an einer Lösung zu arbeiten und bislang gibt es den heiligen Grahl noch nicht. Weil es schlussendlich immer darum geht: Wie oft gebe ich diesen Becher in den Umlauf? Wie oft kommt der zurück? Und wie oft ist er dann noch verwendbar? Es ist eine Herausforderung für die Zukunft, nicht nur für uns, sondern für alle Bundesligisten, wie wir mit so einem Thema besser umgehen können.

Der Signal Iduna Park steht im Fokus der ökologischen Nachhaltigkeitsarbeit des BVB. © Blossey © Blossey

Es gibt die Überlegung, Grubenwasser als Energiequelle im Stadion zu nutzen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Lörcher: Die Idee ist bei der Betrachtung der Energieversorgung des Stadions durch unsere Kollegen im Facility Management entstanden. Wir haben eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, wir haben unsere Wassernutzung, das Stadion wird geheizt. Im Ruhrgebiet gibt es viele alte Flöze. Aktuell wird die Möglichkeit geprüft, aus einem alten Bergbau das Wasser zu beziehen, was dann schon eine andere Grundtemperatur hat. Und der Energieaufwand, der dann benötigt wird, um das Wasser bis zu der Temperatur zu erhitzen, die wir für die Wärmeversorgung des Stadions brauchen, ist dann weniger groß. Es könnte also ein großes Potenzial für Energieersparnis geben.


Wann ist mit Ergebnissen zu rechnen?

Lörcher: Wir hoffen, dass wir Anfang des Jahres eine verbindliche Aussage treffen können, ob das eine Möglichkeit darstellt oder nicht.


Und dann würden die nächsten Schritte getroffen?

Köhler: Man muss dazu sagen, dass das erstmal eine Machbarkeitsstudie ist. Selbst wenn am Ende herauskommt, das da Wasser ist, muss geprüft werden, wie das Wasser beschaffen ist, und dann überlegt werden, wie wir das in eine Nutzung bekommen. Da hängt ganz schön viel dran, schon alleine an der Entscheidung, ob ein Bohrer angesetzt wird oder nicht. Denn das wäre eine große Investition. Die Untersuchung wurde in Auftrag gegeben, weil die Chancen gut sind, dass man es nutzen kann. Aber weitere Entscheidungen können erst im Januar getroffen werden.


In England gibt es mit den „Forest Green Rovers“ den grünsten Fußballverein der Welt. Diese bieten in ihrem Stadion zum Beispiel ausschließlich veganes Essen an. Ist das etwas, was der BVB auch umsetzen könnte?

Lörcher: Es gibt mittlerweile mehrere Stände, an denen es vegetarisches und auch veganes Essen gibt. Das ist ein Thema, für das die Kollegen und Kolleginnen der BVB Event & Catering GmbH ein gutes Auge haben.

Köhler: Der erste vegane Stand war ein Pilotprojekt einer Auszubildenden der BVB Event & Catering GmbH und kam super an. Wir merken, dass die Fans ihre Ansprüche an das Angebot ändern. Wir wollen und müssen uns den Bedürfnissen der Fans nähern.


Wie unterscheidet sich die nachhaltige Arbeit des BVB von anderen Vereinen?

Lörcher: Wir unterscheiden uns mit dem Nachhaltigkeitsbericht. Der gibt uns viele Möglichkeiten, das Thema ganzheitlich zu betrachten und ich glaube, da ist diese Berichtspflicht für uns eine große Chance. Grundsätzlich ist es so, dass der Fußball im sozialen Bereich deutlich stärker ist als in den ökologischen Herausforderungen. Und dann gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Bei uns ist es sicherlich das Thema Antidiskriminierung, das in der Art und in dem Umfang, wie wir das machen, besonders ist.

Köhler: Das Augenmerk liegt in diesem ökologischen Bereich vermehrt auf dem Profifußball, wo wir eben auch Nachholbedarf haben. Es gibt aber keine wirkliche Konkurrenz unter den Vereinen. Das Thema kommt mittlerweile auch verstärkt über die DFL. Jeder Klub hat mit seinen eigenen unterschiedlichen Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten zu kämpfen. Bei uns ist das Stadion die Herausforderung. Woanders gibt es vielleicht gar keine CR-Abteilung, weil das Personal und das Geld dafür nicht da sind. So befindet sich jeder gerade auf einem anderen Weg seiner eigenen nachhaltigen Entwicklung. Das größte und gemeinsame Ziel ist ja, dass unser Umgang mit Ressourcen in eine Normalität übergeht.


Aber dann ist der BVB mit einer eigenen Abteilung durchaus weit in der Entwicklung?

Köhler: Ja, ich würde sagen, dass wir weit sind, weil wir sehr strategisch an dieses Thema herangehen. Wir haben schon viel Zeit und viel Mühe darauf verwandt, das Ganze zu beleuchten, anstatt einzelne Maßnahmen zu starten. Wir gehen da sehr gesamtheitlich dran. Durch den Nachhaltigkeitsbericht haben wir sehr klar identifiziert, was unseren Themen sind und in welchem Thema welche Chance und welches Risiko liegt.

Ein starker Fokus des BVB liegt, wie eben erwähnt, auf der Antidiskriminierungsarbeit. Immer mehr Fans des BVB sind Frauen. Was tun sie gegen Sexismus gegen weibliche Fans?

