Antonio Rüdiger ist bei der EM im DFB-Team gesetzt. © picture alliance/dpa
Nationalmannschaft

Nationalspieler Antonio Rüdiger: Beim BVB wäre seine Karriere fast gescheitert

Nationalspieler Antonio Rüdiger hat sich durchgeboxt aus dem Kiez in Neukölln bis in die fußballerische Weltklasse. Fast wäre seine Karriere gescheitert – beim BVB.

Den Jungen aus Berlin hatten sie 2008 bald alle beim BVB auf dem Schirm. Ein mutiger, aggressiver Innenverteidiger. Robust, schnell, für sein Alter körperlich sehr reif. Der könne es bis in die Bundesliga schaffen, raunten sich die Trainer zu, der bringe alle Voraussetzungen mit, auch den Ehrgeiz. Als Antonio Rüdiger mit 15 Jahren bei Borussia Dortmund in der U17 anheuerte, schien der Weg vorgezeichnet. Doch was den BVB betrifft, endete die Zeit jäh und unschön.

Nach zweieinhalb Jahren verlässt Rüdiger den BVB wieder

Immer wieder kam es zu Diskussionen mit Rüdiger, zu Streit und auch zu handfesten Auseinandersetzungen. Selbst auf der Tür der Trainerkabine hinterließ Rüdiger mit sichtbaren Spuren seinen Unmut. Im Winter 2011, nach zweieinhalb Jahren in Dortmund, war schon wieder Schluss.

Seine Emotionen, erklärte Rüdiger später, hätten ihn fast seine Karriere gekostet. So sehr ihm seine draufgängerische Art auf dem Fußballplatz half, so sehr hinderte ihn sein aufbrausendes Temperament als Person. Eine Erklärung führt nach Berlin: Rüdiger wuchs mit vier Geschwister im problembesetzten Neukölln auf, „fressen oder gefressen werden“ habe den Alltag bestimmt, auch auf den Betonplätzen, wo sich die Kinder und Jugendlichen die Bälle um die Ohren schossen. Nicht immer klärte die Anzahl der Tore, wer am Boden lag und wer als Sieger vom Feld ging.

Rüdiger widerfährt immer wieder Rassismus

Familie Rüdiger, die Eltern flohen vor dem Bürgerkrieg aus Sierra Leone, wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Früh musste „Toni“ seinen Mann stehen, Fußballprofi zu werden sei für ihn kein Traum gewesen, sondern ein Ausweg. Er lernte, sich gegen Widerstände durchzusetzen, er hasste es zu verlieren. Und er hasste es, auf seine Hautfarbe reduziert zu werden. Immer wieder musste er üble Erfahrungen mit Rassismus machen, schon als Kind wurde als „Neger“ beschimpft, als Fußballprofi hörte er Affenlaute von den Rängen.

In einem aufwühlenden Beitrag in der „Players Tribune“ beschreibt er die seelischen Schmerzen und die Verbitterung, die das in ihm auslöst. Und er beklagt nachvollziehbar, dass zu oft nach gut gemeinten Bekenntnissen in Deutschland und im internationalen Sport die angezeigten Reaktionen ausbleiben.

Ex-BVB-Profi Sahr Senesie spielt große Rolle für Rüdiger

Sich konstruktiv gegen Anfeindungen zu wehren, sich mal wegzudrehen und nicht auf jede Provokation einzugehen, das eignete Rüdiger sich in einem langen Prozess an. „Ich wäre fast in eine Rambo-Schublade geraten.“ Vor allem seine Familie habe ihm in schwierigen Zeiten Halt gegeben. Sein Halbbruder, der ehemalige BVB-Profi Sahr Senesie, spielt eine wichtige Rolle.

Als Rüdiger im Februar 2011 mitten in der Saison vom BVB zum VfB Stuttgart wechselte, musste er zuschauen, weil er keine Spielberechtigung bekam. Aber er boxte sich durch. Bis in die Bundesliga, bis in die Nationalmannschaft. Zu AS Rom, zum FC Chelsea. Seit zwei Wochen ist Rüdiger Champions-League-Sieger, „der größte Tag in meiner Karriere“, jubelte er.

Von 2008 bis 2011 spielte Rüdiger für den BVB. © Ludewig (Archiv) © Ludewig (Archiv)

Bei der EM hat Rüdiger seinen Stammplatz im DFB-Team sicher

Bei der Euro hat er seinen Platz in der Startelf des DFB sicher. Der Bundestrainer lobt ihn in den höchsten Tönen. „Toni Rüdiger hat einen unglaublichen Sprung in seiner Persönlichkeit gemacht. Er hat einen Reifeprozess durchlaufen“, sagt Joachim Löw. „Heute kommuniziert er, heute redet er auf dem Platz. Er ist ein Anführertyp geworden, der andere mitzieht, der andere pusht, der anderen als Vorbild dient, weil er eine Aggressivität und Zweikampfstärke besitzt, die beeindruckend ist. Das ist mitreißend für andere.“ Sein Nebenmann in der Abwehrkette, Mats Hummels, meint, bei Rüdiger „kann man schon das Wort Weltklasse in den Mund nehmen“.

Einen großen Anteil am besten Rüdiger, den es je gab, hat auch ein anderer früherer Dortmunder. Unter Thomas Tuchel, seit Januar sein Coach bei den „Blues“, hat der Modellathlet einen beeindruckenden Leistungssprung gemacht. „Der neue Trainer“, sagt er selbst, „hat mir vertraut und die Chance gegeben. Ich habe sie genutzt. Der Rest ist Geschichte.“ Den Triumph in der Königsklasse wird er ohnehin nie vergessen. Kurz danach wurde er zum zweiten Mal Vater, das Kind Aaliyah Trophy trägt den Pokal im Namen.

Aus dem Raufbold Rüdiger ist ein geschätzter Kollege geworden

Aus dem Raufbold ist ein geschätzter, angenehmer Mannschaftskollege geworden. Nur eines mag sein Mitspieler Kai Havertz, der Rüdiger als „Krieger“ bezeichnet, weniger. „Im Training“, sagt Havertz, „macht es nicht so viel Spaß, gegen Toni zu spielen. Du willst ihn immer in deiner Mannschaft haben.“

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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