U17-Coach Geppert im Interview: Die Persönlichkeit ist als Trainer das A und O

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Mit der U17 des BVB ist Sebastian Geppert (35) 2018 Deutscher Meister geworden. Jetzt hat er den Fußballlehrer-Lehrgang erfolgreich absolviert. Ein Gespräch über Typen, Respekt und Lebenswelten 16-Jähriger.

Dortmund

, 27.03.2019, 18:18 Uhr / Lesedauer: 6 min

Wollen wir unser Gespräch mit etwas Unwichtigem beginnen?
Was wäre das?


Der Trainer im Fußball.

Hm, das ist immer schwer zu messen, wie wichtig der Trainer ist. Wie viel Anteil hat der Coach, wie viel gelingt der Mannschaft alleine?


Sie haben in einem Interview mal gesagt: „Als Trainer sollte man sich nicht zu wichtig nehmen.“ Was meinen Sie damit?

Ich denke, dass der Trainer am Ende schon eine große Verantwortung trägt. Für die Mannschaft. Auch für das Funktionsteam, das in der U17 bereits zehn Personen umfasst. Und nicht zuletzt für die Ergebnisse. Letztlich spielt der Cheftrainer natürlich eine wichtige und entscheidende Rolle. Aber er sollte sich nicht als wichtigste Person ansehen. Davon bin ich überzeugt. Ich stehe nicht auf dem Feld, ich kann keine Tore schießen. Nur Tipps geben und helfen.


Was sind das für Tipps?

Gerade im Jugendbereich geht es nicht nur um Fußball, Laufwege, Zweikämpfe oder Abschlüsse. Da geht es auch um Werte. Ein Großteil meiner Spieler hat es jetzt schon weit gebracht, wird aber nie mit Fußball das große Geld verdienen. Wenn die irgendwann sagen, sie hätten in dieser Zeit hier beim BVB oder mit mir als Trainer viel gelernt, viel erlebt, dann haben wir viel erreicht.

Sebastian Geppert (M.) im Gespräch mit seinen Führungsspielern Rilind Hetemi (r.) und Youssoufa Moukoko.

Sebastian Geppert (M.) im Gespräch mit seinen Führungsspielern Rilind Hetemi (r.) und Youssoufa Moukoko. © Groeger

Gehört Spaß auch noch dazu in diesem ambitionierten Bereich?

Absolut. Ich versuche immer, Spaß und Erfolg zu kombinieren. Jürgen Klopp hat das so treffend formuliert: Die Lust aufs Gewinnen muss größer sein als die Angst vorm Verlieren. Ich in meinen jungen Jahren vermute mal blauäugig, mit Lust kann man mehr Leistung rauskitzeln als mit Angst. Es ist nicht immer alles lustig, das nicht. Manchmal ist Fußball spielen bei uns auch harte Arbeit. Aber auch harte Arbeit kann Spaß machen.


Sie hatten auch viel Arbeit mit Sieben-Tage-Wochen seit Juni 2018, weil Sie parallel zur Arbeit beim BVB an der Weisweiler-Akademie Ihre Ausbildung zum Fußballlehrer absolviert haben. Sind Sie jetzt ein besserer Trainer?

Ich habe neue Perspektiven gesehen, manches von mir hinterfragt oder reflektiert. Da ging es manchmal nur um kleine Übungen fürs Training. Aber wir haben auch viel über den Umgang mit Medien gelernt, und über die psychologische Ebene: Wie man sich verkauft, wie man vor der Mannschaft spricht. Ich bin jetzt nicht zu 100 Prozent ein anderer Trainer, das auf keinen Fall. Die große Linie dieser Ausbildung ist, dass jeder für sich das an Input herauszieht, was er gebrauchen kann.


Also eher eine Weiterentwicklung als ein Neuentwurf?

Ich finde, im Fußball entwickelt man sich jeden Tag weiter. Weil ich auch jeden Tag mit neuen Situationen konfrontiert werde. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt. Ob ich jetzt ein besserer Trainer bin? Das sollen andere entscheiden.


Trainer geben viel von ihrer Persönlichkeit in die Arbeit. Sich zu verstellen, ergibt keinen Sinn, oder?

Absolut nicht. Ich will authentisch sein. So auftreten, wie ich bin. Nur so kann ich gute Beziehungen zu Spielern und Mitarbeitern aufbauen. Wenn sie merken, dass ich hinter dem stehe und das vorlebe, was ich verlange, ist das eine gute Basis.


Welchen Stellenwert hat die persönliche Entwicklung als Trainer in der Ausbildung?

