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Michael Leister spendet seinem Bruder Holger eine Niere. Die Besonderheit: Der eine ist Anhänger des FC Schalke 04, der andere ein glühender Borusse. Eine ganz spezielle Familiengeschichte.

Hattingen

, 24.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Diese Geschichte beginnt mit einem Motorradunfall. Nicht auf einer Landstraße, nicht auf der Autobahn. Holger Leister ist auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums unterwegs, er fährt um eine Kurve, schlägt dabei wohl das Lenkrad zu stark ein und gibt, als die Maschine zur Seite kippt, reflexartig auch noch Gas. Beim Sturz wird sein rechtes Bein vom Motorrad eingequetscht. Das war 2005. Damit beginnt eine Leidensgeschichte, die 2017 in einer Nierentransplantation endet. Holger Leister bekommt sie von seinem jüngeren Bruder Michael. Holger ist leidenschaftlicher Anhänger von Borussia Dortmund, Michael ist großer Fan des FC Schalke 04. „Sollte der BVB in dieser Saison den Titel holen“, sagt Holger und muss schmunzeln, „wäre zumindest ein kleiner Schalker Teil endlich auch mal Deutscher Meister.“

Ein Schmerz-Martyrium

Holger Leister kann wieder lachen nach einem Schmerz-Martyrium, das mehr als 13 Jahre dauerte. Der Unfall 2005 stellt sein Leben auf den Kopf. Mehr als 30 Mal wird er an seinem rechten Bein operiert, „fünf Jahre haben wir herumgedoktert“. Jeden Tag habe er Schmerzen gehabt. Trotz hoch dosierter Medikamente, die ihn abhängig machen. Weil es nicht besser wird, entschließt er sich letztlich zur Amputation. „Das war tatsächlich keine schwere Entscheidung. Ich konnte so nicht mehr weitermachen.“

Schalker Niere arbeitet jetzt im Körper eines BVB-Anhängers

Michael (l.) und Holger Leister kurz nach der Transplantation im Knappschaftskrankenhaus in Bochum-Langendreer. © Lomm

Doch es wird nur kurzzeitig besser. Mit der Beinprothese kommt Holger Leister gut klar, doch der dauerhafte Einsatz von starken Schmerzmitteln hat seine Nieren geschädigt. Er muss an die Dialyse, „drei Mal die Woche, immer für fünf Stunden.“ Und danach benötigt er immer einen ganzen Tag, um sich zu erholen. Holger Leister bewundert die Mit-Patienten, die damit „bestens klar kommen“, wie er formuliert. Bei ihm ist es anders.

„Zurückbauen“ ist nicht möglich

Die Ärzte raten zu einer Transplantation, Holger Leister kommt bei Eurotransplant auf die Warteliste für eine Spenderniere. Sein Bruder Michael, der acht Jahre jünger ist, hat sich da schon spontan als Spender angeboten. „Ich musste nicht eine Sekunde lang darüber nachdenken“, sagt der heute 45-Jährige. „Aber Holger wollte es zunächst nicht.“ Es war die Sorge um die Gesundheit seines Bruders, die für die ablehnende Haltung des 53-jährigen sorgte. „Was wäre, wenn er Probleme bekommt?“ Man merkt, dass das auch heute, gut 18 Monate nach der Transplantation, ein Thema für Holger Leister ist. Denn: „Zurückbauen“, wie er pragmatisch formuliert, „das ginge ja schließlich nicht.“

Doch sein Zustand verschlechtert sich. Holger stimmt schließlich zu, danach beginnen die umfangreichen Tests. Nur zwei von fünf Kriterien erfüllte die Spenderniere von Michael Leister, nicht besonders viel. Doch die Ärzte im Knappschaftskrankenhaus in Bochum-Langendreer wagen dennoch im Sommer 2017 den Eingriff. Drei Stunden lang wird Michael Leister operiert. Als er aus der Narkose erwacht, wird sein Bruder vorbereitet. Fünf Stunden dauert es bei ihm. Michael Leister ist schnell wieder fit. Auch heute noch, wie er sagt: „Ich gehe acht Stunden arbeiten, ich muss keine Medikamente nehmen. Ich lebe ganz normal. Es ist, als hätte es diesen Eingriff gar nicht gegeben.“

