Marco Reus ist beim BVB jetzt als Führungsspieler gefragt - doch der Motor stottert

mlzBorussia Dortmund

Marco Reus ist einer der begnadetsten Fußballer seiner Generation. Er soll Borussia Dortmund zur Meisterschaft führen. Wir nehmen seine bisher durchwachsene Saison unter die Lupe.

Dortmund

, 25.09.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das klar formulierte Ziel sorgt für erhöhten Druck, auch beim BVB-Kapitän, der nur schwer ins Rollen kommt in dieser Saison. Von „Rolls Reus“ ist noch nicht viel zu sehen.

Über den emotionalen Ausbruch von Marco Reus vor dem Mikrofon von „Sky“-Reporter Ecki Heuser nach dem 2:2 in Frankfurt ist viel geschrieben worden. Die positiven Reaktionen: Reus habe endlich mal Klartext geredet, endlich einmal nicht nur die chemisch gereinigten Fußballer-Floskeln benutzt. Und er habe sich schützend vor seine Mannschaft gestellt. So, wie es ein würdiger Kapitän mache.

Die negativen Reaktionen: Reus hätte die Augen vor der Realität verschlossen, die Fähigkeit zur Selbstkritik sei bei ihm (wie bei vielen Kollegen) nicht vorhanden oder verloren gegangen. Reus sei, kommentierte der Boulevard scharf, gar der falsche BVB-Kapitän.

Mit ernster Miene im Training nach dem Frankfurt-Spiel

Am Tag nach dem 2:2 in Frankfurt sah Reus beim Spielersatztraining der Reservisten zu. Nur 50 Fans verfolgten bei der Stimmung angepasstem Regenwetter die öffentliche Einheit. Die Stammspieler ließen sich nur zum Autogramme schreiben blicken, das war schnell erledigt. Während die Kollegen zurück ins Trockene eilten, blieb Reus. Er hockte sich auf einen Ball, verfolgte am Rand das Treiben auf dem Platz. Doch sein Blick ging sinnierend oft auch ins Leere.

Marco Reus ist beim BVB jetzt als Führungsspieler gefragt - doch der Motor stottert

Nachdenklich schaute Reus beim Spielersatztraining zu. © Guido Kirchner

Die Stimmung könnte besser sein. In Dortmund, wo man schon früh in der Saison erneut unnötige Punktverluste beklagt. Aber auch beim Kapitän. Marco Reus hat unzählige wichtige Treffer für Borussia Dortmund erzielt, unter anderem auch schon 46 Mal das 1:0. Wichtige Tore, die einem Team oft Rückenwind geben.

Um das Thema Mentalität kommt der BVB nicht herum

Doch in dieser Saison ist er bislang zu selten ein Faktor. Wenn man über Gründe rätselt, warum Borussia Dortmund Spiele wie am Sonntag noch aus der Hand gibt, Spiele zeigt wie bei Aufsteiger Union Berlin, warum diese Elf der hoch talentierten Einzelkicker es viel zu oft versäumt, „den Sack zuzumachen“ in Partien, die sie klar beherrscht hat, dann landet man bei der Analyse unweigerlich beim Punkt Mentalität. Auch wenn Reus dies am Sonntag vehement bestritt.

Marco Reus ist beim BVB jetzt als Führungsspieler gefragt - doch der Motor stottert

Zum Haareraufen: Das unnötige Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt ärgerte nicht nur Marco Reus. © imago images/Jan Huebner

Und auch der Frontmann dieses Kaders rückt dann in den Blickpunkt.

Reus hat im Vorjahr das Kapitänsamt von Marcel Schmelzer übernommen, das war eine logische Wahl des neuen Trainers Lucien Favre. Reus hat Anführer-Qualitäten, er besitzt die notwendige Reife, ist zudem ein „local Player“ und bei den Fans extrem beliebt. Es war bemerkenswert, wie schnell Marco Reus in seine neue Rolle hineinwuchs, wie er sie auf und vor allem auch außerhalb des Platzes ausfüllte, immer unter dem Brennglas der Medien. Auf dem Rasen ging er mit Leistung voran, vor den Mikrofonen analysierte er ehrlich und eloquent.