Einen sehr hohen. Bei diesem Lehrgang standen auch viele fußballerische, taktische Inhalte auf dem Programm. Aber am Ende geht es doch darum: Was für ein Typ steht da vor der Mannschaft? Ist der glaubwürdig? Wie lange hält das? Es wird einfacher, wenn man Erfolg hat. Und wenn Misserfolg vorliegt, wie verändern sich Tonlage und Beziehungen dann? Ich würde sagen, die Persönlichkeit ist als Trainer fast das A und O.


Wie gut steht es um die Management-Fähigkeiten bei einem Kader mit mehr als 20 Spielern, einem zehnköpfigen Funktionsteam, Gesprächen mit Eltern, Beratern?

Zeitmanagement ist ein großes Thema, denn die Zeit reicht eigentlich nie aus. Im Jugendbereich drubbelt es sich sehr in Richtung Nachmittag/Abend, weil die Jungs vorher in der Schule sind. Ich habe 25 Spieler im Kader, also auch 25 Eltern, 25 Geschichten, Menschen, Schüler. Selbst wenn ich mit jedem Spieler an jedem Tag nur zwei Minuten reden würde, wäre eine Stunde weg. Wir müssen aber auch noch trainieren! Ich biete immer Zeit für Gespräche an und habe ein offenes Ohr. Das wissen auch alle. Da geht es oft nicht um Fußball - die Jungs sind 16 Jahre alt und haben auch noch andere Probleme.

Das Funktionsteam der BVB umfasst derzeit zehn Personen.

Das Funktionsteam der BVB umfasst derzeit zehn Personen. © imago

Und dann kommen auch noch die Mitarbeiter hinzu.

Die sind erwachsen und alle Experten. Ob als Physiotherapeut, Sportmediziner oder Torwarttrainer. Da übergebe ich viel Verantwortung, weil ich gar nicht alles selber machen kann oder will, und ich teilweise viel weniger Ahnung in den Bereichen habe.


Sind Sie dann mehr Manager, Moderator oder mehr Übungsleiter?

Wenn man für das Berufsbild Trainer ein Anforderungsprofil schreiben müsste, dann gäbe es kein Ende der Aufzählung. Man ist Moderator, Zuhörer, Vater, Freund, Experte, Sportler, hat Personalverantwortung. Es kommt ja auch auf den Spielertypen an. Manche brauchen und suchen Nähe. Andere sind glücklich, wenn der Trainer nicht mit ihnen spricht, denn dann ist alles gut. Der Job ist komplex und steckt voller Herausforderungen.


Sie sind mit 35 noch jung, wenn auch nicht aus der Perspektive von 16-Jährigen. Vor 20 Jahren waren Trainer noch Autoritäten, Respektspersonen. Ist das veraltet?

Ich glaube, dass vor allem die Spieler und deren Lebenswelten sich drastisch verändert haben. Nicht zuletzt durch die sozialen Medien. Die haben andere Schwerpunkte. Wenn sie mir erzählen, was sie den Tag über so treiben, ist das nicht mehr mit meiner Zeit als Jugendlicher vergleichbar. Das ist auch ein Grund, warum die Trainertypen sich in der Mehrzahl verändert haben. Es gibt nicht den einen goldenen Weg, der immer und bei jeder Mannschaft funktioniert. Aber ein gutes Verhältnis zu den Spielern muss die Basis sein, davon bin ich überzeugt.


Respekt durch Verständnis, nicht durch Straftraining?

Strafen kommen auch mal vor. Nicht als Sanktionen, sondern in harmloserer Form, etwa als Liegestütze bei einer Übung. Oder wir spielen ein Turnier, und die Verlierermannschaft muss eine extra Runde laufen. Das fördert ja auch den Siegeswillen. Ich gebe ja als Trainer die Richtung vor, und wenn ich Konsequenzen androhe, und sei es nur, um die Motivation zu kitzeln, dann muss ich es am Ende auch ausführen. Alles andere wäre ein Eigentor. Ernster wird es, wenn jemand gegen Prinzipien unseres Miteinanders verstößt. Aber das passiert selten bis gar nicht.


Sie haben mit 35 die Endstufe der Trainerausbildung erreicht, waren mit der U17 des BVB schon Deutscher Meister. Wo soll das hinführen?

Ich bin mit dem Status quo sehr zufrieden. Zufriedenheit fehlt mir oft in unserer Gesellschaft. Da wird zu viel und zu früh nach größer, schneller und mehr gerufen. Ich bin da vielleicht anders gepolt. Ich will heute das bestmögliche Training anbieten. Und morgen auch. Und am Wochenende das bestmögliche Ergebnis erreichen. Ich will meinen Job so gut wie möglich machen.


