Torsten Frings spricht über Werders Abstiegssorgen

Der BVB-Gegner

Seine Zeit in Dortmund endete abrupt, trotzdem erinnert sich Torsten Frings gerne daran zurück. Vor dem Duell gegen seinen Ex-Klub am Samstag (18.30 Uhr) hat Matthias Dersch mit dem heutigen Co-Trainer des SV Werder Bremen über die Abstiegssorgen der Norddeutschen, die Rollenverteilung zwischen ihm und seinem Chef Viktor Skripnik und Werders Chancen gegen die hoch favorisierten Borussen gesprochen.

DORTMUND

, 01.04.2016, 19:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Torsten Frings, es scheint fast, als fiebere ganz Deutschland mit Werder. Niemand - die direkten Konkurrenten einmal außen vorgelassen - will, dass der Klub absteigt. Wie erklären Sie sich diese Beliebtheit? Ich denke, dass Werder ein Verein ist, der einfach sehr sympathisch rüberkommt. Hier wird in Ruhe gearbeitet, hier gibt es keine großen Schlagzeilen oder Skandale, hier ist man bodenständig. Das färbt auch auf die Fans ab. Wer zu uns kommt, kommt gerne und fühlt sich wohl. Das alles spiegelt sich natürlich auch in der öffentlichen Wahrnehmung wider.

Sie haben von Anfang an gewarnt, dass es erneut eine schwere Saison werden würde. Hätten Sie es in der Abstiegsregion auch so eng und voll erwartet? Es spielen in der Tat sehr viele Teams aktuell noch um den Klassenerhalt. Aber für uns war vor der Saison klar, dass wir dazu gehören werden und es ein hartes und schwieriges Jahr werden würde für uns. Aber wir kämpfen jeden Tag dafür, dass wir am Ende nicht zu den zwei oder drei Teams gehören, die in die 2. Liga müssen.

Kann es ein Vorteil sein, dass Werder - anders als andere Klubs - auf den Abstiegskampf vorbereitet war? Ja, das kann sein. Man hat es ja gesehen, dass wir hier auch ruhig geblieben sind, als es eine Zeit lang mal gar nicht lief. Das ist sicherlich die Konsequenz daraus, dass wir wussten, was uns erwartet.Werders Leistungen in dieser Saison schwanken stark. Wo liegen die Ursachen für die fehlende Konstanz? Das ist schwer zu sagen. Im Pokal beispielsweise konnten wir bislang für Überraschungen sorgen. Da waren wir aber zuletzt der Underdog, da hatten wir keinen Druck. In der Liga ist es eine andere Hausnummer, da geht es um den Klassenerhalt. Das ist der Druck sicherlich größer.

Sehen Sie Fortschritte? Ja, wir haben uns seit dem Rückrundenstart stabilisiert. Es ist ja klar, dass ab und an eine Niederlage kommt, aber wir haben auch einige Punkte geholt, mit denen niemand gerechnet hat. Und: Wir haben ein gutes Restprogramm, spielen noch gegen viele direkte Konkurrenten. Wir haben es also selbst in der Hand.

36 erzielte Tore können sich sehen lassen, 54 Gegentore dagegen nicht. Fehlt es noch an der nötigen Balance? Wir sind natürlich unzufrieden mit unserem Torverhältnis. Aber es waren auch zwei Spiele dabei, in denen wir hoch verloren haben. Rechnet man das 0:6 gegen Wolfsburg und das 0:5 gegen München raus, dann stehen wir nicht schlechter da als andere Mannschaften. Nichtsdestotrotz stimmt es sicherlich, dass die Balance noch nicht so da ist. Wir arbeiten daran, das abzustellen. Aber es gehört eben auch zu uns, dass wir offensiv spielen und viele Tore schießen wollen.Die berühmte Werder-DNA ... Ja, Viktor Skripnik und ich kennen ja beide noch die Zeiten unter Thomas Schaaf. Damals haben wir auch mal 50 Tore kassiert, aber eben auch 70 oder 80 geschossen. Heute sind es leider keine 70 Tore mehr, die wir erzielen, aber immer noch 50, die wir kassieren. Das wollen wir natürlich ändern.

Eine Entwicklung, die angesichts der vielen jungen Talente im Team, Zeit benötigt? Ja, aber das ist unser Weg. Wir wollen sie einbauen, deshalb reißen wir den Jungs auch nicht den Kopf ab, wenn sie mal einen Fehler machen. Fehler gehören zu einer Entwicklung dazu.

