Von der U17 zu den BVB-Profis: Sebastian Geppert. © imago / Team 2
Borussia Dortmund

Sebastian Geppert: Vom BVB-Ausbilder zum Co-Trainer bei den Profis

Als Juniorentrainer hat Sebastian Geppert beim BVB Fußballprofis ausgebildet. Plötzlich sitzt er selbst auf einem Trainersessel in der Bundesliga. Und staunt.

Mit dem Flugzeug jettete Sebastian Geppert mit seiner Mannschaft zum Spielort, die Nacht vorm Spiel verbrachte die Mannschaft professionell im Hotel. Der Countdown bis zum Spiel zerrte an den Nerven. Das Stadion füllte sich, die TV-Kameras filmten jede Bewegung, Klubboss Hans-Joachim Watzke nahm Platz in einer Sitzreihe direkt hinter der Trainerbank. In einem spektakulären Finale um die Deutsche Meisterschaft der U17 setzte sich Gepperts Dortmunder Elf mit 3:2 durch. Siegtorschütze: Youssoufa Moukoko. Geppert jubelte: „Mein bisher größter Erfolg.“

Zweieinhalb Jahre ist dieses Endspiel her, das war am 17. Juni 2018. Bis zu dieser Woche galt es als Karriere-Highlight von Geppert, der sagt: „Mein Herz schlägt schon immer für den BVB.“ Doch seit dem vergangenen Wochenende hat sich viel verändert. Nicht in Sachen Vereinsliebe, sondern bei seiner Tätigkeit. Edin Terzic übernahm bei denen „oben“, wie es am BVB-Trainingsgelände immer heißt, die Verantwortung. Geppert als Co-Trainer zu installieren, „war vor allem ein Wunsch von Edin“, sagt Watzke. Ihm gefiel die Idee, den emotionalen Neustart inmitten der Saison mit viel Stallgeruch zu verbinden, mit Trainern, „die auch wissen, wie dieser Verein tickt“. Im Scherz ergänzte er über den Compagnon an Terzics Seite: „Dann ist einer bei Edin, dem er vertraut, mit dem er unter vier Augen mal sagen kann, was die Bosse wieder für einen Mist geredet haben.“

Die Vertrauensbasis ist tatsächlich groß. Terzic und Geppert kennen sich seit vielen Jahren, sie studierten zur gleichen Zeit Sportwissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum, sie sind befreundet. Als Terzic 2013 einen Co-Trainer für die U16 der Borussia benötigte, schlug er damals seinen Kumpel Geppert vor. Der bekam den Zuschlag und startete, nachdem seine Juniorenfußballer-Laufbahn beim BVB nach zweieinhalb Jahren im Teenager-Alter mit einer Aussortierung jäh endete, eine zweite Karriere bei der Borussia. Letztlich sogar ohne Terzic, der wenige Tage nach Gepperts Start ein Angebot von Besiktas Istanbul nicht ausschlagen konnte und erstmal aus Dortmund verschwand.

Geppert verbindet mt Moukoko „eine außergewöhnliche Beziehung“

Geppert blieb, und er machte sich einen Namen als Top-Ausbilder. Von seinen ersten U17-Jahrgängen, die er seit dem September 2016 betreut, spielt bereits ein halbes Dutzend im Profibereich, ein Dutzend mindestens in der Regionalliga. Beim BVB forderte, förderte und formte er unter anderem Luca Unbehaun und Tobias Raschl, Ansgar Knauff und Nnamdi Collins, vor allem aber Youssoufa Moukoko. Den Senkrechtstarter („Beim ersten Training hat er mich gefragt, ob er eine Chance bekommt, mal zu spielen …“) betreute wohl keiner so intensiv wie Geppert, der selbst als Stürmer in der vierten Liga traf.

