Rückt erneut in den Fokus der BVB-Krise: Trainer Lucien Favre. © dpa
Meinung

Vieles liegt in Scherben beim BVB – und Lucien Favres Trainerstuhl wackelt

Der BVB hat sich binnen kürzester Zeit ins Dilemma katapultiert. Vor zwei Wochen war vieles gut, nun liegt vieles in Scherben. Lucien Favres Trainerstuhl wackelt. Tobias Jöhren kommentiert.

Hans-Joachim Watzke versuchte sich zu erinnern, wann Borussia Dortmund zuletzt im eigenen Stadion in der Bundesliga so untergegangen war wie an diesem Nachmittag. Eins zu fünf. Gegen einen Aufsteiger, der freilich herzerfrischend Fußball spielte, um die großartige Leistung des VfB Stuttgart an dieser Stelle nicht zu schmälern, aber eben doch gegen einen Aufsteiger. Er wisse es nicht genau, gab der BVB-Boss unumwunden zu, als er um kurz vor 20 Uhr für ein kurzes Statement vor die Handvoll Journalisten trat, die am Signal Iduna Park ausgeharrt hatten.

So lange ist es noch gar nicht her, um dem Vorsitzenden der BVB-Geschäftsführung ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. Am 34. Spieltag der vergangenen Saison schoss der Gegner, damals die TSG Hoffenheim, im Signal Iduna Park ebenfalls vier Tore mehr als Borussia Dortmund, nur das dieses Spiel damals nicht mehr so wirklich interessierte. Der BVB war bereits Vizemeister, das 0:4 war zwar ärgerlich, schon auch ein bisschen peinlich, aber Schwamm drüber. Endlich Sommerpause.

Der BVB-Auftritt gegen Stuttgart war schwerlich zu ertragen

Ansonsten ist es wahrlich sehr lange her, dass es in den eigenen vier Wänden in der Liga mal so gerappelt hat. Im September 2009 setzte es zu Hause mal ein 1:5 gegen den FC Bayern München. Und im September 2000 verlor der BVB in Dortmund 0:4 gegen den FC Schalke 04. Das tat mindestens genauso weh wie diese Klatsche gegen den VfB Stuttgart. Trainer bei jenem 0:4 im Derby vor über 20 Jahren war übrigens Matthias Sammer, und jener Matthias Sammer, der heute die Dortmunder Chefetage berät, saß nun, 20 Jahre später, im braunen Wintermantel auf der Ehrentribüne und musste an der Seite Hans-Joachim Watzkes mit ansehen, wie eine Dortmunder Mannschaft mal wieder so richtig hergespielt wurde im Signal Iduna Park.

Sowohl Watzke als auch Sammer müssen schwer gelitten haben während dieser 90 Minuten Fußball. Das Spiel des BVB war schwerlich zu ertragen. Lustlos, lieblos, leblos. Torhüter Roman Bürki war trotz des Stuttgarter Schützenfestes noch der beste Mann, es hätte noch viel schlimmer kommen können. Das Beste aus Dortmunder Sicht war vermutlich – und wenn das konstatiert werden muss, ist die Lage ernst -, dass keine Zuschauer im Stadion zugelassen waren. Die leere Südtribüne schwieg, doch es brauchte nicht besonders viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was der Mannschaft, die diesen Titel am Samstag nicht verdient hatte, entgegengeschlagen wäre während und nach und wegen dieses Auftritts gegen den VfB Stuttgart, wenn dort Menschen gestanden hätten, die regelmäßig und 90 Minuten lang mit deutlich mehr Leidenschaft zu Werke gehen als das Fußball spielende Personal in Schwarz und Gelb seit ein paar Jahren.

Borussia Dortmund steckt in einem Dilemma

Dieser „schwarze Tag“ müsse analysiert werden, gab Watzke kurz und knapp zu Protokoll. Mehr wollte er nicht sagen, mehr konnte er vielleicht auch noch nicht sagen. Auch Fragen nach Lucien Favres Zukunft ließ Watzke unbeantwortet. Sportdirektor Michael Zorc wollte sich gar nicht äußern. In solchen Fällen sind keine Antworten häufig die schlechtesten Antworten für Fußballtrainer.

