Der Underdog will auch in Dortmund überraschen

mlzBVB-Gegner Atalanta Bergamo im Porträt

Erste Erfahrungen mit Atalanta Bergamo hat der BVB bereits im Sommertrainingslager in Marbella gesammelt. Im Testspiel unterlagen die Borussen damals mit 0:1. Am Donnerstag kommt es im Sechzehntelfinale der Europa League zum nächsten Aufeinandertreffen mit einem Gegner, der die Serie A aufwirbelt. Dortmunds Gegner Atalanta Bergamo im Porträt.

TURIN

, 14.02.2018, 05:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schüler eines Gymnasiums fanden die Geschichte der griechischen Heldin Atalanta dermaßen bezaubernd, dass sie 1907 den Sportverein in Bergamo ins Leben riefen. Atalanta war in der Mythologie zwar keine Göttin, doch Italien sieht das recht gelassen. Der Klub aus Bergamo wird trotzdem „la Dea“ gerufen. Rund 50 Kilometer nordöstlich der Mailänder Kolosse Inter und AC hält sich der der Verein seither tatsächlich heroisch: Bergamo stellt mit seinen 118.000 Einwohnern die kleinste Stadt Italiens, die die meisten Teilnahmen an der seit 1929 eingleisigen Serie A notiert – 57.

Im nördlichen Konglomerat der Calcio-Despoten Juventus Turin und Mailand etablierte Atalanta einen rebellierenden Familienbetrieb, denn in der Nachkriegszeit stammte jeder Präsident aus der Umgebung. Aktuell heißt der Chef Antonio Percassi, der selbst in der Jugend und später sieben Jahre als beinharter Verteidiger bei den Profis kickte.

Trikots für alle Neugeborenen vom Präsidenten

In der Folge wob der findige Unternehmer vorteilhafte Bekanntschaften und dirigiert in Italien mittlerweile das Schicksal von Weltmarken wie Nike, Starbucks, Victoria’s Secret, Lego oder Gucci. Seine Leidenschaft bleibt jedoch der Fußball. Jedem Neugeborenen in Bergamo legt der 64-Jährige ein Atalanta-Trikot in die Wiege, damit niemand auf ketzerische Gedanken kommt. „In Bergamo kann man nur Atalanta lieben“, sagt Percassi.

Keine Titel und Trophäen, aber immerhin Charme. Nun gut, den nationalen Pokal gewannen die Schwarzblauen 1963. Angelo Domenghini traf im Finale dreifach und wechselte daraufhin zu Inter. Symbolisch für die Traumschmiede Atalanta, die bereits seit den 1950ern hauptsächlich auf Ausbildung oder kostengünstige Einkäufe von Youngstern setzt.

Inzaghi und Vieri kamen in Bergamo groß heraus

Weltmeister Gaetano Scirea oder Champions-League-Sieger Roberto Donadoni lernten in der Atalanta-Schule Zingonia, Filippo Inzaghi und Christian Vieri kamen vor ihren Wechseln zu Juventus in Bergamo groß heraus. Ausbilden, Plattform bieten, gewinnträchtig verkaufen, so lautet das Erfolgsmodell. Im letzten Jahr brachten Transfers knapp 100 Millionen Euro. Davon erstand Percassi jetzt auch das Stadion, das demnächst europatauglich gemacht wird. Vorerst muss Atalanta noch ins 200 Kilometer entfernte Reggio Emilia ausweichen.

Eine gehörige Summe der Erlöse injiziert der Präsident zudem regelmäßig in die Jugendarbeit, die kürzlich zur besten Akademie Italiens erkoren wurde. „Wir kooperieren mit 40 Scouts und Mitarbeitern in Europa, Südamerika und Afrika“, sagt der Verantwortliche Maurizio Costanzi. Zuletzt fokussierte man sich in Europa auf Skandinavien, Belgien und die Niederlande und stellte eine der jüngsten Ligatruppen zusammen.

"Sieg um jeden Preis schadet unserem Sport enorm“

Da gilt der stürmische Capitano Alejandro "Papu" Gomez mit seinen fast 30 schon als Opa. Doch auch er fand in Bergamo sein Glück und 2017 erstmals die Nominierung für die argentinische Nationalelf. Dazu bedurfte es auch eines couragierten Trainers, den Atalanta in Gian Piero Gasperini fand. „Freilich ist ein glücklicher Sieg in letzter Sekunde befreiend. Doch keine Befriedigung ist immenser als anerkennender Applaus von den Rängen selbst bei einer Niederlage. Sieg um jeden Preis schadet unserem Sport enorm“, so der 60-Jährige.

Beifall erhielt Atalanta allerdings genug, in der vergangenen Saison feierte man in Rang vier die beste Platzierung der Vereinsgeschichte und bestätigte das Hoch in Meisterschaft, dem Pokalhalbfinale und der Europa League, wo man als Gruppenerster ungeschlagen weiterkam. „Solch eine Partie in dem fantastischen Dortmunder Stadion haben wir uns verdient“, sagt Gasperini. „Wir sind der Underdog, aber das sind wir schließlich fast immer und wissen ab und an zu überraschen. Vielleicht auch beim BVB.“

Gut möglich, denn an Bergamo litten in der laufenden Saison bereits Neapel und Juventus. 27 Jahre nach den letzten Europapokalnächten beschwert sich in Bergamo niemand über eine dreifache Belastung. Ganz im Gegenteil.

Von Oliver Birkner

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