Am Samstag geht es nach Dortmund. Sie haben selbst für den BVB gespielt. Kehren Sie gerne in den Signal Iduna Park zurück? Absolut. Ich hatte zwei tolle Jahre beim BVB und habe mich sehr wohl gefühlt. Ich wäre auch gerne länger geblieben, aber dann bin ich aufgrund der finanziellen Situation des Klubs nach München gewechselt. Mit Roman Weidenfeller habe ich bis heute Kontakt. Ich komme gerne zurück, das Stadion und der Klub werden immer etwas Besonderes sein für mich.Dortmund spielt seit Wochen überragend. Graut es Ihnen da nicht ein wenig vor der Reise? Der BVB und die Bayern spielen in einer ganz anderen Liga. Entsprechend schwer wird es für uns werden am Samstag. Aber ich erzähle Ihnen sicher nichts Neues, wenn ich sage, dass im Fußball alles möglich ist. (lacht) Wir werden auch in Dortmund nach vorne spielen und versuchen, etwas mitzunehmen. Auch wenn der BVB natürlich haushoher Favorit ist.Glauben Sie noch an Spannung an der Spitze? Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bayern noch fünf Punkte abgeben.

Und am Samstagabend könnten es ja sogar acht Punkte Rückstand sein ... Das wäre natürlich ein Traum. (lacht) Wenn wir einen optimalen Tag erwischen, ist es möglich. Im Falle einer Niederlage droht ein Abstiegsplatz. Was würde der Gang in die 2. Liga für Werder bedeuten? Es wäre natürlich ein herber Rückschlag. Für den Verein, für die Stadt, für die ganze Liga. Aber wir bleiben hier ausschließlich positiv und denken nicht an den Worst-Case.

Sie haben als Spieler noch ganz andere Werder-Zeiten erlebt. Sie waren zweimal DFB-Pokalsieger, standen 2009 im UEFA-Pokalfinale. Was ist heute noch von dem Werder von damals übrig? Von den alten Zeiten träumt keiner mehr. Jeder im Verein und auch das Umfeld haben inzwischen verstanden, dass die vorbei sind. Fußballerisch und finanziell. Die Realität ist eingekehrt. Wir alle haben die Situation angenommen, wie sie jetzt ist. Wer zuletzt mal hier war, der weiß, wie die Fans hinter uns stehen und wie sie uns unterstützen.

Ihr Cheftrainer Viktor Skripnik wird oft mit Werder-Legende Thomas Schaaf verglichen. Ist das für Sie nachvollziehbar? Viktor hat unter Schaaf trainiert und in seiner Anfangszeit als Chefcoach die Raute spielen lassen, die auch Schaaf damals favorisiert hat. Deshalb war es irgendwie klar, dass diese Vergleiche kommen würden. Aber ich denke, mittlerweile hat jeder gesehen, dass Viktor seinen eigenen Stil hat.

Schaaf ist derzeit ein direkter Konkurrent von Werder. Er kämpft mit Hannover gegen den Abstieg. Fürchten Sie sich vor dem Szenario, dass Sie ihn mit Werder in die 2. Liga - und damit aus dem Job - schießen? Wir wünschen uns das natürlich nicht. Wir sind auch traurig, dass Thomas in so einer Situation steckt. Aber im Fußball ist es leider so, dass man nur an sich denken darf. Wir wollen die Liga halten, nur das zählt jetzt.

Wie hat man sich die Zusammenarbeit zwischen Skripnik und Ihnen im Trainerteam vorzustellen? Sie sind recht unterschiedliche Typen ... Ja, Viktor ist eher der ruhigere Typ, ich der ... nicht so ruhige! (lacht) Aber das gesamte Trainerteam ergänzt sich total gut. Jeder hat seinen eigenen Stil, mit der Mannschaft zu sprechen. Ich bin vielleicht etwas lockerer in der Ansprache, weil ich noch nicht so lange raus bin aus dem Profi-Leben und mit einigen noch zusammen gespielt habe.

Die klassische Bad-Cop-Good-Cop-Kombination, wie man sie aus Hollywood kennt? Das kam schon mal vor, ja ... (lacht) Aber wir sprechen mit einer Zunge. Das gilt auch für unseren zweiten Co-Trainer Florian Kohfeldt und Torwart-Trainer Christian Vander. Wir diskutieren natürlich, zoffen uns auch mal. Aber bei Viktor liegt letztendlich die letzte Entscheidung, er ist der Cheftrainer.

Sie haben vor einigem Jahr Ihre Fußballlehrer-Lizenz erhalten. Reizt es Sie, irgendwann auch mal der Boss zu sein? Irgendwann vielleicht mal. Aber im Moment ist das kein Thema. Da denke ich nur an Werder Bremen. Alles andere ist jetzt unwichtig.

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