Hatte sich nicht im Griff: BVB-Profis Emre Can © picture alliance/dpa
Borussia Dortmund

Unnötige Rote Karte gegen BVB-Spieler Emre Can: Nicht der erste Aussetzer

Die Rote Karte gegen Emre Can besiegelt in Lissabon endgültig das Aus in der Champions League. Als Mentalitätsspieler geholt, schießt der 27-Jährige zu oft übers Ziel hinaus. Das ist ein Problem für den BVB.

Beim Blick auf die Szene, die ganz gut auflöste, warum Emre Can im Estadio José Alvalade XXI die Rote Karte gesehen hatte, zuckte BVB-Sportdirektor Michael Zorc resignierend mit den Schultern: „Es ist“, meinte der 59-Jährige zu der Aktion, „komplett unnötig, da so zu reagieren.“ Mit dem rechten Fuß war Can auf das Sprunggelenk des am Boden liegenden Pedro Porro gestiegen, dazu ein Wischer zuvor beim Zweikampf – in der Summe blieb Schiedsrichter Carlos del Cerro Grande am Ende gar nichts anderes übrig, als Borussia Dortmunds defensiven Mittelfeldspieler vom Feld zu schicken.

Aussetzer von Emre Can gibt Borussia Dortmund den Rest

Was Zorc nicht sagte, auf dem Rasen aber offensichtlich wurde: Diese Szene ließ eine Partie, die Borussia Dortmund in den ersten 30 Minuten komplett kontrolliert hatte, endgültig in die falsche Richtung kippen. In Unterzahl und mit schwindenden Kräften, räumte auch Sportdirektor Zorc ein, „fehlten uns die Mittel, um das dann noch zu drehen.“

Der Ärger um den Aussetzer Cans mischte sich mit dem Frust über die Tatsache, dass der BVB sich dieses Ausscheiden auch durch das unzureichende Verhalten bei den Gegentoren selbst zuzuschreiben hatte. Cans Aussetzer, ausgelöst durch ein hartes Einsteigen seines Gegenspielers, gab der Borussia dann den Rest. „Von immer den gleichen Fehlern“, sprach Kapitän Marco Reus zu Recht. Es ist ein Muster, das sich durch zu viele Spiele zieht.

Emre Can sollte dem BVB eigentlich Stabilität verleihen

Dass Porro nicht einmal Gelb sah für sein Einsteigen, sorgte für einen kleinen Fleck auf dem Bewertungsbogen des ansonsten sicheren Schiedsrichters aus Spanien, geriet aber angesichts der viel größeren Dortmunder Probleme zur Randnotiz. Der BVB schleppte ganz andere Probleme mit durch die kurze Nacht, vom ersten Ausscheiden nach der Gruppenphase seit vier Jahren wurde der Klub böse überrascht.

Seit fast zwei Jahren spielt Emre Can nun wieder in Deutschland, von der Euphorie bei seiner Verpflichtung im Januar 2020, das muss man sagen, ist nicht viel geblieben. Can war auserkoren, einer in kritischen Situationen oft führungslos wirkenden Mannschaft Stabilität zu verleihen. „Er bringt neben seiner Technik auch seine Physis ein und verfügt über einen absoluten Siegeswillen“, hatte Zorc bei Cans Verpflichtung gesagt. Diese Charaktereigenschaft ist, das muss man anerkennen, in jedem Spiel zu sehen. Can will, er gibt alles für den Teamerfolg. Aber es gelingt ihm längst nicht immer, seine Energie so zu kanalisieren, dass es der Mannschaft gewinnbringend weiterhilft. Das Gegenteil ist zu oft der Fall.

Can in der Königsklasse: Zwei Rote Karten, zwei Elfer verschuldet

Allein Cans BVB-Zeugnis in der Champions League spricht Bände. In zehn Einsätzen sah er zwei Mal glatt Rot (Paris, Lissabon), in zwei Spielen (ManCity, Sevilla) verursachte er durch Übereifer Elfmeter. Wenn es gilt, in kritischen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, steht bei Emre Can oftmals seine nur schwer zu kontrollierende Impulsivität im Weg. In einem für die Mannschaft mittlerweile ungesunden Verhältnis.

Die Psyche spielt dabei eine wichtige Rolle. Can blickt auf eine von Verletzungen geprägte Hinrunde, er kam mit Wadenproblemen aus dem Sommerurlaub zurück, handelte sich danach zwei weitere Muskelverletzungen ein. Zwölf (!) Pflichtspiele verpasste er, das nervte kolossal.

Mit jedem Comeback wuchs der Wunsch, der Mannschaft endlich richtig helfen zu können. Dabei ist Ungeduld ein schlechter Ratgeber, „Ich will Gas geben“, hat Can bei seiner Verpflichtung erklärt. Das ist nie das Problem des 27-Jährigen. Doch wer zu schnell in die Kurve fährt, läuft Gefahr, hinausgetragen zu werden.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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