Watzke: "Wir sind wieder auf Kurs"

Im Interview

Die ersten Saisonmonate haben Hans-Joachim Watzke (52) offenbar nachhaltig geprägt. Im Interview spricht Borussia Dortmunds KGaA-Boss über den Konkurrenzkampf mit Branchenprimus FC Bayern, Jürgen Klopps Zukunft beim BVB und das riesige Medieninteresse an Mario Götze. In einem Teilbereich seines Jobs, kündigt Watzke an, will er ab sofort "gnadenlos" sein.

DORTMUND

von Von Sascha Fligge

, 19.10.2011, 08:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Borussia Dortmund hat nach mäßigem Saisonstart in der Tabelle die Champions-League-Ränge erreicht. Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sieht im BVB den einzigen gefährlichen Konkurrenten. Herr Watzke, ist Dortmund die zweite Kraft im deutschen Fußball? Hans-Joachim Watzke: Nein. Und wir haben auch nie gesagt, dass es unser Anspruch ist, die Nummer zwei in Deutschland zu sein. Unser Ziel ist die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb. Punkt! Das müssten wir schaffen, die Mannschaft ist schließlich wieder auf Kurs. Dass beim BVB trotz Misserfolgen wie in Hannover oder Marseille alle Entscheidungsträger immer ruhig geblieben sind, hat sicher dazu beigetragen.Sie wollen uns weismachen, dass Sie in Hannover die Ruhe selbst waren?Watzke: In der Analyse schon. Natürlich war das eine Zäsur. Vielleicht brauchte der eine oder andere Spieler genau so eine Partie, um wachgerüttelt zu werden.Wer oder was hatte diese Spieler denn zuvor eingeschläfert?Watzke: Wir waren in Hannover 75 Minuten überlegen - manch einer hat sich dadurch ablenken lassen und geglaubt, dass man ein Bundesligaspiel auch mit 95 Prozent Konzentration über die Bühne bringen kann. Dass das ein Irrglaube ist, haben nun alle begriffen. Diese Erkenntnis ist Teil eines natürlichen Entwicklungsprozesses. Niemand bei uns hat sich der Illusion hingegeben, dass dieses junge Team nach einer außergewöhnlichen, einer überragenden Saison einfach weiter durchmarschieren würde. Das wollte nur kaum jemand hören ...Bayern München hat angekündigt, die nationale Konkurrenz schärfer als zuletzt attackieren zu wollen. Zittern Sie schon?Watzke:  Nein! Als die Bayern im Februar ankündigten, uns in der Allianz Arena wegzufeuern, haben wir die Antwort auf dem Platz gegeben (und 3:1 gewonnen, d. Red.). Wir haben zu viel Respekt vor dem Rekordmeister, um uns über die Medien einen verbalen Schlagabtausch mit ihm liefern zu wollen.Haben Sie auch Respekt vor dem Sommer 2014, weil dann eine ganze Reihe von Leistungsträger-Verträgen genauso auslaufen wird wie der Kontrakt von Trainer Jürgen Klopp?Watzke: Nein. Wir haben erkannt, dass sich auslaufende Verträge im Jahr 2014 ballen. Wir werden diese Situation in den kommenden Jahren entzerren beziehungsweise auflösen und Verträge so verlängern, dass wir künftig Wert auf unterschiedliche Laufzeiten legen.Keine Angst davor, dass Klopp 2014 wechseln und seine Top-Leute mitnehmen könnte?Watzke: Nein. Ich glaube und hoffe, dass Jürgen Klopp das Ende seiner Zeit in Dortmund 2014 noch längst nicht gekommen sieht. Ich richte mich nicht auf einen personellen Schnitt ein.Wie viele Journalisten wollten Sie in der vergangenen Woche - nach Bekanntwerden des angeblichen 50-Millionen-Angebots von Real Madrid - zu Mittelfeldjuwel Mario Götze befragen?Watzke: Die Zahl der Anfragen und Spekulationen war exorbitant hoch! Für fast jede Gazette ist Mario offenbar ein Thema. Ich habe für mich die Konsequenzen gezogen.Welche?Watzke: Ab sofort werde ich zu keiner Transferfrage mehr Stellung nehmen. Und das ziehe ich gnadenlos durch!Verhandeln Sie mit Götze gerade über eine Vertragsverlängerung?Watzke: Wir äußern uns nicht über interne Gespräche. Ich darf Ihnen aber versichern, dass Mario Götze durch Volker Struth exzellent beraten wird. Wäre das anders, hätte Mario nicht dieses komplett homogene Familienumfeld und wäre er nicht so intelligent und gelassen, hätte er durch den Medienhype schweren Schaden genommen. Mit diesem Thema muss jetzt Schluss sein! Wir sollten ihn in Frieden lassen!

