Lucien Favre redet die Gegner stark – und die BVB-Profis schwach?

mlzBorussia Dortmund

Borussia Dortmund ist wieder „nur“ Vizemeister. Das Saisonziel ist damit erfüllt, allerdings nicht komplett. Das offenbart ein grundlegendes Problem.

Dortmund

, 29.06.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach zwei Vize-Meisterschaften habe Lucien Favre die Chance verdient, in der kommenden Saison mit den Vorurteilen über seine Person aufzuräumen, erklärte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke am Sonntag. Dass der BVB dann erneut die Bayern angreifen will, kommt Favre aber weiterhin nur schwer über die Lippen. Die Uneinigkeit in der Formulierung und im Vorleben der Saisonziele droht auch in sein drittes Jahr in Dortmund hinein zu strahlen. Das ist längst ein Problem.

BVB-Coach Favre nimmt Mannschaft in Schutz

Lucien Favre war es am Samstag wichtig, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Ja, die Leistung seiner Mannschaft beim 0:4 gegen Hoffenheim sei schwach gewesen, „nicht gut“, wie er erschrocken und zerknirscht meinte. Aber der Schweizer Trainer der Dortmunder Borussia wollte nicht, dass in Vergessenheit gerate, dass der BVB das „Saisonziel vor einer Woche in Leipzig erreicht“ habe. Beim 2:0, das die Vizemeisterschaft perfekt machte, habe man eine gute Leistung geboten.

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Letzteres stimmte, das mit dem Saisonziel aber nur bedingt. Denn die „aktualisierte Fassung“ griff in Dortmund ja erst, nachdem der Meisterschaftszug durch das 0:1 gegen die Bayern Ende Mai endgültig abgefahren war. Am Ende der Saison Vizemeister zu werden mit dann doch happigen 13 Zählern Rückstand auf den Rekordmeister aus München, das war eigentlich nicht der Plan, als man Favre einen Kader zur Verfügung stellte, der in den vergangenen 15 Jahren wohl kaum einmal stärker war.

Favre und BVB-Bosse sprechen nur bedingt dieselbe Sprache

Auch am Ende von Favres zweiter Spielzeit in Dortmund setzt sich fort, was von Beginn an ein internes Problem darstellte: Der Trainer und seine Vorgesetzten sprechen nur bedingt dieselbe Sprache, wenn es darum geht, die eigenen Ambitionen nach außen zu artikulieren. Als Favre im Vorfeld der gerade beendeten Spielzeit im Trainingslager in seiner Schweizer Heimat bestätigte, dass man mit den Bayern um den Titel kämpfen wolle, hatte er dabei unübersehbar starke Zahnschmerzen. Er warnte sogleich viel lieber vor der Konkurrenz, die von hinten drücke.

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Und während in Dortmund auch die Führungsspieler wie Mats Hummels („Wir wollen einen Platz nach oben rutschen“), Julian Brandt („Platz zwei ist kein Grund für Euphorie“) und Erling Haaland, der schnell erkannt hat, das in Dortmund nach dem Maximum gestrebt werden muss, am Ende dieser Saison ganz offensiv einen erneuten Angriff auf die Schale ausgerufen haben und auch die Vereinsspitze keinen Grund sieht, in diesem Punkt zurückzurudern, gibt Favre schon wieder und weiterhin den pessimistischen Realisten, noch bevor der erste Ball in der Vorbereitung gerollt ist. Über die Bayern „müssen wir nicht sprechen“, wiederholte er am Samstag, was er schon vor dem Saisonfinale erklärt hatte. „Sie sind besser!“

Für Favre und den BVB ist jeder Gegner „sehr, sehr schwer“

Längst kann man darüber spekulieren, dass auch Favres defensive Grundhaltung, das Stark-Reden auch der nominell „Kleineren“ der Liga und der permanente Hinweis darauf, dass es, egal, wie der Gegner heißt, „sehr, sehr schwer“ werden wird, Auswirkungen auf die Performance der Mannschaft haben. Wer im übertragenen Sinne ständig gesagt bekommt, für einen Sieg müsse schon alles passen, der wird vielleicht auch eher resignieren, wenn der Widerstand in der Tat mal größer ist als gewohnt.

In den meisten Spielen reicht die Klasse des Teams. Zum Problem wird Favres Denk- und Arbeitsweise aber dann, wenn seine Elf stark geredet werden müsste, anstatt darauf vorbereitet zu werden, dass es nur bei einer Top-Leistung reichen wird. „Self fulfilling prophecy“ nennen das Soziologen – auf den Fußball übertragen: Die Spieler verinnerlichen und glauben letztlich an die Vorhersagen ihres Trainers und agieren (unbewusst) auf dem Feld so, dass sie sich am Ende tatsächlich erfüllen.

Fußball ist mehr als reine Psychologie

Nun ist Fußball gottlob mehr als reine Psychologie, und Tore werden deutlich häufiger mit den Füßen als mit dem Kopf erzielt, dennoch bildet auch in diesem Punkt der FC Bayern ein Musterbeispiel. Die mentale Stärke, mit den eigenen Mitteln die Dinge am Ende regeln zu können, haben fast alle Spieler der Münchner. Den Leitspruch „Mia san Mia“ strahlen die Spieler mit jeder Faser ihrer gestählten Körper aus und leben ihn auf dem Feld in jeder Minute, Neuzugänge lernen als erstes, dieses große Selbstverständnis auch für sich zu entwickeln.

Nur durch Reden wird Borussia Dortmund auch in der kommenden Spielzeit die Bayern nicht überraschen können. Doch ein bisschen mehr Optimismus, auch ein bisschen mehr Selbstvertrauen vom Dortmunder Cheftrainer wäre schön. Das steckte wohl dahinter, als Watzke am Sonntag davon sprach, Favre habe die Gelegenheit, in der neuen Saison mit den Vorurteilen über seine Person aufzuräumen.

Kann BVB-Coach Favre über seinen Schatten springen?

Zweifel sind aber angebracht, dass der 62-Jährige in diesem Punkt über seinen Schatten springen kann. Es ist allerdings durchaus auch erlaubt, besser und motivierter Fußball zu spielen, als Borussia Dortmund dies in einigen Spielen nach dem Re-Start der Bundesliga getan hat. Auch wenn der Cheftrainer ein Zweifler und Zauderer ist.

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