Tragische Figur nach möglichem Wendepunkt gegen Leverkusen

Doch aktuell läuft es noch nicht bei Marco Reus. Leichtigkeit und Spielfreude sieht man zu selten. Das Spiel gegen Leverkusen hätte ein Wendepunkt sein können, dort gelangen ihm zwei Treffer. Es sei ihm klar gewesen, meinte er danach, „dass ich irgendwann ins Rollen komme“. Doch dann folgte das Spiel gegen Barcelona, mit dem verschossenen Elfmeter und mehrere weitere ausgelassene Top-Torchancen. Reus hätte der strahlende Held des Abends werden können, stattdessen wurde er zur tragischen Figur.

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Und in Frankfurt gelang es auch ihm nicht, seine jüngeren Mitspieler durch die hektische Schlussphase zu lenken.

Es ist Zeit für Titel

Ende Mai ist Marco Reus 30 Jahre alt geworden. Das ist für Fußballer die Marke, an der man spätestens beginnt, sich über seine Zukunft Gedanken zu machen. Reus hat darüber mal gesprochen, er erklärte, im Fußballgeschäft sehe er sich nach seiner Karriere eher nicht. Aktuell beschäftigt ihn zumindest im Hinterkopf aber noch ein anderes Thema.

„In meinem Alter werden nicht mehr so viele Chancen kommen.“
Marco Reus

„In meinem Alter werden nicht mehr so viele Chancen kommen“, sagte er im Frühjahr, als er auf die Dortmunder Titelchancen angesprochen wurde. Die natürliche Sehnsucht nach Titeln, sie ist bei Marco Reus noch ein Stück ausgeprägter, denn es beinhaltet eine gewisse Tragik, dass ein Spieler seiner Qualität nicht viel öfter Pokale in der Hand halten durfte.

2017 wurde Marco Reus Pokalsieger mit dem BVB, es ist sein bislang einziger Titel. Viel zu wenig für einen Spieler seiner Klasse. 2013 das verlorene Champions-League-Finale, ab 2014 drei verlorene Pokal-Endspiele in Serie, 2019 die Vizemeisterschaft. Irgendwie fehlte immer ein Stück.

Reus half bei der Zusammenstellung der Mannschaft mit

Die Szenen sind unvergessen, als er nach dem Finalsieg 2017 gegen Frankfurt zur Siegerehrung humpelte, denn er hatte sich in dieser Partie einen Anriss des Kreuzbandes zugezogen. Nur eine von vielen schweren Verletzungen, die ihn immer wieder ausbremsten. Der Triumph schmeckte bittersüß.

Marco Reus ist beim BVB jetzt als Führungsspieler gefragt - doch der Motor stottert

Verletzungen bremsten Reus immer wieder aus. © imago/Laci Perenyi

In der vergangenen Saison war die Chance so groß wie nie. Die Art, wie der BVB den Titel verspielte, tat weh. Reus schmerzte sie ganz besonders. Borussia Dortmund hat darauf bemerkenswert reagiert, Spieler mit Top-Qualität geholt. Reus hat mitgeholfen, in dem er zum Beispiel Julian Brandt von den Vorzügen eines Wechsels zum BVB überzeugte. Er hat dann wie alle anderen auch mitgetragen, dass vor dieser Spielzeit die klare Marschrichtung ausgegeben wurde, um den Titel spielen zu wollen.

Marco Reus kämpft mit seiner eigenen Form

Es war ein logischer Schritt nach der knapp verpassten Meisterschaft im Mai. An dieser hohen Zielsetzung muss sich der Kader nun Woche für Woche messen lassen – und kommt damit nicht konstant gut klar.

In kritischen Phasen, wie am Sonntag nach dem Frankfurter Ausgleich, müsste Marco Reus als Führungsspieler voran gehen. Doch momentan kämpft er vor allem auch mit der eigenen Form.

Marco Reus ist beim BVB jetzt als Führungsspieler gefragt - doch der Motor stottert

© Foto: Sportbites.deltatre

Nach dem 4:0 gegen Leverkusen bewies Marco Reus hellseherische Fähigkeiten. „Es geht nicht ohne Arbeit“, sagte er damals, „wir werden auch in Zukunft Gegner haben, die tief stehen und uns vor Probleme stellen.“ Genau dies passierte in Frankfurt. Und der BVB verfiel in alte Muster. Wehrhaftigkeit und Konsequenz hätten vor allem von den Führungsspielern ausgehen müssen, doch auch sie ließen sich anstecken.

Reus bildete keine Ausnahme.

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