BVB-Skandalspiel gegen Hertha: Erste Urteile, dutzende Verfahren und scharfe Kritik

mlzBorussia Dortmund

Erst fackelten Berliner Fans Pyrotechnik im BVB-Stadion ab, dann gab es eine heftige Schlägerei mit der Polizei. Wir haben Zahlen und Hintergründe - auch die Staatsanwaltschaft steht in der Kritik.

Dortmund

, 10.10.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zu Beginn des Bundesliga-Spiels zwischen Borussia Dortmund und Hertha BSC am 27. Oktober 2018 zündeten Berliner Fans massiv Pyrotechnik. Die Ultragruppe „Hauptstadtmafia“ feierte auf diesem Wege ihr 15-jähriges Bestehen. Der Anpfiff wurde verzögert, Rauch sammelte sich unter den Tribünendächern. Dann schritt die Polizei ein, um ein 15x3 Meter großes Banner zu beschlagnahmen, das die Ultras vorab als Sichtschutz genutzt hatten.

Es kam zu einer offenen Schlägerei, die Bilder sorgten für Entsetzen. Auch unter den Tribünen ging der Kampf anschließend weiter, Sanitäranlagen wurden zerstört. Die Aufarbeitung dauert an. Mit aufsehenerregenden Zahlen und scharfer Kritik aus Berlin an den Dortmunder Behörden. Wir haben die wichtigsten Informationen zusammengefasst.


Was ist der aktuelle Stand der Ermittlungen der EK „Bär“ der Dortmunder Polizei?

Die Ermittlungskommission „Bär“ unter Leitung von Ronald Aßmus hat aus den Mengen an Videoaufzeichnungen 197 potenziell strafrechtlich relevante Taten herausgearbeitet. In Kleinarbeit und nach vielen Stunden Materialauswertung haben die Ermittler diese Taten 138 Personen zuordnen können.

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Einige Hertha-Fans gingen auf die Polizei los. © imago

Identifiziert sind bislang 69 von ihnen, also rund die Hälfte. Teilweise sollen diese Personen an mehreren Taten beteiligt gewesen sein. Die Ermittlungen dauern an.


Was wird den Tatverdächtigen vorgeworfen?

Die Delikte lauten Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, tätliche Angriffe auf Vollstreckungsbeamte, Land- und schwerer Landfriedensbruch, (gefährliche) Körperverletzung, Nötigung, Verstöße gegen das Versammlungs- und gegen das Sprengstoffgesetz.


Gegen wie viele der tatverdächtigen Personen wurden bisher Strafverfahren eingeleitet?

Bei der Dortmunder Staatsanwaltschaft sind bislang 167 Verfahren mit Bezug auf das Spiel anhängig. Davon konnten 78 Taten 61 Tatverdächtigen zugeordnet werden. Heißt im Umkehrschluss: 87 Taten konnten nicht zugeordnet oder Tatverdächtige nicht ermittelt werden. Kleidungswechsel, Vermummung und keinerlei Kooperation mit den Ermittlungsbehörden seien übliche Gepflogenheiten vor allem unter Ultras und deren Identifizierung daher kompliziert, heißt es bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

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Alle Verfahren beziehen sich auf Fußballfans, die der Anhängerschaft von Hertha BSC zugeordnet werden können. Sämtliche Verfahren werden in Dortmund abgehandelt.


Sind schon Täter bestraft worden, und wie hart sind die Strafen?

16 Strafbefehle sind bereits ergangen, fünf davon rechtskräftig. Die Täter wurden zu Geldstrafen von 30 bis 70 Tagessätzen verurteilt. In weiteren 29 Fällen wurde Anklage erhoben, es liegen aber noch keine rechtskräftigen Urteile durch die Strafrichter vor. Teilweise ist das Jugendschöffengericht involviert.

Ab einer Verurteilung zu 90 und mehr Tagessätzen, deren Höhe sich nach dem Einkommen richtet, bekommen auch Ersttäter einen Eintrag ins Führungszeugnis. Auf schweren Landfriedensbruch stehen bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe.


Wie lange wird das Skandalspiel die Behörden noch beschäftigen?

Sehr lange. Bis alle Verfahren durchgeführt und sämtliche Fristen abgelaufen sind, wird es noch viele Monate oder sogar Jahre dauern.


Wie haben die Klubs Borussia Dortmund und Hertha BSC reagiert?

Die Dortmunder Polizei hatte aufgrund der Ermittlungsergebnisse bislang 64 Stadionverbote beim BVB angeregt. Die Klubs sprechen von 51 Namen, die ihnen zugespielt wurden. Gegen 46 von ihnen verhängte der BVB im Zusammenspiel mit Liga und Verband ein Stadionverbot. 37 Stadionverbote sind bundesweit wirksam für ein bis drei Jahre, neun sind zur Bewährung ausgesetzt. Es ist mit zahlreichen weiteren Stadionverboten zu rechnen, es dürften mehr als 70 werden.

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Im Hertha-Block wurde massiv Pyrotechnik gezündet. © imago

Borussia Dortmunds Direktor für Organisation, Dr. Christian Hockenjos, erklärte: „Gemeinsam mit den ermittelnden Behörden sowie mit Hertha BSC wurden in einem transparenten Verfahren auf Basis der DFB-Richtlinien die Untersuchungen, die Bewertung der Fälle im Einzelnen und das Verhängen der Sanktionen durchgeführt.“

Ein Dortmunder Fanbeauftragter und der Stadionverbots-Beauftragte waren bei den Anhörungen in Berlin zugegen. Hertha BSC musste zusätzlich eine Strafe in Höhe von 100.000 Euro zahlen und 35.000 Euro an die Polizeistiftung Nordrhein-Westfalen überweisen.