In Real Madrids Nuri Sahin und Götze hat der BVB-Nachwuchs zwei Hoffnungsträger des europäischen Fußballs entwickelt. Was fordern Sie von Ihrem Ausbildungsbetrieb für die Zukunft? Watzke: Wir müssen aus unserer Jugend alle zwei Jahre einen überdurchschnittlichen Bundesligaspieler herausbringen - damit meine ich aber keinen Mario Götze! Gelingt uns das, leisten wir herausragende Nachwuchsarbeit. Die strukturellen Voraussetzungen sind geschaffen.Inwiefern?Watzke:  Der BVB hat ein Trainingszentrum, um das uns viele Klubs beneiden, wir nehmen im Herbst den so genannten Futbonauten in Betrieb (eine Halle, in der Spieler computergesteuert präzise angespielt werden und die Bälle dann nach bestimmten Aufgabenstellungen rasant verarbeiten müssen, d. Red.). Nicht zuletzt wird der Rasen in unserem Stadion von einer UV-Licht-Anlage in Schuss gehalten. Wir spielen inzwischen so guten Fußball, dass die Qualität des Untergrunds von großer Bedeutung ist.Der Leistungssprung der Talente erfreut offenbar nicht jeden im Kader. Jakub Blaszczykowski kommt an Götze nicht vorbei und hat über die Medien mehrfach mit einem Wechsel kokettiert. Gab es dafür einen Rüffel?Watzke: Seine Meinung hat er ja nicht exklusiv gegenüber Journalisten kundgetan. Auch intern war sie schon ein Thema. Wenn der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft vor der EM im eigenen Land damit zufrieden wäre, dass er im Verein nicht mehr absoluter Stammspieler ist, würde mich das schon überraschen.Das ist Understatement...Watzke: ... nein. Entscheidend ist für mich immer die Wortwahl. Kuba hat niemanden diskreditiert, insofern habe ich nicht das Gefühl, ihn bestrafen zu müssen. Es hätte mir allerdings gereicht, wenn er seine Meinung ausschließlich intern vorgebracht hätte. Einen solchen Stil sollten wir pflegen. Im Übrigen rate ich jedem Spieler sich zu hinterfragen: Habe ich meine Chance in der Vergangenheit bekommen? Und habe ich sie auch genutzt? Profis sollten eine kritische Würdigung ihres Tuns in die Gesamtbetrachtung einfließen lassen.Sie spielen heute in der Champions League bei Olympiakos Piräus. Was kann Griechenland von Borussia Dortmund lernen?Watzke: Bei uns gibt es die Headline: Wir geben nur das aus, was wir zuvor auch eingenommen haben. Dieses Credo hätte die Politik - und das nicht nur in Griechenland - schon vor zehn, 15 Jahren beherzigen müssen. Was stattdessen passiert ist, kann ich gar nicht fassen. Permanent wurde über die eigenen Verhältnisse gelebt. Der britische Ökonom John M. Keynes hat zwar den Ausspruch geprägt, in schlechten Zeiten dürfe man Schulden machen. Aber sein zweiter Satz wird offenbar immer vergessen: In guten Zeiten muss man sparen und Schulden zurückzahlen.In Griechenland ist für heute ein Generalstreik angekündigt, der weite Teile des Landes lahmlegen soll. Stellen Sie sich auf einen unfreiwilligen Langzeit-Aufenthalt am Mittelmeer ein?Watzke: Wir stehen in permanentem Kontakt zur Deutschen Botschaft in Athen und wissen, dass wir womöglich Geduld benötigen werden. Wir müssen auch damit rechnen, dass es zu Unmutsbekundungen gegenüber uns Deutschen kommt - nachvollziehen könnte ich diese allerdings nicht. Meine eigene Firma (ein Unternehmen aus der Schutzbekleidungsbranche, d. Red.) hat eine Näherei in Griechenland. Und ich persönlich habe mit der griechischen Gastfreundschaft immer gute Erfahrungen gemacht. Rechtzeitig vor dem Bundesliga-Spiel gegen Köln werden wir sicher wieder da rauskommen...Der BVB weist eine nahezu ausgeglichene Transferbilanz auf und hat von den jüngsten Mehrerlösen, die 20 Millionen Euro betragen haben sollen, lediglich sechs in den Kader investiert. Rückblickend betrachtet ein zu defensiver Ansatz, um die Königsklassen-Vorrunde überstehen zu können?Watzke:  Nein. Wir werden auch in Zukunft so verfahren, weil wir dauerhaft eine gute Rolle spielen und kein One-Year-Wonder sein wollen. Borussia Dortmund muss Speck ansetzen und für eine Finanzbasis sorgen, die nicht nur von Montag bis Mittwoch reicht, sondern es uns ermöglicht, auch und gerade in Zeiten, in denen es sportlich nicht läuft, zu reagieren. Wir haben nicht diesen fast schon pawlowschen Reflex, dass wir die Wurst unbedingt direkt fressen müssen, wenn wir sie sehen. Ein Stück müssen wir uns auch in den Kühlschrank legen.

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