Beim BVB sorgte Thomas Helmer (l.) in seiner Profi-Zeit in der Abwehr für Ordnung. Mittlerweile ist er als Moderator für Sport1 tätig. © imago/Kicker/Liedel
Borussia Dortmund

Thomas Helmer: „Das Defensivverhalten hat den BVB viele Punkte gekostet“

Mit dem BVB gewann Thomas Helmer 1989 den DFB-Pokal, jetzt verfolgt er die Dortmund-Spiele als TV-Moderator. Im Interview spricht er über die löchrige Defensive und die Urgewalt von Erling Haaland.

Sechs Jahre lang hat Thomas Helmer für den BVB die Fußballschuhe geschnürt, im Westfalenstadion wurde der spätere Europameister von 1996 zum Nationalspieler. Mit Borussia Dortmund gewann er 1989 den DFB-Pokal und stand selbst auf dem Rasen, als der BVB zuletzt auf Besiktas traf. Wenn es an diesem Mittwoch nach 32 Jahren wieder zu dieser Begegnung kommt, moderiert Helmer den „Sport1-Fantalk“ im Deutschen Fußballmuseum (ab 18.30 Uhr). Wir haben mit dem 56-Jährigen vor dem Champions-League-Auftakt über die Probleme in der BVB-Defensive, Treffen mit schwarzgelben Weggefährten und die Urgewalt von Erling Haaland gesprochen.

Wenn ich das wüsste, würde ich direkt den richtigen Tipp geben. Ich glaube, das ist schon länger ein Problem bei Borussia, dass sie immer mal wieder Fehler machen und nicht stabil genug sind. Das liegt natürlich nicht nur an den Innenverteidigern, das muss man fairerweise sagen. Da sind ja auch noch defensive Spieler davor. Das ganze Defensivverhalten in den letzten Jahren hat die Borussia viele Punkte gekostet.

Thomas Helmer, neun Gegentore hat sich der BVB nach vier Spieltagen schon eingefangen. Sie waren selbst jahrelang Defensivexperte in Schwarzgelb. Wie kann die Borussia ihre Abwehr stabilisieren?

Emre Can, Dan-Axel Zagadou, Mateu Morey und Nico Schulz sind aktuell verletzt, Mats Hummels ist gerade wieder in den Spielbetrieb eingestiegen. In der Vorbereitung konnte Marco Rose die Abwehr nicht in Bestbesetzung trainieren lassen, auch die EM hatte daran Anteil. Wie lange dauert es, bis die Spieler ihre Abstimmung zueinander gefunden haben?

Hat nicht sogar schon Axel Witsel in der Innenverteidigung gespielt? Daran sieht man ja schon, wie die Situation ist. Natürlich ist es nach einem Turnier immer schwierig, nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Trainer. Man kann nicht vernünftig miteinander trainieren, weil immer wieder ein Spieler wegfällt oder noch im Urlaub ist. Aber ich glaube trotzdem, dass der Borussia vielleicht der eine oder andere defensivere Spieler noch gut getan hätte. Natürlich kann ein Witsel dort einmal aushelfen. Oder ein Emre Can – der kann es natürlich auch. Aber wenn jetzt wie am Mittwoch die Champions League kommt, wird es schwierig. Da reicht es einfach nicht aus, auch die Breite nicht. Wenn man merkt, man hat vielleicht Spieler, die etwas verletzungsanfälliger sind, dann muss man trotzdem jemanden holen. Deshalb haben sie auch Marin Pongracic vom VfL Wolfsburg verpflichtet. Das war schon das richtige Zeichen, aber er muss sich erst einfinden.

Sie haben selbst von 1986 bis 1992 für den BVB gespielt. Was sind ihre schönsten Erinnerungen an diese Zeit?

Natürlich der Pokalsieg 1989, aber auch mein erstes Jahr bei Borussia damals. Das war ja nach der Relegation gegen Fortuna Köln, da wurde ich geholt und habe alle Spiele gemacht. Am Anfang habe ich erstmal gedacht: Boah, was ist denn das für ein Tempo hier im Vergleich zur zweiten Liga – das schaffe ich ja nie! Aber wir hatten eine gute Truppe, keine Superstars, es war sehr familiär damals und hat sehr viel Spaß gemacht. 1989 war natürlich dann das erste Riesen-Highlight, auch wenn wir gleich in meiner ersten Saison Vierter geworden sind.