Sebastian Geppert mit dem BVB auf dem Weg nach Berlin. © Groeger © Groeger

Mit seinem Schützling, wie er selber gerade in der Bundesliga angekommen, verbindet ihn „eine außergewöhnliche Beziehung“, wie er es beschreibt, die nun um zwei Kapitel reicher ist: „Dass Youssoufa in Bremen sein erstes Bundesliga-Spiel von Beginn an gemacht hat, als ich zum ersten Mal auf der Bank saß, das ist ja fast wie im Märchen“, sagte er im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. Am Freitagabend folgte Moukokos erstes Bundesliga-Tor – leider unter den ernüchternden Umständen einer schlimmen Auswärtspleite.

BVB-Trainer Geppert: „Zufriedenheit fehlt oft in unserer Gesellschaft“

Es gehören aber viel mehr Aspekte als die engen persönlichen Verbindungen zu den Argumenten für Sebastian Gepperts Berufung in den Trainerstab der ersten Mannschaft. Der 36-Jährige, vor drei Monaten erstmals Vater geworden, hat sich menschlich und fachlich einen hervorragenden Ruf erworben. Mit den persönlich wie sportlich herausfordernden U17-Jahrgängen hat er eine Atmosphäre geprägt, die gleichzeitig von natürlicher Autorität und Offenheit geprägt war. Der Trainer ist in seinen Augen der Chef, aber nicht der einzig entscheidende Mann.

„Man sollte sich nicht als wichtigste Person ansehen. Davon bin ich überzeugt. Ich stehe nicht auf dem Feld, ich kann keine Tore schießen. Nur Tipps geben und helfen“, sagte Geppert im Frühjahr 2019, als er gerade seine Fußballlehrer-Lizenz erhalten hatte. Die Arbeit mit den Junioren-Jahrgängen erfüllte ihn. Ambitionen, weiter nach oben zu klettern auf der Karriereleiter, verneinte er bis vor Kurzem. „Ich bin mit dem Status quo sehr zufrieden. Zufriedenheit fehlt mir oft in unserer Gesellschaft. Da wird zu viel und zu früh nach größer, schneller und mehr gerufen. Ich bin da vielleicht anders gepolt.“

Sebastian Geppert erlebt beim BVB aufregende Tage

Umso überraschender kam nun die Berufung in den Trainerstab der Profis. Aber so schnelllebig ist der Fußball halt. „Ich war natürlich immer eng dran am BVB und habe alle Entwicklungen bei den Profis nah verfolgt. Dass ich zu diesem Zeitpunkt diese Chance bekomme, habe ich mir nie vorstellen können. Jetzt arbeite ich hart dafür, den bestmöglichen Job zu machen.“

Statt vierwöchiger Winterpause mit der U17 und intensiver Zeit mit der kleinen Familie ging und geht es nun im Drei-Tages-Rhythmus auf Dienstreise nach Bremen, Berlin, Braunschweig. „Die ersten Tage waren natürlich sehr aufregend“, sagt Geppert. Wenig Schlaf, viel Adrenalin, kaum Appetit. Er musste „einfach funktionieren. Ich investiere meine komplette Energie und gebe alles, was ich kann, um der Mannschaft zu helfen und Edin Terzic zu unterstützen.“ Die Unterschiede in den Abläufen, in der Aufmerksamkeit könnten kaum größer sein zum überschaubaren Juniorenbereich, aber auf dem Trainingsplatz, bei den Übungsformen, gehe es halt immer noch um Fußball. „Da komme ich schnell in den Rhythmus.“

Geppert holt mit seinen BVB-Team im Schnitt 2,36 Punkte

In seiner Denkweise beeinflusst haben den leidenschaftlichen Borussen, analog zu Terzic, auch die Klopp-Jahre. Eine der Überzeugungen des BVB-Übertrainers hat er übernommen: „Die Lust aufs Gewinnen muss größer sein als die Angst vorm Verlieren. Ich in meinen jungen Jahren vermute mal blauäugig, mit Lust kann man mehr Leistung rauskitzeln als mit Angst.“ In 107 U17-Spielen holte Geppert im Schnitt 2,36 Punkte und stellte Bestmarken bei Serien ohne Niederlage auf. Nachwuchs, Ausbildung, individuelle Förderung, aber alles mit dem Leitgedanken, „die überragende Zahl der Spiele zu gewinnen“, wie es Junioren-Chef Lars Ricken ausdrückt. Bodenständigkeit und höchste Ambitionen mussten da nicht im Widerspruch stehen.

Ausbilder Geppert war selbst ein Musterschüler. In der sechsteiligen Dokumentations-Serie „Dreamchasers“, in der ein Kamerateam ihn und seine Mannschaft während der Saison 2018/19 auf Schritt und Tritt begleitet hat, kann man ihn als Vorgesetzten auf Augenhöhe kennenlernen. Ein Coach, der coacht. Ein Chef, der auch zuhören kann. Ein Entscheider, der Entschlossenheit und Begeisterungsfähigkeit vorlebt.

Geppert übernimmt die Vorbereitung auf den nächsten BVB-Gegner

Eine seiner Aufgaben im Profiteam ist nun konsequenterweise die Betreuung der Teenager in der Mannschaft. „Ich führe Gespräche vor allem mit den jüngeren Spielern wie Gio, Jude oder Youssoufa. Einige Spieler kenne ich auch aus meinem Praktikum vor zwei Jahren, da habe ich einen guten Zugang. Insgesamt gibt es sehr viel zu tun, manches muss sich neu finden. Für manche Spieler ist ein Trainerwechsel eine neue Erfahrung.“ Neben den vielen Absprachen im Trainer-Trio kümmert sich Geppert schwerpunktmäßig um die Vorbereitung auf den nächsten Gegner, er analysiert deren Standards, sucht in den Videos „nach freien Räumen, in den wir Torchancen kreieren können“ und erstellt Vorschläge, „wie wir Gefahr von unserem Tor abwenden können“. Dass sich Trainer auch bei Profis manchmal machtlos fühlen, daran hat der Abend in Berlin schmerzhaft erinnert.

Stilistisch will sich Geppert, gebürtig aus und wohnhaft in Wanne-Eickel, nicht festlegen auf eine einzige Spielphilosophie. Da käme es auf Spielertypen und das Team als Ganzes an. Nur eines sollte nicht vorkommen: träges, passives Gekicke. „Ich will“, sagt Geppert, „dass meine Mannschaft in jedem Moment des Spiels aktiv ist und ihr Spiel durchsetzt.“

BVB-Co-Trainer Geppert: „Stark genug, jeden Gegner zu schlagen“

Das galt in der U17, das gilt jetzt auch in der Bundesliga, da tickt er wie sein Chef Terzic. Geppert sagt über das Vorgehen mit der strauchelnden Borussia: „Wir wollen viel mehr auf uns gucken. Wir sind stark genug, jeden Gegner zu schlagen. Dieses Gefühl müssen wir wieder verinnerlichen und top vorbereitet in die Spiele gehen.“ Wer ihn als engagierten Coach auf dem Trainingsplatz und am Spielfeldrand in der Junioren-Bundesliga gesehen hat, erkennt ihn in dieser Aussage wieder: „Wir wollen uns mehr pushen, mehr positive Energie erzeugen. Wir müssen lauter sein als der Gegner.“ Positive Typen braucht es bei jeder Mannschaft.

  • Sebastian Geppert ist 36 Jahre alt, er wurde am 11. Januar 1984 in Wanne-Eickel geboren.

  • In seiner aktiven Karriere spielte er unter anderem für die SG Wattenscheid und den DSC Wanne-Eickel in der Regionalliga.
  • Seit 2013 arbeitet er als Juniorentrainer beim BVB
  • Seit September 2016 ist Geppert Cheftrainer der U17.
  • Erfolge: 2018 Deutscher Meister, 2019 Deutscher Vize-Meister
  • Seit 2019 ist Geppert Fußballlehrer.
Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.