BVB-Offensivjuwel Reinier. © imago images/Revierfoto
Borussia Dortmund

Offensivjuwel Reinier und der BVB: Das verschenkte Jahr

In Dortmund wollte Reinier zum Senioren-Fußballer reifen, es folgten aber zahlreiche Rückschläge. Das Offensivjuwel und der BVB blicken auf ein verschenktes Jahr zurück.

Wärmende Heimatgefühle waren das. Die Sonne strahlte mit Reinier um die Wette, als der Brasilianer das gelbe Trikot mit der Nummer 20 den Fotokameras entgegenstreckte. Auf dem Balkon mit Blick über das Trainingsgelände Borussia Dortmunds griff die gute Laune um sich in diesem Moment. Bei Reinier ebenso wie bei Sportdirektor Michael Zorc. Warum auch nicht, schließlich war Zorc gerade ein Sommer-Coup gelungen. Da war Strahlen erlaubt. Er hatte eines der größten Offensivtalente der Gegenwart zur Borussia gelotst.

Reinier sollte beim BVB einen Weg wie Hakimi einschlagen

Real Madrid hatte Reinier, ein halbes Jahr zuvor für satte 30 Millionen Euro von dessen Heimatklub Flamengo gekauft, nach Dortmund verliehen. Und alles klang schon fast zu schön. Zwei Jahre lang sollte sich der 18-jährige Junioren-Nationalspieler des fünfmaligen Weltmeisters beim BVB entwickeln, reifen, Spielpraxis sammeln und letztlich zu einem Topspieler aufsteigen, so wie es gerade vor ihm Real-Leihgabe Achraf Hakimi in beeindruckender Manier gelungen war.

Michael Zorc geriet ob der Qualitäten des Neuzugangs, hinter dem etliche Topklubs Europas her waren, ins Schwärmen. „Reinier ist ein Spieler, der riesiges Talent mitbringt und im Offensivbereich auf verschiedenen Positionen einsetzbar ist. Er verfügt neben großen technischen Fähigkeiten auch über eine gute körperliche Robustheit“, gab der Sportdirektor zu Protokoll. Auch Fußball-Juwel Reinier ging seine neue Aufgabe voller Hoffnung an. „Borussia Dortmund ist bekannt dafür, dass es auf junge Spieler setzt und sie besser macht. Ich möchte hier viel lernen, viel spielen und dem Team helfen, erfolgreich zu sein. Ich hoffe, dass wir gemeinsam viele glückliche Momente erleben werden“, sagte er. Und seine Augen leuchteten.

Reinier und Borussia Dortmund: Momente des Glücks bleiben aus

Vier Monate später ist Ernüchterung eingetreten. Auf beiden Seiten. Die im August so ersehnten Momente des Glücks gab es in der Wunschbeziehung bislang weder für Reinier noch für Borussia Dortmund. Im Gegenteil, der Brasilianer muss sportlich ein von Anfang bis Ende verlorenes Jahr bilanzieren. Nach seinem Wechsel zu Real Madrid im Januar ging es für den bis dahin erfolgsverwöhnten früheren Kapitän der brasilianischen U17-Auswahl plötzlich nicht mehr bergauf. Er durfte zwar ab und an mit dem Starensemble von Trainer Zinedine Zidane trainieren, zum Einsatz kam er allerdings nur im Reserveteam. Und dann schlug die Corona-Pandemie mit voller Wucht zu. Die Segunda División B, in der Reals zweite Mannschaft mitmischt, wurde abgebrochen. Mehr als sechs Monate blieb Reinier so ohne Pflichtspiel.

Dann der Wechsel nach Dortmund, der für den Teenager nur kurzzeitig neue Hoffnung brachte. Denn es wurde schnell klar, dass Reinier trotz all seiner fußballerischen Fähigkeiten eine gewaltige Lücke zu schließen hatte zum Rest des BVB-Kaders: Seine körperliche Verfassung reichte nach der langen Pause längst nicht aus, um auf Bundesliga-Niveau zu bestehen. So langte es unter Trainer Lucien Favre nur zu ein paar Kurzeinsätzen. Lediglich 70 Minuten Erstliga-Luft durfte Reinier bislang schnuppern – ohne dabei groß aufzufallen.