Hört sich leicht an, weil Sie mit Ihrer Mannschaft seit Ewigkeiten kein Spiel mehr verloren haben.

Im Moment ist alles top. Aber es werden ja auch andere Zeiten kommen. Ich genieße den Moment. Ich bin bei einem der größten Vereine Deutschlands und Europas angestellt, ich darf die Arbeit machen, die ich liebe, und das bei dem Verein, für den mein Herz schlägt. Ich bin meinen Chefs Lars Ricken und Eddy Boekamp total dankbar, dass ich mit der U17 diesen Weg gehen durfte. Mit der Meisterschaft und jetzt noch dem Fußballlehrer obendrauf, da hätte ich vor zehn Jahren auch gesagt: Kneif mich mal! Ich habe dafür auch viel investiert und bin glücklich damit.


Wie sieht die zukünftige Trainerelite Deutschlands das Nachwuchsproblem? Auch Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc hat angemahnt, dass Franzosen, Spanier und Engländer den deutschen Junioren voraus wären und mehr Top-Talente produzieren.

Ein wesentlicher Punkt ist das Bildungs- und Erziehungssystem. In England und Frankreich gibt es keine Schulpflicht bis 18 Jahre. Da übernimmt der Verein auch die pädagogische Ausbildung ab dem 16. Lebensjahr komplett. Bei uns ist das nicht möglich - was ich nicht schlimm finde, denn wir sind für die Spieler, die nicht Profifußballer werden, mindestens genauso verantwortlich. Auf der anderen Seite braucht es Fachleute in der Ausbildung, die über großes Know-how verfügen und über den Tellerrand und das nächste Wochenende hinausschauen. Ich kann aber nicht die Ausbildung in Deutschland generell diskutieren. Das steht mir nicht zu und dazu fehlt mir auch der Überblick. Ich kann da nur für uns sprechen.


Dann sprechen Sie mal!

Wir orientieren uns am Profibereich. Dort wollen wir Spieler hinführen. Aber welche Spieler sind das? Solche, die im besten Fall Spiele in der Champions League entscheiden. Das ist eine brutal hohe Anforderung.


Mit die höchste Stufe überhaupt.

Und wenn einer, ich nenne mal Janni Serra als Beispiel, ein guter Stürmer in der 2. Bundesliga wird, dann ist das ein Erfolg. Christian Pulisic, Jacob Bruun Larsen, Felix Passlack, Dzenis Burnic, das sind teils riesige Erfolge für den BVB. Jetzt haben Luca Unbehaun, Tobias Raschl und Patrick Osterhage Profiverträge unterschrieben. Das ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wie viele Spiele sie letztlich in unserer ersten Mannschaft bestreiten, ob sie überhaupt in der Bundesliga ankommen, kann niemand vorhersagen.

Mit der U17 holte Geppert im vergangenen Sommer den Meistertitel.

Mit der U17 holte Geppert im vergangenen Sommer den Meistertitel. © imago

Selbst bei Top-Talenten ist ja nicht absehbar, ob sie sich im Seniorenbereich durchsetzen. Wie zum Beispiel bei Philipp Lahm: Der FC Bayern hatte Glück, dass er ihn nur verliehen und nicht zum VfB Stuttgart verkauft hatte.

Solche Fälle wird es immer wieder geben. Und in die andere Richtung genauso. Hier kommen Jungs an, 13 oder 14 Jahre alt, und dann soll ich sagen, ob die Profi werden? Das ist nicht seriös. Wenn die Anlagen vorhanden sind und die Fantasie berechtigt ist, werden wir alles investieren. Wird dann jemand ein guter Zweitligaspieler, ist das top! Und wenn er eine gute Ausbildung genießt, als gereifter junger Mann hier rausgeht und in anderen Bereichen als dem Profifußball erfolgreich und glücklich ist, dann passt das auch.


Nochmal zum Sportlichen: Ihre U17 ist als einziges Team bundesweit ungeschlagen. Operation Titelverteidigung läuft?

Operation „Das nächste Spiel gewinnen“ läuft. Weiter denken wir nicht. Einige Spiele waren knapp, aber mehr als die Hälfte der Partien konnten wir bereits vor der Halbzeit entscheiden. Diese Mannschaft ist total fokussiert. Gute Einzelspieler, gutes Team. Wir wollen weiter ungeschlagen bleiben, damit motivieren wir uns weiter. Jetzt kommen die Topspiele in Köln und gegen Gladbach. Da müssen wir wieder voll da sein.

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