Vor 20 Jahren geht der BVB an die Börse: „Was soll der Blödsinn?“

Stichtag

Borussia Dortmund wagt vor 20 Jahren den Börsengang. Der heutige BVB-Finanzgeschäftsführer Thomas Treß ist zunächst irritiert – mittlerweile sieht er den Sachverhalt zweigeteilt.

Dortmund

, 31.10.2020, 13:02 Uhr / Lesedauer: 2 min
BVB-Finanzgeschäftsführer Dr. Thomas Treß.

BVB-Finanzgeschäftsführer Dr. Thomas Treß. © Guido Kirchner

Ob der 31. Oktober ein Feiertag für Borussia Dortmund sei, wird Thomas Treß kürzlich im Mitgliedermagazin des BVB gefragt. Und Treß, seinerseits Finanzgeschäftsführer der Schwarzgelben, ist es ein Anliegen, vorsichtig abzuwägen. Nein, ein Feiertag sei dieses Datum, „sicherlich“ nicht, sagt er also. Und: „Der Börsengang“, offiziell vollzogen vor 20 Jahren am 31. Oktober 2000, „war Fluch und Segen zugleich“.


Börsengang: Der BVB wollte die Bayern angreifen – und verhob sich

Dass die Borussia nämlich nach ihrem Einstieg „sehr viel Geld in Form von Eigenkapital“ erhalten habe, „ohne dass der Kapitalmarkt dies besonders kritisch hinterfragt hat“, mündete laut Treß in der Fast-Insolvenz 2004. „Dieses Geld wurde von Borussia Dortmund eingesetzt, um zu versuchen, Bayern München sportlich anzugreifen und die Führungsrolle im deutschen Fußball streitig zu machen“, sagt der Finanzexperte, der von außen beobachtete, wie sich der BVB massiv verhob.

Treß, seit 2006 beim BVB, sah dabei zu, wie der Klub – getrieben von Präsident Dr. Gerd Niebaum – in die roten Zahlen geriet. Schulden häuften sich an, die Borussia stand kurz vor dem Abgrund. „Insoweit war der Börsengang ein Fluch“, meint Treß. „Ein Segen war er dahingehend, dass wir nach der Übernahme der Geschäftsführung in 2006 den Kapitalmarkt nutzen konnten, um die Krisenbewältigung voranzutreiben.“

BVB-Finanzgeschäftsführer Thomas Treß: „Was soll der Blödsinn?“

Bekanntlich gelang das eindrucksvoll. Trotz der Corona-Krise und der damit verbundenen Einbußen ist der Klub stabil – und auch an der Börse nicht heillos abgestürzt. Der BVB hält sich wacker, dabei bekam Treß durchaus große Augen, als er vom Börsengang des Bundesligisten erfuhr. „Meine erste Reaktion damals war, das sage ich offen und ehrlich: Was soll der Blödsinn?“ Heute sieht Treß den Sachverhalt zweigeteilt.

„Auf der einen Seite ist es schwierig, einen Fußballklub an der Börse abzubilden, weil das Geschäftsmodell nicht mittel- und schon gar nicht langfristig verlässlich planbar ist. Der Kapitalmarkt verlangt jedoch nach Stetigkeit in den Erlösen und Erträgen“, erklärt der 54-Jährige. Auf der anderen Seite gelte jedoch: „Wer verstanden hat, dass hier nachhaltige Werte geschaffen werden können, kann als Investor durchaus eine attraktive Rendite erzielen.“

Borussia Dortmund muss Fans und Aktionären gerecht werden

Dass die Borussia als börsennotierter Klub zugleich den sportlichen Ansprüchen, den eigenen Fans und den Aktionären gerecht werden muss, wertet Treß derweil als machbaren Spagat. „Die Interessenslagen laufen nicht im immer synchron, aber lassen sich dennoch in Einklang bringen“, sagt er im Mitgliedermagazin der Borussia. „Die emotionale und ökonomische Basis eines Fußballklubs sind die Fans. Deshalb ist es extrem wichtig, diese Beziehung zu stärken“, meint Treß.

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„Wir beziehen die Fans mit ein, wir passen die Eintrittspreise nicht über die Inflationshöhe hinaus an, wir haben so viele Stehplätze wie kein anderer. Wir pressen die Zitrone nicht bis zum letzten Tropfen aus wie es in anderen Ländern, insbesondere Großbritannien, geschieht“, sagt der Finanzgeschäftsführer. Das stärke die Verbundenheit zu den Anhängern, sorge für die einzigartige Atmosphäre im Stadion – „und stärkt die Bekanntheit und die Sympathie von Borussia Dortmund“.

Borussia Dortmund: sportlicher Erfolg ist auch wirtschaftlicher Erfolg

Dies wiederum komme auch beim Kapitalmarkt gut an. Der wolle ja schließlich sehen, „dass man Gewinne erzielt, dass man in sportlicher wie wirtschaftlicher Hinsicht wächst“. Denn so lange der Wert des Unternehmens steige, klettere auch der Kurs und damit das Vermögen des Aktionärs. Der Fan erfreue sich wiederum am sportlichen Erfolg.

Das klingt nach einer simplen Rechnung, doch ist in Wahrheit hochkomplex — und beileibe nicht einfach planbar. Hoch und nieder, immer wieder — damit lässt sich der Aktienwert des BVB recht gut beschreiben. Treß hat das in den vergangenen Jahren aus nächster Nähe erlebt: Nicht jeder Handelstag endet zufriedenstellend. Es gibt schlechte und gute, Fluch und Segen.

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