Coronavirus ist der nächste Rückschlag für BVB-Juwel Reinier

Als sich Erling Haaland Anfang Dezember verletzte und plötzlich eine Planstelle in der Dortmunder Offensive frei wurde, da hätte das Reiniers große Chance sein können. Er, der sich selbst am liebsten als klassischen Zehner sieht, der aber auch aus den Halbräumen oder als Teil einer Doppelspitze gefährlich werden kann.

Das Schicksal meinte es aber anders mit dem Brasilianer. Er hatte sich wenige Tage zuvor auf einer Reise mit Brasiliens U23-Auswahl mit dem Coronavirus infiziert – und musste sich für 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben. Der nächste Rückschlag – und nicht der letzte für Reinier. Denn nachdem er beim 1:5-Debakel der Borussia, dem Tiefpunkt der bisherigen Saison der Schwarzgelben, eine halbe Stunde lang mitwirken durfte, blieb ihm beim Debüt des neuen Trainers Edin Terzic in Bremen nur der Platz auf der Ersatzbank. Und beim Jahresausklang gegen Union Berlin sowie im DFB-Pokal gegen Eintracht Braunschweig stoppten ihn muskuläre Probleme.

Reinier ist bei Borussia Dortmund noch immer nicht angekommen

Kein Zweifel: 125 Tage nach seinem Wechsel zum BVB ist Reinier noch immer nicht richtig angekommen in Dortmund. Das Trainerteam registriert zwar seine stete Pünktlichkeit und seine Trainingsdisziplin. Aber der bald 19-Jährige wirkt gehemmt, weiß sich leistungsmäßig nicht aufzudrängen im Training. Und noch immer bremst ihn bei der Integration die Sprachbarriere. Er bekommt zwar regelmäßig Deutschunterricht, aber komplexe taktische Erklärungen oder Ansprachen der Trainer stellen für ihn nachwievor ein Problem dar. Dazu gesellt sich die große Konkurrenz in Borussias Offensive, Reinier stehen in Gio Reyna, Marco Reus, Jude Bellingham, Jadon Sancho oder Thorgan Hazard gleich mehrere Hochkaräter vor der Nase. Dazu die gelernten Stürmer Erling Haaland und Youssoufa Moukoko.

Trotzdem gibt es da noch immer diesen markanten Satz. „Er ist ein Junge, bei dem keiner weiß, wo überhaupt sein Limit liegt“, hat Guilherme Della Dea, der frühere U17-Nationalcoach Reiniers einst über ihn gesagt. Reinier gewann im Vorjahr mit Flamengo in Brasilien die Meisterschaft und die südamerikanische Champions League, die Copa Libertadores. Er hat also schon bewiesen, auf höchstem Niveau Fußball spielen zu können. Nur wann zündet er endlich auch in Dortmund?

BVB-Bosse glauben weiter an Reinier

Die Leihe aufgrund des enttäuschenden ersten halben Jahres jetzt im Winter abzubrechen, das hat Michael Zorc bereits ausgeschlossen. Die BVB-Bosse glauben weiter daran, dass Reinier hier Fuß fasst. Und womöglich ist Reiniers nächste Chance ja bereits da: Rechtsfuß Thorgan Hazard hat einen Faserriss erlitten, er wird mehrere Wochen fehlen. Rechtsfuß Reinier könnte auf der linken Angriffsseite die Lösung sein. Schon am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg. Ein besserer Moment, das alte Seuchenjahr gleich am dritten Tag des neuen Jahres abzuhaken, ist kaum denkbar. Jetzt muss nur noch Reinier mitspielen.

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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