Haben die Messlatte für die neue Saison hochgelegt: Edin Terzic und die BVB-Profis. © Groothuis / Witters
Borussia Dortmund

Team und Terzic legen die Messlatte für den neuen BVB hoch

BVB-Trainer Edin Terzic übergibt seinem Nachfolger Marco Rose „eine funktionierende Mannschaft“, wie Klubchef Hans-Joachim Watzke betont. Die Messlatte liegt hoch - für alle.

Einzeln brausten die Spieler in ihren hochpreisigen Gefährten vom Stadiongelände, Fensterscheibe hoch, einer nach dem anderen war auf und davon. Mit einem blamablem 0:4 gegen die TSG Hoffenheim verabschiedete sich Borussia Dortmund vor einem Jahr in die Sommerpause. Mannschaft und Trainer Lucien Favre hinterließen einen irritierenden Eindruck. Öffentlich bestätigen mochte beim BVB keiner die real bestehenden und berechtigten Sorgen. Der Handlungsdruck erschien intern nach Platz zwei und zu Beginn einer unabsehbaren Coronakrise, auch mangels Alternativen auf dem Trainermarkt, nicht groß genug. Stattdessen stapelten sich die Probleme und Rätsel, die sich dann lange durch die Spielzeit hindurchzogen und zwischenzeitlich den Trainerwechsel doch unumgänglich machten.

Es ist fast schade, dass die Spielzeit für den BVB zu Ende ist

Szenenwechsel, ein Jahr später: Bei Burgern und Fritten lassen die Borussen im Trainingszentrum in Brackel nach einem 3:1 gegen Bayer Leverkusen am Samstag die Saison Revue passieren. Abschiedsstimmung bei Lukasz Piszczek, schon jetzt Vorfreude auf das Wiedersehen bei vielen Spielern, die wegen der anstehenden Europameisterschaft teilweise erst in acht Wochen zurückerwartet werden. Trainer Edin Terzic, der im fast menschenleeren Stadion noch Fangesänge geschmettert hat, schickt eine Mannschaft in die Ferien, die sich mit Emotionen und Erfolgen für einen nicht für möglich gehaltenen Endspurt belohnt hat.

Fast schade, dass die Spielzeit endet. Umgekehrte Vorzeichen – auch das ist ein Fingerzeig. Klubchef Hans-Joachim Watzke lobte im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten: „Dass die Mannschaft im letzten Spiel, in dem es um nichts mehr ging, trotzdem unbedingt gewinnen wollte, das gibt schon ein gutes Gefühl für die neue Saison. Das müssen wir uns aber auch immer wieder neu erarbeiten und ist kein Automatismus.“

Der neue BVB-Trainer Rose will aus den schwierigen Wochen mit Gladbach lernen

Dann übernimmt Marco Rose als Cheftrainer die sportliche Verantwortung. Diese wichtigste, fünf Millionen Euro schwere Personalie haben Borussias Bosse bereits zu Beginn des Jahres geklärt. Der Coach von Borussia Mönchengladbach hat massiv Kritik einstecken müssen, seit er im Februar den Wechsel vom Niederrhein ins Ruhrgebiet publik gemacht hat. „Mir ging es in den letzten Wochen nicht immer gut. Viele Dinge, die da auf mich eingeprasselt sind, sind auch nicht spurlos an mir vorbeigegangen“, sagte der 44-Jährige am Wochenende.

Anderthalb Jahre lief es gut bis sehr gut für ihn in Gladbach, die letzten Monate fielen mangelhaft aus. Er freue sich „jetzt erstmal auf eine gemeinsame Zeit mit meiner Familie und ein bisschen Urlaub“, sagte Rose. „Und ich werde die Zeit auch nochmal nutzen, um ein paar Dinge zu reflektieren und für mich einzuordnen.“ Der vermeintliche Heilsbringer ist selbst von Schrammen und Beulen gekennzeichnet. Er werde gerade auch aus den schwierigen vergangenen Wochen lernen.

Edin Terzic hinterlässt ein bestelltes Feld in Dortmund

So kommt es zu einer kuriosen Situation, bei der die Verhältnisse aus dem Winter ins Gegenteil verkehrt werden. Statt einem erfolgreichen und heiß begehrten Trainer die Aufgabe zu erteilen, eine wankelmütige und antriebsarme Dortmunder Borussia neu aufzustellen, bekommt eine geschlossene und hungrige Mannschaft einen neuen Coach, den sie vielleicht gar nicht benötigt hätte. Terzic hinterlässt, nachdem er monatelang mit größter Mühe das bleierne Favre-Erbe aus dem Kader herausgeschüttelt hat, ein bestelltes Feld. Auch Watzke betont: „Edin Terzics Leistung ist außergewöhnlich, er übergibt eine funktionierende Mannschaft an Marco Rose.“

Sein größter Verdienst neben den sportlichen Orden: Er hat die Sehnsucht gestillt nach einer BVB-Elf, mit der sich die Millionen Anhänger der Schwarzgelben identifizieren können. Er hat wieder die Leidenschaft geweckt, mit dieser Borussia nach mehr zu streben als nach einer Grundzufriedenheit als Bester vom Rest der Bundesliga. Authentisch, emotional, enthusiastisch, so lauten Attribute zum Kehraus 2021 – zur schärferen Kontrastierung sei nochmal das Saisonende 2020 in Erinnerung gerufen.

Im besten Fall profitiert der BVB von Rose und Terzic

Ob die Konstellation mit dem beliebten Übergangstrainer Terzic als künftigem Assistenten Brisanz birgt oder nicht, hängt wie immer im Profisport vom Erfolg ab. Nichts anderes schweißt gleichermaßen zusammen, nichts anderes sorgt für eine gedeihliche Arbeitsatmosphäre. Die Entscheidung pro Rose galt auch in der breiten Fanbasis bis vor sieben Wochen noch als goldrichtig, sie ist auch vor dem dem Hintergrund des euphorischen Saisonfinals nicht grundfalsch.

Im besten Fall machen zwei ebenso begeisterungsfähige wie erfolgshungrige Trainer den Profis Beine. Terzic hat an seiner Loyalität keine Zweifel aufkommen lassen, er steht für die schwarzgelbe Komponente. In Sachen Positionsspiel oder bei taktischen Anpassungen im Spiel kann Rose sicher mehr beisteuern.

Der Umbrauch beim BVB muss nicht so fundamental ausfallen wie befürchtet

Was sich gravierend verändert hat, ist die Ausgangslage für Team und Trainerteam in diesem Sommer. Der Umbruch in der Mannschaft kann (wegen der Einschränkungen durch die Coronakrise) und muss (wegen der jüngsten Eindrücke des Kaders) nicht so fundamental ausfallen wie noch vor Wochen prognostiziert. Und nicht er habe die Messlatte für Marco Rose höher gelegt, argumentierte Edin Terzic, sondern die BVB-Mannschaft habe für sich den Anspruch und die Erwartungshaltung (zurück) nach oben korrigiert.

Leistungskultur ist mittlerweile keine Funktionärs-Phrase mehr in Dortmund, sie wird gelebt und muss auch künftig das sinnstiftende Element bleiben. Für Spieler und Trainer. Damit wäre eine mehr als solide Basis für einen Neustart gelegt.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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