Treffen Sie auch alte Bekannte, wenn Sie in Dortmund sind?

Ich treffe einen Teil meiner Jungs am Mittwoch wieder, vor dem Champions-League-Spiel. Wir machen das immer so, wenn ich im Fußballmuseum einen Fantalk für Sport1 moderiere oder in der Nähe bin. Günther Kutowski kommt, Michael Rummenigge ist dabei, Nobby Dickel, Michael Lusch, auch unser früherer Busfahrer und Zeugwart, Hartmut Wiegand, die gute Seele. Seine Frau hat damals immer Kuchen für uns gebacken vor den Spielen, auch Marmorkuchen. Wenn wir verloren hatten, gab es immer einen anderen Kuchen, wenn wir gewonnen haben, immer den gleichen. Wir treffen uns, wenn es möglich ist – dann reden wir über die alten Zeiten, das ist immer eine schöne Sache.

Schön sieht es beim BVB aktuell auch in der Offensive aus – 13 Tore sind Bundesliga-Spitze. Kann Borussia Dortmund eine so anfällige Defensive über eine Saison hinweg mit offensiver Power ausgleichen?

Nein, das glaube ich nicht. Das geht nicht immer gut. Das ist genau der Punkt – die ganze Mannschaft muss dann vielleicht auch mal wieder ein bisschen defensiver denken. Nach vorne haben sie ja wahnsinnige Wucht, Spaß und Spielintelligenz. Dass mit Erling Haaland ein 21-Jähriger vorangehen muss, finde ich schon sehr bemerkenswert. Aber der reißt sie alle mit, das ist sensationell. Und das gucken wir uns als Fußballfans ja auch alle sehr, sehr gerne an. Als Defensivspieler würde ich sagen: Alles gut, mein Lieber, du darfst noch fünf Tore schießen. Aber an den Rest deiner Jungs da vorne: seht zu, dass ihr auch mal nach hinten arbeitet. Es geht in der Bundesliga sicherlich in einigen Spielen gut, aber international wird das sehr, sehr schwierig. Das war in den letzten Jahren immer so ein bisschen die Achillesferse des BVB, dass er hinten nicht kompakt genug war.

Was würden Sie anders machen?

Wenn man führt, darf man sich auch einfach mal hinten reinstellen. Immer den gleichen Spielstil zu verfolgen, der auch viele Risiken birgt, wenn man den Ball verliert – ich weiß nicht. Das ist jetzt natürlich old school, aber so habe ich es gelernt. Alle sagen, es ist Mentalität, sie sind ja mehrmals nach einem Rückstand zurückgekommen. Das finde ich auch gut, bemerkenswert. Das ist auch ein Fortschritt, das darf man auch nicht außer acht lassen. Aber trotzdem: Ich glaube, Marco Reus hat es auch gesagt: „Wir können nicht immer fünf Tore schießen wenn wir hinten vier bekommen.“ Das merkt die Mannschaft ja auch selbst. Da sind sie sehr selbstkritisch, das ist sehr gut und da müssen sie jetzt weiter dran arbeiten. In der Liga ist ja alles gut, mit neun Punkten – in Freiburg habe ich auch immer verloren (lacht).

BVB-Stürmer Erling Haaland haben Sie schon angesprochen. Wie hätten Sie als früherer Verteidiger versucht, ihn aus dem Spiel zu nehmen?