© Deltatre © Deltatre

Am Sonntag nach dem Debakel wird sich Borussia Dortmund erklären müssen, wie es weitergeht. Der BVB steckt im Dilemma. Geht man den Weg mit Favre weiter, mit dem man sich, das gehört ja zur Wahrheit dazu, vor zwei Wochen noch auf dem richtigen Weg wähnte und gerade erst Gruppensieger in der Champions League geworden ist? Versucht man sich erst einmal nur bis in die kurze Winterpause zu retten und die drei noch ausstehenden Spiele in Bremen, bei Union Berlin und im Pokal in Braunschweig irgendwie erfolgreich über die Bühne zu bringen? Oder zieht man jetzt sofort die Notbremse, weil man verhindern will, dass an Weihnachten zumindest in der Bundesliga und vielleicht auch im Pokal schon alle Ziele verspielt sind? Und welche kurzfristigen Möglichkeiten hat man überhaupt, um auf der Trainerbank zu rotieren?

Der BVB kommt unter Lucien Favre nicht entscheidend voran

Der turbulente dritte Advent trifft Borussia Dortmund mit einer Wucht, die so nicht vorherzusehen war. Die Niederlage gegen Köln? Ganz schwach. Das Unentschieden gegen Lazio Rom? Halbwegs okay. Der Auftritt in Frankfurt? Nicht gut genug. Der Sieg in Sankt Petersburg? Kategorie Arbeitssieg. Die Demontage gegen Stuttgart? Findet man im Lexikon unter inakzeptabel. Fünf Spiele haben in kürzester Zeit dafür gesorgt, dass bei Borussia Dortmund vieles in Scherben liegt, was noch vor gut zwei Wochen einen stabilen Eindruck hinterließ.

Ob Lucien Favre zugetraut werden darf, die Scherben zusammenzufegen und auch wieder passend zusammenzusetzen, ist mindestens fraglich. Auch im dritten Jahr unter der Führung des Schweizers kommt Borussia Dortmund nicht entscheidend voran. Die Mannschaft verfällt immer wieder in alte Strickmuster, in Lethargie, in völlige Emotionslosigkeit, teilweise auch in ihre Einzelteile. Führungsspieler tauchen ab, wenn sie am wichtigsten wären – und ihr Trainer leiert bei der Suche nach den Gründen für die Probleme zumindest in der Öffentlichkeit immer wieder dasselbe alte Band ab, anstatt plausibel zu analysieren und zu kritisieren. Neben den fußballerischen Darbietungen des Teams müssen auch Favres Auftritte vor Kameras und Mikrofonen für die Dortmunder Verantwortlichen mitunter schwer zu ertragen sein. Für die Fans sind sie es in jedem Fall.

Hält die Zusammenarbeit zwischen Favre und dem BVB bis Sommer?

Spätestens im Sommer wird die Zusammenarbeit zwischen Favre und Borussia Dortmund ihr Ende finden, das ist kein Geheimnis mehr und steht allerspätestens nach diesem 1:5 gegen den VfB Stuttgart endgültig fest. Die spannende Frage ist nur noch, ob sie bis zum Sommer durchhält, was eigentlich der ausdrückliche Wunsch der BVB-Verantwortlichen ist. Mit Trainerentlassungen während der Saison tut man sich schwer in Dortmund. Das letzte Mal zog man vor ziemlich genau drei Jahren während einer Spielzeit die Reißleine. Am 10. Dezember 2017 musste Peter Bosz nach einer rasanten Talfahrt seinen Hut nehmen.

Damals lag der BVB nach 15 Spieltagen auf Rang acht der Tabelle, drei Punkte hinter Minimalziel Platz vier und 13 Punkte hinter Maximalziel Bayern München. Nun, nach dem 11. Spieltag, rangiert Borussia Dortmund auf Platz fünf, zwei Punkte hinter Platz vier und fünf Zähler hinter den Bayern. 2017 hatte der BVB nichts mehr zu gewinnen, es ging nur noch darum, nicht noch mehr zu verlieren. Das ist aktuell noch anders, noch ist nichts verloren, doch die große Frage ist, ob das Favres Position stärkt oder schwächt. Laufen lassen? Oder eingreifen?

Die BVB-Spieler lassen ihren Trainer im Stich

Für Peter Bosz endete die Zeit in Dortmund nach einem 1:2 gegen Werder Bremen. Nun steht wieder ein Spiel gegen die Grünweißen auf dem Spielplan. Falls Favre diese Chance noch bekommt, muss das Ergebnis am kommenden Dienstag ein anderes sein als vor drei Jahren. Bisher haben ihn seine Spieler immer gerettet, wenn es darauf ankam. Viele von ihnen schätzen seine menschliche und faire Art, es geht den BVB-Profis gut bei Lucien Favre. Der Verdacht liegt nahe, dass sie es sich ein bisschen zu bequem gemacht haben. Schon wieder – und ihren Trainer damit letztendlich doch im Stich lassen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
Zur Autorenseite
Tobias Jöhren

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt