Kann der BVB den FC Bayern München im Bundesliga-Topspiel überraschen? © imago / Witters
Borussia Dortmund

Taktik: Wie der BVB den Bayern wehtun kann – und was er vermeiden muss

Spitze in der Offensive, anfällig in der Abwehr: Ein tiefer Blick auf Taktik und Eigenheiten des FC Bayern zeigt, wie Borussia Dortmund auch in München erfolgreich sein kann.

0:1, 2:3, 2:3 – die jüngsten Resultate zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund sprechen am Samstagabend (18.30 Uhr, live auf Sky) für einen engen Spielverlauf in der Allianz Arena.

Wir werfen vor dem großen Duell einen Blick auf die Taktiken und Eigenheiten der beiden Dauer-Konkurrenten im deutschen Fußball:

Wie muss Dortmund defensiv gegen die Bayern agieren?

Als Grundvoraussetzung muss Borussia Dortmund bei den Bayern zunächst einmal hoch konzentriert, seriös und möglichst fehlerfrei verteidigen. So simpel, so schwer. Die Münchner stellen mit weitem Abstand die beste Offensive der Bundesliga, sie erzielen im Schnitt fast drei Tore pro Partie. Die Aufgabe für den BVB wird es sein, auf die häufigsten Grundmuster der FCB-Angriffe vorbereitet zu sein.

Die BVB-Abwehr um Mats Hummels muss hellwach sein

„Am besten ist es, sie gar nicht erst ins letzte Drittel kommen zu lassen“, sagt BVB-Trainer Edin Terzic. Er fordert von seinen Spielern ein, dass sie geschlossen und kompakt verteidigen, die Abstände zum Nebenmann geringhalten und sich gegenseitig unterstützen. Um nicht in eine passive Rolle und zu weit in und an den eigenen Strafraum gedrängt zu werden, brauche es auch „Mut, die Höhe zu halten“.

Das Vabanque-Spiel mit der Abseitslinie ist gerade gegen Bayerns variantenreiches Offensivspiel, die schnellen Spieler auf den Flügeln und die Nachrücker im Zentrum risikobehaftet und gleichzeitig alternativlos. Partien, in denen der BVB trotz zehn Feldspielern am eigenen Sechzehner überrollt wurde, gab es in der Allianz Arena viel zu viele. Vor den Bayern-Läufen in die Tiefe, oft zusammen mit überraschenden Diagonalbällen, müssen Mats Hummels und Co. absolut gewarnt sein.

BVB-Trainer Terzic wird auf das bewährte System setzen

Bei der Formation deutet trotz der Ausfälle von Raphael Guerreiro und Jadon Sancho wenig darauf hin, dass Terzic von der zuletzt stabilen Viererkette – drei Partien ohne Gegentor – abrücken wird. Das bedeutet, dass auch im vielbeinigen Mittelfeld intensiv verteidigt werden muss wie zuletzt in Mönchengladbach oder in Sevilla, wo die Gegner jeweils mehr Ballbesitz hatten. Man werde „leiden müssen“, sagte der BVB-Trainernovize. Das bezog sich auf die Laufbereitschaft, nicht aufs Ergebnis.

Wie kann Borussia Dortmund offensiv in München agieren?

In der Offensive hat der BVB seine stärksten Waffen, mannschaftlich und auch individuell. Im Supercup und im Liga-Hinspiel erzielten die Borussen vier sehenswerte Tore, es hätten bei weiteren Großchancen noch mehr Treffer sein müssen.

BVB hat durch Haaland und Sancho Tempovorteile

Ein zentraler Punkt in der Herangehensweise: Der BVB muss im Spielaufbau schnell und geradlinig den Weg nach vorne suchen. Vor allem beim 2:3 im eigenen Stadion Anfang November streuten die Borussen aus der eigenen Hälfte eine ganze Serie weiter Pässe auf die eigenen Stürmer ein. Ein prädestiniertes Mittel, um die Tempovorteile von Erling Haaland gegenüber den Bayern-Innenverteidigern Jerome Boateng oder David Alaba zu nutzen. Weil nicht jeder Steilpass den Adressaten erreichen wird, müssen die vier offensiven Spieler (bei einem 4-2-3-1) auch um die zweiten Bälle, Abpraller und unsauber geklärte Aktionen kämpfen.

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Im Hinspiel blieb zwischen dem angreifenden Quartett und der Hintermannschaft oft eine große Lücke, Dortmund trat fast in einem 4-2-4 an, in dem sechs Feldspieler vornehmlich defensive Aufgaben verrichteten. Je zügiger diese Lücke im Mittelfeld geschlossen werden kann, in beiden Richtungen, umso besser.

Der BVB muss die eigenen Fehler gegen Bayern minimieren

Torjäger wie Haaland fürchten auch die Münchner Abwehrspieler. Über den Norweger sagt Bayern-Coach Hansi Flick: „Er ist einer, auf den man immer aufpassen muss.“ BVB-Kapitän Marco Reus hat sich mit einigen klugen Torvorbereitungen wieder in Szene gesetzt. Diese eigenen Stärken und Qualitäten gilt es durchzusetzen und dabei unerzwungene Fehler im Spielaufbau oder durch zu hastige Aktionen in den Umschaltsituationen tunlichst zu vermeiden.

Was macht die starke Bayern-Offensive aus?

Die Vielseitigkeit der Spieler und der gefahrbringenden Spielzüge ist bei kaum einem Verein so bockstark und mannigfaltig wie beim FCB. „Der Werkzeugkasten der Offensive von Bayern München ist sehr groß“, sagte Terzic. Dazu zählt das Durchsetzungsvermögen in den Eins-gegen-Eins-Duellen auf den Flügeln, dazu zählen die Rückpässe von der Grundlinie, Flanken auf den zweiten Pfosten aus dem Halbfeld heraus, Läufe in die Tiefe oder Chip-Bälle hinter die vorrückende Abwehrkette.

Jeder Offensivspieler der Bayern kann den Unterschied machen

Im Zweifel steht in und an der Box in Robert Lewandowski (28 Saisontore in 22 Spielen) immer noch der beste Stürmer des Planeten. Und sonst trifft halt Thomas Müller. Oder Kingsley Coman. Oder Serge Gnabry. Oder Leon Goretzka. Qualität und Breite zusammengenommen, dürfte derzeit keine Mannschaft der Welt besser aufgestellt sein.

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Um sich den nötigen Raum zu verschaffen, wählen die Bayern auch mal unkonventionelle Wege. Im Hinspiel zogen die Flügelspieler oft ins Zentrum, um für die nachrückenden Außenverteidiger Platz zu schaffen. Mit ihrer Mischung aus abwartendem Ballbesitz und plötzlichen Rhythmuswechseln mit Steckpässen in die Tiefe bleiben die Münchner jederzeit unberechenbar – und brandgefährlich. Jeder Offensivspieler kann hierbei den Unterschied ausmachen.

Wie spielen die Münchner gegen den Ball?

Das größte Gift im Medizinschrank der Münchner ist das hoch effiziente Pressing, das sie unter Trainer Hansi Flick erarbeitet und fast bis zur Perfektion umgesetzt haben. Wie ein engmaschiges Netz umspannen die Bayern nach Ballverlusten den Gegner, sie stressen den ballführenden Spieler und üben enormen Druck aus. Dazu schieben sie nicht selten alle Mann in die gegnerische Spielhälfte vor. Das bedingt feine Abstimmung und ein kollektives Agieren. Gelingen die Balleroberungen, wird’s sofort brenzlig.

Das Problem der Bayern: Zu oft harmoniert das Kollektiv in dieser Spielzeit nicht bei der Arbeit gegen den Ball. Mit 32 Gegentreffern hat der FCB sogar ein Tor mehr kassiert als der BVB, und genau so viele wie Werder Bremen. Hertha, Leipzig, Gladbach und Bielefeld erzielten drei Treffer, Frankfurt, Dortmund, Mainz und Salzburg zwei. Hinter der aufgerückten Bayern-Abwehrkette, die höher steht als die aller anderen Bundesligisten, gibt es viel Wiese und damit Chancen für Konter. Flick sagt nicht grundlos: „Wir brauchen Druck auf den Ball.“ In Mats Hummels, Mahmoud Dahoud oder Marco Reus hat der BVB in jedem Mannschaftsteil Spieler, die tödliche Pässe hinter die Abwehr spielen können.

Wie lautet das Fazit?

Fußball ist und bleibt ein Fehler-Spiel, und da bieten die Bayern ihren Kontrahenten in dieser Spielzeit mehr an, als man es von ihnen gewohnt ist. Die Dortmunder waren hier zuletzt solider, wenn auch gegen schwache Gegner.

Nur eines sollte dem BVB nicht passieren, nämlich dass Joshua Kimmich nach der Partie Sätze sagen kann wie diese nach dem 1:0 im vorigen Mai: „In diesem Spiel war es nicht so, dass wir qualitativ besser waren als der BVB. Am Ende hatte ich aber auf dem Platz nie das Gefühl, dass wir das Spiel verlieren werden. Im Gegenteil – ich hatte immer den Glauben, dass wir es den Tick mehr wollen als Dortmund.“

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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