Auf der Kippe

Der Körper seines Bruders aber stößt das neue Organ ab. „Kein Wunder eigentlich“, wirft Holger ein. Eine Schalker Niere im Körper eines Dortmund-Anhängers, das könne ja nicht funktionieren. Fünf Wochen lang steht es ziemlich auf der Kippe um Holger Leister, „dann haben die Ärzte aufgeatmet. Und ich bin heute sehr dankbar, dass sie die Niere nicht aufgegeben haben.“ Mit Medikamenten bekommen die Mediziner das Problem in den Griff. 30 Tabletten täglich muss Holger Leister auch heute noch schlucken. „Es ist in Ordnung so, wie es jetzt ist“, sagt er.

„Ausgerechnet ich habe auf Schalke gearbeitet.“
holger Leister

„Ruhrpott“, ist auf seinem linken Arm tätowiert, „Glück auf“ auf dem rechten. Holger und Michael Leister sind Kinder des Kohlenpotts, in Sprockhövel geboren, direkt und offen heraus in allen Lebenslagen. Seine BVB-Leidenschaft trug Holger Leister schon immer nach außen. Auch, als er noch arbeitsfähig war. „Ausgerechnet ich habe auf Schalke gearbeitet“, verrät er und lacht schon wieder. Nach der Eröffnung der Arena war er für das Hinein- und Hinausfahren des Rasens zuständig. Rudi Assauer stand ihm mal Auge in Auge gegenüber, als es kurz vor einem Bundesliga-Spiel zu einem technischen Problem kam. „Da war Alarm! Wenn der da vor dir stand mit seiner Zigarre, hattest du automatisch Respekt. Assauer hatte eine ganz besondere Ausstrahlung.“ Ob der ehemalige Manager von Holger Leisters BVB-Leidenschaft gewusst hat, ist nicht überliefert. Bei den Kollegen aber war sie kein Problem.

Das Jahrhundert-Derby

Heute ist Holger Leister arbeitsunfähig. Aber er kann ein relativ normales Leben führen. Und dafür ist er seinem Bruder unendlich dankbar. Holger ist Dauerkarten-Besitzer und heute wieder regelmäßig im Stadion, und als der BVB von der außergewöhnlichen Geschichte der beiden Brüder erfährt, lädt der Klub die beiden ein - ausgerechnet das Revierderby im Herbst 2017, das Jahrhundert-Derby, das 4:4 endet, ist das erste Derby, das beide gemeinsam im Stadion erleben.

Schalker Niere arbeitet jetzt im Körper eines BVB-Anhängers

Seinen Stammplatz hat Holger Leister auf der Südtribüne in Block 84. © Groeger

Zumindest etwas mehr als eine Halbzeit lang. „Er war der einzige Schalker auf der Tribüne“, sagt Holger. Michael hat auf sein Trikot nicht verzichten wollen und ist somit leicht zu identifizieren. Die beiden haben teure Sitzplatzkarten auf der Westtribüne, aber das schützt sie nicht vor einer Bierdusche, als das erste Dortmunder Tor fällt. „Es gab danach nach jedem Tor Sprüche, und in der Halbzeit sind wir dann raus“, sagt Holger, „ich weiß nicht, ob ich ihn gesund da aus dem Block bekommen hätte, wenn wir bis zum 4:4 geblieben wären.“

Besonderes Ende eines besonderen Tages

Auf der Autobahn hören sie, wie Schalke immer näher herankommt. 4:1, 4:2, 4:3. Das Tor zum 4:4 sehen sie auf einem Fernseher an einem Kiosk in Sprockhövel. Michael jubelt, irgendwie freut sich auch Holger für ihn. Es ist das besondere Ende eines besonderen Tages im Leben der Brüder.

Die beiden frotzeln über die Leidenschaft des jeweils anderen, sie ziehen sich je nach sportlicher Lage beim Klub des anderen auf. Aber der Sport ist nicht so wichtig, als dass der Familienfrieden darunter leiden würde. „Familie“, sagt Michael Leister, „ist doch das Wichtigste.“ Holger nickt.

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