60-Jährige hat Corona-Symptome und ein Problem: Wer testet sie nun?

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Als Annelie K. leichtes Fieber und Husten bekommt, konsultiert sie ihren Hausarzt. Der schickt sie zum Corona-Test. Doch wer nimmt den Abstrich? In ihrem Verdachtsfall verstreicht wertvolle Zeit.

Castrop-Rauxel, Bövinghausen

, 28.05.2020, 17:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Annelie K. ist 60 Jahre alt und arbeitet in einer stationären Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Kurzarbeit oder Arbeit aus dem Homeoffice hatte die Erzieherin nicht. Die Einrichtung, in der rund 100 Kinder und Jugendliche leben, war in den Wochen der Corona-Krise geöffnet.

Am Montag (25. Mai) verspürt die Castrop-Rauxelerin leichtes Fieber und hat Husten. Sie konsultiert ihren Hausarzt in Dortmund-Bövinghausen. „Verdacht auf Corona“, diagnostiziert der Mediziner. Sie soll sich testen lassen und in Quarantäne, bis das Ergebnis vorliegt.

Obwohl noch nichts klar ist, informiert Annelie K. ihren Arbeitgeber über den Grund für ihre Krankschreibung. Vor dem Ergebnis kommt aber der Test. Und dieser Abstrich wird in den kommenden 20 Stunden zur Herausforderung.

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Da der Hausarzt seine Praxis in Dortmund hat, empfiehlt er Annelie K., sich im Corona-Behandlungszentrum des Klinikums Nord in Dortmund testen zu lassen. Die Patientin ruft sicherheitshalber vorher dort an - und erhält eine Abfuhr. Es sei für die Castrop-Rauxelerin nicht zuständig. Annelie K. solle sich an das Gesundheitsamt in Castrop-Rauxel wenden.

Keine Testmöglichkeiten mehr in Castrop-Rauxel

Doch: „Die wussten überhaupt nicht, was sie mit mir machen sollen“, berichtet Annelie K. Ziemlich unfreundlich sei ihr mitgeteilt worden, es gebe keine Tests mehr in Castrop-Rauxel.

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Annelie K. sucht weiter: Sie googelt nach Corona und Recklinghausen und ruft schließlich das Gesundheitsamt in Recklinghausen an.

„Wir haben nichts mehr“, habe sie dort erfahren. Sie solle sich an die Kassenärztliche Vereinigung wenden. Es scheint, als würden ihre Symptome zum exemplarischen Spielball eines gesundheitspolitischen Wirrwarrs. Annelie K. ruft in ihrer Ratlosigkeit erneut ihren Hausarzt an.

Arzthelferin nimmt Abstrich vor

„Die Mitarbeiterin meines Arztes schien überfordert“, erzählt sie. Das erscheint nachvollziehbar, denn eine Dortmunder Arztpraxis kann ja auf das Behandlungszentrum am Klinikum Nord verweisen. Ein Wissen um Strukturen und Zuständigkeiten in der Nachbarstadt im Kreis Recklinghausen ist nicht zu erwarten.

Mittags dann habe die Arzthelferin angerufen. Annelie K.s Hausarzt habe Rücksprache mit der Kassenärztlichen Vereinigung gehalten. Die Patientin solle um 14 Uhr zum Hintereingang der Praxis kommen. In einem Einmal-Kittel, mit Handschuhen und Schutzmaske habe die medizinische Fachangestellte den Abstrich genommen. Etwas dubios, aber: „Ich war froh, dass ich meinen Test abgegeben habe“, sagt Annelie K.

In Quarantäne wartet Annelie K. aufs Testergebnis

Der Vorgang stimmt sie nachdenklich. „Wenn nicht mehr getestet wird, gibt es auch keine positiven Befunde“, sagt Annelie K. Sie wartet nun in Quarantäne auf das Ergebnis. Der Sohn stellt ihr und ihrem 70-jährigen Ehemann die Lebensmittel nach dem Einkauf in den Hausflur. „Das war schon heftig“, blickt sie auf die 20 Stunden ihrer Suche zurück.

Derweil denke sie an die Kinder und Jugendlichen an ihrem Arbeitsplatz. „Ich hoffe nicht, dass die Einrichtung unter Quarantäne gestellt werden muss“, sagt sie.

Kinder ebenfalls in Quarantäne

Das tat die stationäre Einrichtung zur Sicherheit von sich aus. Bis zum Vorliegen des Testergebnisses, mussten alle Kinder und Jugendliche in dem Haus bleiben und durften nicht zur Schule. „Der Jahrespraktikant konnte nicht an seiner Abschlussprüfung teilnehmen“, berichtet K. am Freitagmorgen (29.5.). „Das war ein ziemlicher Wirbel.“

Annelie K. kann derweil aufatmen. Am Donnerstag lag das Testergebnis vor. „Nach langen drei Tagen“, sagt sie. „Es ist negativ.“ K. klingt froh. Nächste Woche geht sie wieder zur Arbeit. Und die von ihr betreuten Bewohner dürfen wieder in die Schule.

Hinweis: Der Bericht wurde am 29. Mai 2020, um 13 Uhr aktualisiert und um die letzten beiden Absätze ergänzt.

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