Sprach nach dem 1:2 bei Union Klartext: BVB-Abwehrchef Mats Hummels. © imago / Bernd König
Borussia Dortmund

Verärgerung und ellenlange Mängelliste: Dem BVB droht der Absturz

Der BVB schleppt eine eklatante Form- und Führungsschwäche der erfahrensten Spieler mit in die kurze Bundesliga-Pause. Die Probleme sind gewaltig - es droht der Sturz ins Niemandsland.

Eine Werbebande, vor der Mats Hummels nach dem 1:2 bei Union Berlin den übertragenden Fernsehsendern Rede und Antwort stehen sollte, bekam den ganzen Frust des BVB-Abwehrchefs zu spüren. Mit Wucht knallte die rechte Faust des 32-Jährigen an die Plexiglas-Scheibe, die dieser Belastung aber ebenso wehrhaft Stand hielt wie zuvor die Union-Defensive den unzureichenden Dortmunder Angriffsbemühungen.

Hummels‘ anschließende Analyse war trotz der aufgestauten Wut dann messerscharf und auf den Punkt gebracht – und selten zählte ein Spieler seine Kollegen in der Öffentlichkeit in so deutlichen Worten an, wie der Weltmeister von 2014 das in diesem Moment für angebracht hielt. Hummels sprach von „unbegreiflichen“ Fehlern nicht nur bei den Gegentoren. Das sei für ein Team mit den Ansprüchen der Borussia „unverzeihlich“.

Die Quittung für unerklärlich viele leichte Fehler, für fehlende Konzentration beim Verteidigen der Standards, mangelndes Aufbäumen und halbherzige Gegenwehr gegen eine aufopferungsvoll kämpfende Berliner Mannschaft bekam Borussia Dortmund am Samstagabend in der Tabelle präsentiert. Statt Bayern, Leipzig und Leverkusen heißen die Dortmunder Konkurrenten aktuell Union Berlin, Wolfsburg, Gladbach und Stuttgart. Der Blick in den Rückspiegel verheißt über die kurze Weihnachtspause nichts Gutes. Von hinten droht große Gefahr.

Borussia Dortmund stellt sich in vielen Partien selbst ein Bein

In vielen Partien seit dem 2:3 gegen die Bayern, wo Borussia Dortmund dem Rekordmeister Paroli und einen begeisternden Fight lieferte, stellte sich der BVB selbst ein Bein. So geschehen gegen Köln und am Freitag in Berlin, wo Gegentore trotz klarer Zuteilung fielen, so geschehen gegen Stuttgart, in Frankfurt oder auch in Berlin, wo die Zahl der schlampigen Abspiele schwindelerregende Höhen erreichte. „Wir hauen uns selbst in die Pfanne“, merkte Hummels treffend an. Das Strickmuster ist oft dasselbe: Gegner, die Borussia Dortmund eigentlich beherrschen müsste, macht der BVB durch seine Fehler wieder stark. Und dann ist diese Mannschaft zu selten in der Lage, in einen Kampfmodus zu schalten und die Ärmel hochzukrempeln.

Das zeigt sich nicht zuletzt auch in vorderster Front, wo Zweikampfführung und die Bereitschaft, überhaupt mal dahin zu gehen, wo es wehtun könnte, nur sehr schwach ausgeprägt sind. Zur Pause in Berlin stand in der Spalte in den begangenen Fouls beim BVB die Null. Das ist ein Wert, für den man sich in einem Kampfspiel nicht feiern lassen kann.

BVB-Profis suchen zu wenig die Zweikämpfe

Jadon Sancho hatte zu diesem Zeitpunkt in der Alten Försterei eine bemitleidenswerte Zweikampfquote von null Prozent, man konnte sich allerdings auch nicht daran erinnern, dass er überhaupt einen Zweikampf ernsthaft geführt hatte. Ähnliches galt für Marco Reus, bei dem der Wunsch, nach so vielen Verletzungen unbeschadet aus den Spielen herauszukommen, zwar verständlich, aber in der Bundesliga wenig zielführend ist.

Unter der fehlenden Bereitschaft, Eins-gegen-Eins-Duelle bis zum (manchmal schmerzhaften) Ende durchzufechten, leidet die Dortmunder Offensive seit Monaten. Vor allem der junge Giovanni Reyna und Erling Haaland stecken massiv ein, weil sie nicht zurückstecken. Der Rest aber duckt sich oftmals weg. Sancho ist in der Liga noch ohne Tor, das gilt auch für Julian Brandt. Der aktuell verletzte Thorgan Hazard kommt auch nur auf einen Treffer, lediglich Reus kann in dieser Hinsicht mit drei Toren einigermaßen zufrieden sein, ein Anführer auf dem Feld ist er aber in keinster Weise.

Gestandene BVB-Spieler tauchen viel zu oft ab

Wie es geht, machen meistens die Jungen im Kader vor. In Berlin Youssoufa Moukoko, der sechs Mal aufs Tor schoss, regelmäßig (aber nicht in Berlin) auch Reyna, neben Haaland der torgefährlichste Offensivspieler des BVB. Dass Haaland bei nur acht Liga-Spielen mehr Treffer erzielte (10) als alle Kollegen in vorderster Front zusammen, spricht Bände.

Es ist ein dickes Brett, das der neue Trainer Edin Terzic zu bohren hat. Angefangen bei der eklatanten Formschwäche wichtiger Spieler, über unerklärliche und immer wiederkehrende Konzentrationsschwächen bis hin zu einer generellen Führungsschwäche, wenn die Mannschaft Gegenwehr verspürt und Anleitung der erfahrenen Spieler bräuchte. Gestandene und international erfahrene Spieler wie Reus, Axel Witsel, Manuel Akanji oder auch ein Emre Can tauchen in diesen Situationen aber schlichtweg viel zu schnell und viel zu oft ab.

Sancho, Brandt und Reus stecken in einer heftigen Formkrise

Es dürfte den Dortmundern einen weiteren schmerzhaften Stich versetzen, dass sich auch Unions 2:1-Siegtorschütze Marvin Friedrich „schon überrascht“ zeigte von der Freiheit, die er im BVB-Strafraum beim zweiten Berliner Treffer genoss. „Bei dem Eckball war ich erstaunlich frei.“ Auch Friedrich übrigens hat schon mehr Bundesliga-Tore auf seinem Konto (4) als Sancho, Brandt und Reus zusammen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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