Lörcher: Die Antidiskriminierungsarbeit hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Wir haben ein Schutzkonzept entwickelt, bei dem es um sexualisierte Gewalt geht. Wir haben in allen Abteilungen Ansprechpersonen geschult. Wir sprechen das Thema immer öfter an, um es zu enttabuisieren. Denn es herrscht oft eine große Unsicherheit, Opfer wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Da ist es wichtig, eine Transparenz herzustellen. Und auf den Stadionbesuch bezogen: Wir haben ein bestehendes Konzept namens „Panama“ von FKP Skorpio für den BVB weiter entwickelt und einen sicheren Rückzugsort im Stadion eingerichtet. Wenn sich jemand belästigt oder einfach unwohl fühlt, kann er einen Ordner ansprechen und diesen Begriff nutzen und dann bekommt er professionelle Hilfe. Da ist uns nur durch die Pandemie ein wenig ein Strich durch die Rechnung gemacht worden, das schon am Start zu haben.


Es geht also los, sobald wieder Fans im Stadion sind?

Lörcher: Genau. Den Raum gibt es, der ist eingerichtet. Die Struktur ist da. Wir bilden gerade eine Awareness Group, eine spezielle Gruppe im Ordnungsdienst, die dann hilfestellend zur Verfügung steht. Und wir haben mit dem Notfalldienst des Deutschen Roten Kreuz psychosoziale Hilfe am Spieltag im Stadion. Wir wollen, wenn die Fans wieder da sind, auch überall darauf hinweisen – an Toiletten, auf Stadionbildschirmen. Insgesamt ist das ein Thema, das immer wichtiger wird. Es soll nicht darum gehen, dass man etwas nicht mehr sagen oder machen darf, sondern darum, wie wir miteinander umgehen wollen, so dass sich niemand belästigt fühlt. Dass es nicht immer ein ungleiches Verhältnis bei der Macht von Männern und Frauen gibt. Da hat der BVB in den letzten Jahren viele Schritte gemacht.

Ein anderes wichtiges Thema ist Antisemitismus. Da ist der BVB sehr aktiv, es gibt Gedenkstättenbesuche, es gibt den Tag des Vergessens. Wie stellen Sie sicher, dass Sie auch junge Fans erreichen, die das Thema vielleicht als nicht so wichtig erachten?

Lörcher: Mit dem durch die BVB-Stiftung geförderten BVB-Lernzentrum erreichen wir Schülerinnen und Schüler aus Dortmund. Da gibt es eine neue Kooperation mit dem Projekt Heimatsucher. Es geht darum, an Kinder und Jugendliche die Geschichten von Holocaustüberlebenden zu vermitteln. Das ist konkret ein Projekt für jüngere Fans. Aber grundsätzlicher ist es meines Erachtens gar kein Thema, das nur junge Menschen angeht, sondern eines, das uns alle betrifft. Und die große Stärke des Fußballs liegt darin, dass wir generationsübergreifend wichtige Themen ansprechen können. Und dass Fans mit dem BVB gemeinsam so eine Erfahrung machen. Es gibt für ältere Fans oft gar nicht solche Angebote, organisiert eine Gedenkstätte zu besuchen.

Die Corona-Pandemie hat den BVB hart getroffen. Wie hat sich das auf die nachhaltige Arbeit ausgewirkt?

Daniel Lörcher: Wir haben in der Pandemie sehr schnell unsere Stärken, nämlich unsere sozialen Aktivitäten sowie das gute Netzwerk, aktiviert. Der Fokus lag darauf, zu unterhalten, zu informieren und zu helfen. Unter dem Dach „#Borussiaverbindet#“ sind aus dem ganzen Unternehmen heraus Aktivitäten entstanden, die vornehmlich mit der gesellschaftlichen Verantwortung des BVB zusammenhängen.

Marieke Köhler: Im Bereich Ökologie trifft die Pandemie uns dahingehend, dass wir unseren Aktivitätenplan ein wenig verschieben müssen. Große Investitionen sind nicht möglich, das heißt aber nicht, dass sich in diesem Bereich nichts tut. Es gibt genügend Aufgaben, die wir vielleicht sogar ohne den normalen Betrieb besser angehen können. Die Pandemie hat auf jeden Fall die Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung noch verstärkter zu Tage befördert.


Ist die Arbeit der Stiftung „leuchte auf“ durch die Corona-Pandemie erschwert worden, auch was die Spendenbereitschaft angeht?

Köhler: Wir haben die Stiftungsarbeit im letzten Jahr im September übernommen. Wir haben in der Pandemie gemerkt, dass wir mit der Stiftung schnell ganz viel bewegen können. Die Spendenbereitschaft war überhaupt nicht niedriger, sondern eher höher. Durch die Spendenkampagne hat die Stiftung noch einmal deutlich Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wir konnten viele wichtige Institutionen in der Stadt und in der Region unterstützen.

Über die Autorin
BVB-Team
Liebt geschriebene Worte, wollte deshalb nie etwas anderes als Journalistin werden. 1989 geboren im Schwarzwald, aufgewachsen im Sauerland, heute in Dortmund zu Hause. Erzählt seit 2013 die Geschichten dieser Stadt, ihrer Menschen und ihres schwarzgelben Fußballklubs.
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