Das habe ich mich auch schon öfter gefragt. Ich habe gegen Leute wie Toni Polster gespielt, der hat sich gar nicht bewegt. Das war genauso schlimm, der hat immer nur den Fuß hingehalten. Dann hat er immer gesagt: „Thomas, da hast du nicht aufgepasst, da ist das Tor.“ Der hat mich dann in Gespräche verwickelt, aber Erling Haaland hat natürlich diese Dynamik. Mein Eindruck ist, dass er immer noch ein bisschen mehr Raum braucht. Man muss ihn dann auch wirklich so gut einsetzen. Ich würde es wie früher machen, dass der eine Innenverteidiger immer bei ihm ist und der andere sichert ihn ab. Wenn der eine ausgespielt ist, kann der andere immer noch versuchen, zu helfen. Ob das immer gelingt – dahinter würde ich ein großes Fragezeichen setzen. Früher hätten wir auch mal ein Foul gezogen – aber der Haaland fällt ja gar nicht um! Das ist Wahnsinn, da fällt eher der Verteidiger um. Es macht schon Spaß, ihm zuzuschauen. Ihn zu stoppen, ist sehr schwierig. Aber es ist ja schon in dem einen oder anderen Spiel gelungen und Freiburg hat es ja auch hinbekommen.

Die BVB-Offensive besteht natürlich nicht nur aus Erling Haaland. Was macht den Dortmunder Angriff so stark?

Ich hatte erst ein paar Befürchtungen. Jetzt, da Jadon Sancho weg ist. Aber ich finde Jude Bellingham überragend. Raphael Guerreiro ist für mich auch mehr ein Offensivspieler, das ist für mich kein linker Verteidiger im eigentlichen Sinne. Da hat der BVB sehr viele Möglichkeiten und kann sehr gut variieren. Bei Marco Reus ist natürlich immer die Frage – wie lange hält seine Fitness? Aber vom Können her ist das alles top.

Wie hat sich das BVB-Spiel unter Marco Rose verändert?

Ich finde es ein bisschen zu früh, um das beurteilen zu können. Wir haben ja gerade schon über die Defensive gesprochen, für mich hat sich da noch nicht so viel geändert. Die Problematik ist natürlich, wenn er die Spieler nicht zur Verfügung hat oder sie nicht fit sind.

Am Mittwoch startet der BVB in Istanbul in die Champions-League-Saison. Was erwarten Sie von dieser Partie?

Ich erwarte einen Sieg von Borussia, ganz klar. Ich glaube, dass sie auch in der Gruppe weiterkommen. Das muss der Anspruch sein. Natürlich sind das immer ganz besondere Spiele in Istanbul. Ich habe dort auch einmal mit dem BVB gespielt. Beim Warmmachen kamen wir aus so einer Luke raus, kurz hinterm Tor, und über uns waren Polizisten, die uns mit Schilderngeschützt haben, weil wir nur beschmissen wurden. Das gehörte damals dazu.

Was ist für den BVB in der Champions League möglich?

In der Gruppenphase kann man ja mittlerweile schon vorausahnen, welche beiden Mannschaften weiterkommen werden. Danach ist es immer eine Frage der Auslosung. Aber ich bleibe dabei: Wenn es der BVB nicht hinbekommt, die Defensive zu stabilisieren, dann wird es auch in der Champions League ganz, ganz schwer. Gerade, wenn es in die K.o.-Phase geht.


Leipzig hat es ja auch bis ins Halbfinale geschafft, das dürfen wir nicht vergessen. Und zurecht, sie haben es richtig gut gemacht. Es gibt schon Möglichkeiten. Wenn man ein gutes Team ist und beim BVB alle fit sind, dann haben sie schon eine sehr gute Mannschaft. In den K.o.-Spielen muss es in allen Mannschaftsteilen perfekt funktionieren. Das geht aber auch über Euphorie und Begeisterung.

Und sollte der BVB es hinbekommen, die Defensive zu stabilisieren – wie weit kann es für die Borussia gehen?

Thomas Helmer moderiert an diesem Mittwoch ab 18.30 Uhr die Sendung „Fantalk“ bei Sport1, die aus dem Fußballmuseum in Dortmund gesendet wird.

Über den Autor
Gebürtiger Dortmunder mit viel Liebe für den großen und kleinen Sport: Hauptsache, es rollt, tickt oder geht ordentlich vorwärts. Ob im Fernsehen, am Spielfeldrand oder selbst mit Ball und Rad unterwegs. Seit 2014 für Lensing Media im Einsatz, erst in Freier Mitarbeit, nun als Volontär.
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Hendrik Nachtigäller

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