„Der Dortmund Jung“ hört auf: BVB-Legende Kevin Großkreutz beendet seine Karriere. © picture alliance / dpa
Borussia Dortmund

Zum Karriereende von BVB-Legende Kevin Großkreutz: Nicht alles war gut

BVB-Legende Kevin Großkreutz zieht sich aus dem Profi-Geschäft zurück. Er gesteht: „Vielleicht war es keine Bilderbuch-Karriere“. Nach dem schwarzgelben Traumstart lief nicht alles glatt.

Als es so weit war, hat Kevin Großkreutz mal in einem Gastbeitrag für „schwatzgelb.de“ geschrieben, da habe er sich mehrfach versichern müssen, ob er auch wirklich gemeint war. „Ich? Wirklich ich?“, habe er gefragt, als er beim Aufwärmen vor der Süd zur Seitenlinie gerufen wurde. Der 8. August 2009 ist der Tag, an dem sich für Großkreutz ein Kindheitstraum erfüllt. Er spielt zum ersten Mal in der Bundesliga. Für den Verein, für den er seit frühester Kindheit als glühender Fan geschwärmt hatte.

Das BVB-Debüt von Kevin Großkreutz gleicht einer Acherbahnfahrt

Großkreutz erste 20 Minuten im Dortmunder Trikot sind eine gefühlsmäßige Achterbahnfahrt. Das Adrenalin sorgt für eine große Anspannung, als er für Jakub „Kuba“ Blaszczykowski eingewechselt wird. Glücksgefühle stellen sich erst nach dem Abpfiff der Partie gegen den 1. FC Köln ein. Dortmund gewinnt dieses Spiel mit 1:0, er glaube, „nicht viel falsch gemacht“ zu haben, schreibt er später. Die Südtribüne feiert ihn. Schon direkt nach seiner Einwechslung haben sie „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ gesungen, denn wann passiert das schon mal, dass ein gebürtiger Dortmunder es in den Profikader des BVB schafft. Der Support trägt Kevin Großkreutz durch diese ersten Minuten, denen viele weitere folgen. Er ist in diesem Moment am Ziel seiner Träume angekommen.

Großkreutz‘ Verpflichtung wird wenige Wochen vorher noch mit einer gewissen Skepsis begleitet. Er kommt vom Zweitligisten RW Ahlen, natürlich hat Borussia Dortmund in dieser Phase vier Jahre nach der Beinahe-Pleite noch nicht wieder das Budget, um sich teure Verpflichtungen leisten zu können. Doch reicht sein Niveau, um dieser Mannschaft weiterzuhelfen? Oder ist es mehr eine Verpflichtung, die die durch den finanziellen und sportlichen Totalabsturz gestörte Verbindung zu den Fans kitten soll?

Kevin Großkreutz: BVB-Fan auf der Südtribüne, BVB-Spieler auf dem Platz

Dass Großkreutz ein Spieler ist, mit dem sich die Anhängerschaft sofort voll identifizieren kann, konnte man erwarten. Man kennt ihn auf der Süd, wo er selbst als Zweitliga-Profi noch gestanden und seinen BVB angefeuert hat, wann immer es die Zeit erlaubte. Es stellt sich aber schnell heraus, dass er auch perfekt zu Jürgen Klopps laufintensivem Powerfußball passen sollte. „Kevin Großkreutz war als junger Spieler ein wichtiger Bestandteil unserer Meistermannschaften. Natürlich hat er in seiner Karriere auch Fehler gemacht“, sagt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke. „Letztlich hat er sportlich aber Großartiges erreicht.“

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Abschied einer BVB-Legende: Die Karriere von Kevin Großkreutz in Bildern

Es ist ein märchenhafter Aufstieg. 32 Einsätze in seinem ersten Jahr, Stammspieler ist er auch in den Folgejahren, in denen die Achse Großkreutz / Marcel Schmelzer auf der linken Seite die Außenbahn brennen lässt. Immer Vollgas, immer bis zum letzten Tropfen im Tank, Hingabe pur im schwarzgelben Trikot. „Kevin Großkreutz war als junger Spieler ein wichtiger Bestandteil unserer Meistermannschaften. Natürlich hat er in seiner Karriere auch Fehler gemacht“, sagt Hans-Joachim Watzke. „Letztlich hat er sportlich aber Großartiges erreicht.“

Er erreicht mit der Borussia die Champions League, gewinnt zwei Deutsche Meisterschaften und den Pokal. 2014 fährt er überraschend mit zur WM nach Brasilien und wird in Rio Weltmeister, auch wenn er bei diesem Turnier keine Minute spielte. Was Kevin Großkreutz in diesen Wochen wohl nicht ahnt: Er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Von da an ging es bergab.