Wie viele Personen wurden eigentlich verletzt?

Da unterscheiden sich die Angaben inzwischen deutlich. Unmittelbar nach dem Einsatz hieß es, 45 Personen seien verletzt worden. 35 nach Pfeffersprayeinsatz, zehn aufgrund von Gewaltanwendung. Inzwischen ist die Rede von vier Zuschauern, drei Ordnern und neun Polizeibeamten, die verletzt worden seien. 26 Verletzte hätten sich im Nachgang beim Rettungsdienst gemeldet.

Nach von der Polizei nicht bestätigten Angaben hat sich lediglich eine Person - im Nachhinein - mit Verletzungen wegen der Rauchentwicklung durch die Pyrotechnik gemeldet. Die Diskrepanz zu den zuerst genannten Zahlen lässt sich nicht logisch erklären. Der Schutz Unbeteiligter vor der gefährlichen Rauchentwicklung durch die Pyrotechnik galt als ein zentrales Argument für das Eingreifen der Polizei.


Wie bewertet die Polizei im Nachgang ihren Einsatz?

Als erfolgreich und zielführend. Man habe Dutzende Fußballchaoten vorerst aus dem Verkehr gezogen. In der Dortmunder Behörde ist man sich im Klaren darüber, dass die Emotionen und der Kodex der Ultras bei der Bewertung des Einsatzes zu einem anderen Ergebnis führen als die Situationsbewertung der Polizei. Es gibt Gesprächsangebote.

Intern habe eine intensive Nachbereitung stattgefunden, behauptet die Polizei. Ihr Fazit macht sie nicht öffentlich. In Zukunft, so heißt es, werde man auch weiterhin situativ und im Einzelfall entscheiden. Vergleichbare Pyro-Partys auf den Rängen könnten also mal mit und mal ohne Aktionen der Hundertschaften enden, ohne dass dies für Außenstehende nachvollziehbar wäre.

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Die dienstrechtlichen Vorwürfe gegen die Polizei Dortmund bearbeitet die Dienststelle in Recklinghausen als „neutrale“ Instanz. Die Ermittlungen gegen die Dortmunder Kollegen und Einsatzleiter Edzard Freyhoff laufen.


Was haben von Polizeigewalt Betroffene unternommen?

Beim Dortmunder Amtsgericht hat es Anzeigen gegeben, unter anderem gegen den Einsatzleiter Freyhoff. Es ging unter anderem um Freiheitsberaubung und Körperverletzung im Amt. Die Generalstaatsanwaltschaft hat beide Strafanzeigen abschlägig beschieden. In einem Verfahren läuft noch eine Widerspruchsfrist, im anderen Fall verzichtet der Kläger aus Kostengründen auf seine Rechte.

Über die Art und Weise, wie die Anzeigen behandelt wurden, schüttelt Rechtsanwältin Gloria Holborn den Kopf. „Die Geschädigten konnten noch nicht einmal Stellung nehmen. Die Aufarbeitung in Dortmund verläuft gänzlich anders, als es üblich ist.“

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Es spielten sich unschöne Szenen ab. © imago

Auf beide Anzeigen sei ein Einstellungsbescheid mangels Tatverdacht erfolgt. In beiden Fällen war die Begründung identisch: Wenn jemand im Block gestanden und einen Knüppel abbekommen habe, sei das wohl nicht ohne Grund geschehen. „Es gab keine dezidierte Auseinandersetzung“, erklärte Holborn im Gespräch mit dieser Redaktion.

Auch Fananwalt René Lau, der einen angeblich unbeteiligten Fan betreut, der bei der Polizeigewalt einen doppelten Handbruch erlitten hat, ereiferte sich im „Tagesspiegel“: „Im Normalfall wird der Anzeigensteller geladen und angehört.“ Das sei aber nie passiert. „Das erlebe ich in 25 Jahren Arbeit zum ersten Mal.“ Außerdem könnten die Videoaufzeichnungen beweisen, dass sein Mandant unbeteiligt war.

In Berlin wittert man Kungelei unter den Dortmunder Behörden und eine Zweiklassenjustiz. Die Polizei habe grobe Fehler begangen, die Staatsanwaltschaft decke das.


Wie wehren sich Fans und ihre Anwälte?

Bei der Vielzahl von Verfahren soll auch die kritische Einordnung des Einsatzes eine Rolle spielen, heißt es bei Fananwälten wie dem Sprecher der Fanhilfe Dortmund, Henry Schulz. Gewalt und Randale könnten durch nichts gerechtfertigt werden, wer Sanitäranlagen auf Beamte schleudere, der gehöre bestraft. „Entscheidend für die Eskalation war jedoch der ungerechtfertigte und nicht verhältnismäßige Einsatz der Polizei“, sagt Schulz.

Außerdem sei die Argumentation der Polizei nicht schlüssig. „Zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Polizeieinsatz hat es nicht eine einzige Verletztenmeldung wegen der Rauchentwicklung gegeben“, betont Schulz. Die mögliche gesundheitliche Gefährdung von Unbeteiligten könne also kein Handlungsgrund gewesen sein. Außerdem sei das Abbrennen legaler Pyrotechnik, das wiederholen alle Fanvertreter, eine Ordnungswidrigkeit - und keine Straftat, die es zu verhindern galt. Die Blockfahne, die die Polizei sicherstellen wollte, sei längst abgelegt gewesen und habe kein potenzielles Versteck mehr geboten.

Demnach sei das Einschreiten voreilig und im Ablauf unangemessen gewesen. Die Fananwälte streben bei der Verteidigung der Klienten eine „Rechtmäßigkeitsprüfung“ des Polizeieinsatzes an.

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