Verstegens Schüler

DONAUESCHINGEN Viele Zehnkämpfe und harte Jahre in Ruderbooten haben seinen Körper geformt. Oliver Bartlett (39) ist der neue Fitnesstrainer von Borussia Dortmunds Profis – und so sieht er auch aus.

von Sascha Fligge

, 14.07.2008, 18:58 Uhr / Lesedauer: 2 min
Sportliche Führungscrew: Michael Zorc steuert das Fußball-Management, Jürgen Klopp (oben) gibt als Trainer den Anschub, Oliver Bartlett (links) sorgt für die physische Basis.

Sportliche Führungscrew: Michael Zorc steuert das Fußball-Management, Jürgen Klopp (oben) gibt als Trainer den Anschub, Oliver Bartlett (links) sorgt für die physische Basis.

Mit Bartlett hält die Lehre des US-Fitnesspapstes Mark Verstegen beim BVB Einzug. Verstegen wurde in Deutschland bekannt, als er vom damaligen Fußball-Bundestrainer Jürgen Klinsmann in der Vorbereitung auf die WM 2006 als Fitnesstrainer der Nationalmannschaft angestellt wurde.

Klinsmann wollte damit eine innovative Trainingsphilosophie im deutschen Fußball einführen. Bartlett erklärt: „Meine Aufgabe ist es, in einem ersten Schritt die Stabilität, Koordination und Mobilität der Profis zu schulen, im zweiten geht es um die Leistungsfähigkeit in den Bereichen Kraft und Ausdauer.“

Betrunken auf dem Hochseil

Verstegens Lehre, die sich weitgehend frei macht von geführten, isolierten Bewegungen an Fitnessstudio-Geräten, geht davon aus, dass spezielle Leistungsmerkmale zum Beispiel von Fußballern nur effektiv abgerufen werden können, wenn Schritt 1 und 2 die Basis bilden.

Borussias Profis erfahren das in diesen Tagen am eigenen Leib. Optisch entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn der baumlange Innenverteidiger Markus Brzenska die Standwaage übt und mit dem Gleichgewicht kämpft als würde er betrunken auf einem Hochseil balancieren.

Dass die Kicker mit Gummibändern um die Oberschenkel in der Hocke über den Rasen watscheln, ist dagegen schon fast Routine. Vor der WM 2006 hatte Verstegen für derlei Übungen noch den Hohn der Journaille abbekommen. „Nationalspieler wie kleine Enten“, titelte BILD.

30 000 Euro für die „Hardware“

Inzwischen ist die facettenreiche und zum Teil hochtechnisierte Umsetzung seiner Philosophie anerkannt. „Ich bin froh“, sagt Bartlett, der weiterhin U21-Fitnesstrainer bleiben wird, „dass sich Borussia Dortmund dazu entschlossen hat, Verstegens Methode langfristig zu verfolgen. So können sich die Spieler auf eine Sache einstellen und kontinuierlich verbessern.“

Der BVB lässt sich all die Neuerungen einiges kosten. Sportdirektor Michael Zorc spricht „von rund 30 000 Euro“ alleine für die „Hardware“. Das Fitnesscenter am Trainingsgelände in Brackel wird bald weitgehend entrümpelt. Dort stehen gängige Studio-Geräte, und die verursachen – weil Bewegungen isoliert geführt werden – mitunter muskuläre Dysbalancen. Bartlett kündigt an: „Wir werden mehr mit Seilzügen trainieren, Sprünge mit Widerständen einbauen oder Sprints mit Schlitten im Schlepptau.“

Für die konditionelle Schulung trägt schon jetzt jeder Spieler ein Gerät, das Herzfrequenzen in Echtzeit an ein Laptop sendet. Bartlett: „So weiß ich, wie jeder einzelne Akteur auf bestimmte Phasen der Einheiten reagiert. Trainiert er mit zu hoher Herzfrequenz, nehme ich ihn vielleicht einen Tag raus oder korrigiere die Intensität seines Trainungs nach unten. Kommt er nicht auf Touren, wird das Programm intensiviert.“

Spezialprogramm für Sebastian Kehl

Den Weg zum BVB ebnete sich Bartlett durch ein Spezialprogramm für Sebastian Kehls monatelang lädiertes Knie. Im Verborgenen trainierte der zuletzt beim VfL Osnabrück angestellte Diplom-Sportwissenschaftler und Phyisiotherapeut mit Kehl in Brackel. Hinter verschlossenen Türen. Niemand sollte etwas mitbekommen. „Schon vor einem Jahr“, sagt Bartlett, „wollte der BVB mich haben. Aber ich stand unter Vertrag.“

Das gewöhnungsbedürftige Fußballgeschäft wirkt auf den blonden Hünen übrigens längst nicht mehr skurril. Bartlett hat seine Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln 1996 über schottische Hochlandsportarten wie das Baumstammwerfen geschrieben. Mit ungewöhnlichen Menschen kennt er sich also aus.

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