BVB-Legende Kevin Großkreutz hasst den S04

Großkreutz ist Profi und Fan zugleich. Er will und kann sich da nicht verstellen. Und es ist ihm egal, wenn er auch mal aneckt. Nach seinem ersten Derby als Spieler des BVB beschuldigt er Schalkes damaligen Keeper Manuel Neuer, ihn im Kabinengang bei einer Rangelei mit dem Ellenbogen getroffen zu haben. Der Vorfall lässt sich nicht aufklären. Im Rückspiel muss er in der Arena auf Schalke ein gellendes Pfeifkonzert ertragen. Das wiederum beflügelt ihn eher, als dass es gestört hätte. Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch „Wenn mein Kind Schalke-Fan werden sollte, kommt es ins Heim.“ Dafür feiern ihn viele, einige schütteln den Kopf. Großkreutz spaltet die Massen, das bleibt bis zum Ende seiner Karriere so. So wie die innige „Feindschaft“ zu den Königsblauen. Er, hat Kevin Großkreutz erst kürzlich erklärt, würde sich diebisch über einen Abstieg des FC Schalke freuen.

Trotz der Erfolge: Die Karriere des Kevin Großkreutz verläuft schon im BVB-Trikot nicht immer gradlinig. Einige Eskapaden kann sein Klub nur mit Mühe intern halten, sie häufen sich zu einer bald nicht mehr hinnehmbaren Menge und Größe. Nicht zuletzt die „Pinkel-Affäre“ nach dem 2014 verlorenen Pokalfinale in Berlin und die „Dönerwurf-Affäre“ in Köln beschädigen sein Image nachhaltig.

Nach der WM 2014 geht für Großkreutz beim BVB bergab

Und auch sportlich wird es schwieriger für den im Stadtteil Eving aufgewachsenen Dortmunder. In der dem WM-Titel folgenden Saison sieht ihn Klopp mehr als Rollenspieler denn als unumstrittene Stammkraft. Auch der Trainerwechsel zu Thomas Tuchel bringt keine Wende. Im Sommer 2015 gibt er ihm das Signal, nicht mehr mit ihm zu planen.

Ab hier häufen sich Missverständnisse und Fehleinschätzungen. Am letzten Tag der Sommer-Transferperiode wechselt Kevin Großkreutz zu Galatasaray Istanbul, doch der Klub mit den heißblütigen Fans schickt die Transferdokumente zu spät und ohne gültige Unterschrift an den Verband. Großkreutz erhält keine Spielberechtigung, er sitzt vier Monate einsam im Hotelzimmer. Heimweh und Frust nehmen mit jedem Tag zu.

BVB-Legende Großkreutz: Schlägerei in Stuttgart sorgt für Ärger

Im Januar 2016 folgt die Rückkehr nach Deutschland. Großkreutz steigt mit dem VfB Stuttgart in die 2. Liga ab, kaum ein Jahr nach seiner Verpflichtung ist auch dort Schluss, nachdem er mit Nachwuchsspielern des Klubs in einem zwielichtigen Etablissement in eine böse Schlägerei gerät. Danach Darmstadt, ein Freundschaftsdienst für Torsten Frings, auch da ist nach einem Jahr Schluss.

Die letzte Station der langen Reise folgt 2018. KFC Uerdingen, Kevin Großkreutz ist in der 3. Liga angekommen, dort ist er immerhin ein Jahr lang Stammspieler und trifft im DFB-Pokal auf seinen Herzensklub. Es ist noch einmal ein besonderer, ein emotionaler Moment.

Kevin Großkreutz verabschiedet sich aus dem Profi-Geschäft

Das Ende in Uerdingen jedoch ist wieder unschön. Sportlich spielt er ab der zweiten Saison keine große Rolle mehr und wird aussortiert. Als er sich einem 30-prozentigen Gehaltsverzicht wegen der Coronakrise nicht anschließen will, kommt es zum Rechtsstreit. Im Oktober 2020 endet das Kapitel – für Großkreutz immerhin mit einer saftigen Vergleichszahlung.

In einem Video bei Instagram hat Kevin Großkreutz nun offiziell Abschied genommen von der großen Bühne. Der BVB hat ihn dabei unterstützt, ein Teil der emotionalen Bilder sind im Stadion entstanden. Viele Highlights habe er erlebt, natürlich die Meisterschaften, das Endspiel in der Champions League 2013, persönlich aber sticht auch das Spiel in Marseille heraus, als sein Tor in der 88. Minute der Borussia den 2:1-Sieg bescherte und die Qualifikation für die K.o.-Runde rettete. Es sei „vielleicht keine Bilderbuch-Karriere gewesen“, sagt Großkreutz, er habe Fehler gemacht, „wie der Dönerwurf oder mein Abgang in Stuttgart“. Wichtig aber sei, zu diesen Fehlern zu stehen.

Kevin Großkreutz bald wieder in Dortmund aktiv?

Kevin Großkreutz‘ Karriere begann auf Asche in Dortmund-Eving, es ist an der Zeit zurückzukehren. Zu den Wurzeln. Zum Amateurfußball. Kevin Großkreutz will noch ein bisschen „mit Freunden kicken“, und vielleicht wird er, wenn das wieder erlaubt ist, ja dann auch wieder auf der Südtribüne stehen. Als Fan des BVB, der er immer geblieben ist. Auch Watzke würde das nicht wundern: „Wenn Kevin sagt, dass er ein echter Borusse ist, dann ist das nicht bloß ein Lippenbekenntnis. Dann ist das einfach die Wahrheit! Borussia Dortmund sagt einem verdienten Spieler von Herzen Dankeschön für all das, was er unserem Klub gegeben hat.“

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe

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