Nicht nur BVB forciert Geisterpartien: Ein gefährliches Spiel

mlzKommentar

Die Bundesliga soll ab dem 9. Mai fortgesetzt werden. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und seine Funktionärskollegen wandeln auf einem schmalen Grat. Tobias Jöhren kommentiert.

Dortmund

, 22.04.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den ersten Rückschlag gab’s kurz nach Anpfiff. Kaum hatte die Deutsche Fußball Liga am Montagnachmittag Hand in Hand mit der Politik live auf „bild.de“ verkündet, dass Bundesliga-Fußball ab dem 9. Mai wieder denkbar sei, da schoss der erste Rechteinhaber den Ball, der ja eigentlich noch ruhen sollte, schlimmer übers Ziel hinaus als Uli Hoeneß 1976 in Belgrad. „JAAAAA“ (mit letztendlich insgesamt 172 A) jubelte der Pay-TV-Sender Sky am Dienstag ganzseitig – natürlich auch in der Bild. Darunter die Botschaft: „Die Bundesliga ist bald wieder da. Und wir von Sky freuen uns mit euch. Denn wir lieben den Fußball genauso wie ihr.“

Freude über Geisterspiele darf nicht scheinheilig sein

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Das war gleich aus mehreren Gründen ein dummes Foulspiel. Erstens setzte Sky voraus, dass die Bundesliga „bald wieder da“ sei, obwohl sie in Wirklichkeit bald wieder „denkbar“ sein könnte. Zweitens dürfte der eine oder andere Betrachter dieser Anzeige zu dem Schluss gekommen sein, dass Sky sich nicht „mit Euch“, sondern in erster Linie für sich freute. Und drittens, das war das größte Problem, wurde spätestens durch diese Anzeige, umgeben von jubelnder Bild-Berichterstattung, mehr als deutlich, dass da gerade eine große Kampagne auf die Bevölkerung zurollt. Ihr Ziel: Akzeptanz für die Fortsetzung von Bundesliga-Fußball in Form von Geisterspielen während einer Pandemie schaffen. Ihre Unterstützer: Die DFL samt ihrer prominentesten Funktionäre, in diesem Fall BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge und DFL-Frontmann Christian Seifert, wichtige Politiker des Landes, hier NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und sein bayerischer Kollege Markus Söder, und zwei Medienkonzerne, namentlich der Axel Springer Verlag und Sky als wichtigster Bundesliga-Rechteinhaber.

Diese Kampagne ist bedenklich und gefährlich zugleich, weil sie nicht nur nach Lobbyismus riecht, sondern schon vor Lobbyismus tropft. Und sie wird, wenn die Strategie der Verantwortlichen so plump und durchschaubar wie am Montag bleibt, nicht zwangsläufig dazu führen, dass eine Fortsetzung der Bundesliga in gut zwei Wochen, wenn beispielsweise Kindergärten noch geschlossen sein werden, auf große Zustimmung in der Bevölkerung stößt.

Profifußball erweckt den Eindruck der Sonderbehandlung

Der Profifußball in den zwei höchsten deutschen Spielklassen wird den Eindruck einer Sonderbehandlung durch die Politik nicht dadurch entkräften können, indem die DFL ihren Einfluss auf die Politik veranschaulicht und Funktionäre immer wieder behaupten, dass durch den Fußball keine Sonderrolle beansprucht werde. Auch das oft erzählte Märchen, man wolle den Menschen in der Corona-Krise ein bisschen Ablenkung und Freude schenken, trägt gewiss nicht durch diese Krise.

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Denn es geht nicht ums Freude schenken, es geht nur ums Geld verdienen. Und es geht auch nicht ums Ablenken, es geht ausschließlich ums nackte Überleben. Das gibt die DFL eigentlich ja sogar unumwunden zu. Es ist ja auch nicht einmal verwerflich, dass sie alles versucht, um ihr Geschäftsmodell zu retten, sie schmückt ihren Kampf nur immer wieder mit zu viel Scheinheiligkeit aus. Die nachvollziehbarste Botschaft wäre: „Wir wissen, dass es derzeit problematisch ist, Bundesliga-Fußball zu rechtfertigen. Eigentlich müssten wir die Saison abbrechen, aber das können wir uns leider nicht leisten, weil dann zu viele Vereine pleite und zu viele Arbeitsplätze verloren gingen. Deswegen müssen wir zusammen mit der Politik irgendeine Notlösung finden. Wir stecken knietief im Mist.“ Es wäre immerhin glaubwürdig.

Geisterspiele so schwer zu verkaufen wie Strandurlaube

Doch statt auf schonungslose Ehrlichkeit und Transparenz zu setzen, wird vorzugsweise via Bild-Zeitung versucht, etwas in der Öffentlichkeit als vertretbar zu verkaufen, was gerade ungefähr so schwer zu verkaufen ist wie Strandurlaube in Spanien oder Italien. Dabei wird es mehr brauchen als den Verweis auf die Aussage der „Akkreditierten Labore in der Medizin“, dass eine engmaschige Testung der Bundesliga-Profis auf Covid-19 kein Problem darstellt. Es wird mehr brauchen als das Versprechen, dass eine Bundesliga-Fortsetzung die Testkapazitäten der Bevölkerung nicht beeinträchtigen wird. Und es wird mehr brauchen als die Ankündigung, dass der Profifußball in Deutschland nach der Krise zu mehr „Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit“ finden werde, wie die DFL am Dienstag erklärte.

Die DFL und die 36 Profiklubs werden den Beweis erbringen müssen, nicht nur sich selbst und ihrer glitzernden Parallelwelt helfen zu wollen, wenn es Akzeptanz für die Liga-Fortsetzung geben soll. Die Liga wird Testkapazitäten schaffen und bezahlen müssen. Sie wird die Bereitschaft zum Verzicht zeigen müssen. Und sie wird die Gesellschaft beim Kampf gegen die Corona-Pandemie unterstützen müssen. Nicht mit Geisterspielen im Fernsehen, sondern mit greifbarer und ernst zu nehmender Hilfe. Der Signal-Iduna-Park als Corona-Behandlungszentrum war beispielsweise eine gute Idee, Corona-Testlabore in den Fleischfabriken des Schalker-Chefs Clemens Tönnies könnten zumindest eine Überlegung wert sein, Unterstützung bei der Versorgung der Bevölkerung mit Schutzmasken wäre ein weiterer Gedanke.

Die DFL wird auch geben müssen

Kurzum: Die DFL wird nicht nur nehmen können, sie wird auch geben müssen, um den Imageschaden des „Premiumproduktes Bundesliga“ nicht zu groß werden zu lassen. Es wird auch Taten brauchen, selbst wenn sie vielleicht nur symbolischen Wert besitzen. Inszenierte Live-Sendungen auf „bild.de“ werden dauerhaft jedenfalls nicht der Schlüssel sein, um dieses gefährliche Spiel zu gewinnen.

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