Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Das achtteilige Interview ist Grimme-Preisträger. Doch was macht die Lebensgeschichte von Alphons Stiller so besonders? Und was erzählt er im Film über den Bergbau in Castrop-Rauxel?

Castrop-Rauxel

, 19.09.2018 / Lesedauer: 4 min

Mit dick umrandeter Brille und Wollpullover sitzt der Bergarbeiter Alphons Stiller in seiner Castrop-Rauxeler Wohnung und erzählt von seinem bewegten Leben – nahezu chronologisch in einer achteiligen Filmreihe von über vier Stunden Länge. Viel mehr bekommt der Zuschauer nicht zu sehen. Doch die Art, mit der sich die Filmemacher Christoph Hübner und Gabriele Voss 1978 mit der Lebensgeschichte beschäftigten, sie weitgehend unkommentiert lassen und ernst nehmen, ist viel bedeutender. Dafür wurden sie 1980 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

Junge Jahre des Bergmanns

Die Szenen, in denen es um den Bergbau in Castrop-Rauxel geht, beschränken sich im Film auf die jungen Jahre des Bergmanns. Alphons Stiller arbeitete ab 1947 zwar noch mal viele Jahre auf Zeche Victor III/IV in Ickern und war ab 1961 bis zu seiner Pensionierung sogar Betriebsrat. Doch diesen Teil seines Lebens deckt die filmische Lebensgeschichte nicht ab. Der achte Teil des Films endet 1939.

In den letzten drei Abschnitten der Reihe geht es vielmehr um seine Erklärungsversuche für den Aufstieg des Faschismus‘. Denn der Bergmann hatte eine klare politische Einstellung – und die war streng links.

So bleiben die Erzählungen aus seiner Jugend: 1920 kam er im Übertage-Betrieb der Zeche Graf Schwerin erstmals selbst mit dem Bergbau in Kontakt. Auch sein Vater arbeitete auf einer Zeche. Obwohl Alphons Stiller zu der Zeit 14 Jahre alt war und gerade aus der Schule kam, berichtet er im Film von schwerer körperlicher Arbeit: Er habe tonnenschwere Bergewagen mit Stein zur Versiegelung transportiert. Später hütete er die Schafe eines Fahrsteigers während dessen Schicht.


Mit 16 bediente er Fördermaschinen in Blindschächten

Mit 16 Jahren durfte Alphons Stiller auf der Zeche in Ickern unter Tage arbeiten – und zwar prompt in Nachtschicht. „Das war wohl das Übliche, dass 16-Jährige mit gewissen Spezialaufgaben betraut wurden“, erzählt er. Als „Pferdejungs“ für die Grubenpferde etwa hätten sie gearbeitet, oder wie er als Bremser an den Fördermaschinen in Blindschächten. Viel Verantwortung für einen 16-Jährigen, urteilt er im Film: Völlig überfordert sei er damit gewesen, in der Dunkelheit die Signale zu deuten und die Maschine zu bedienen.

„Auch wenn ich den ganzen Tag nicht schlafen konnte, sobald ich in die Grube kam, fielen mir die Augen zu“, sagt er. Eine große Gefahr – nicht nur für ihn selbst. Doch Gesetze zum Jugendschutz habe es noch nicht gegeben, erklärt er, und verweist ironisch auf die „glorreiche Weimarer Zeit“. Ein kleinerer Unfall sei während einer Schicht passiert. Später wurde er abgelöst und half einem Reparaturarbeiter. Doch auch bei dem habe er die meiste Zeit seiner Arbeit geschlafen.


Rückkehr nach der „Tippelei“

Kein Wunder: Seinen Lohn als junger Hilfsarbeiter von 16,40 Mark pro Tag durfte er wohl nicht behalten, sondern hätte das Geld an seine Eltern weitergeben müssen: „Nicht mal ein Taschengeld habe ich dafür bekommen.“ Nach drei Jahren sei er dann fortgegangen. Auf „Tippelei“, also ohne feste Arbeit auf der Landstraße, über die Pfalz zum Bodensee und ins Allgäu gezogen. Unterwegs habe er Arbeitslose, Adelige, Künstler, Intellektuelle getroffen – das „Strandgut der Gesellschaft“, wie er sagt. Sie alle hätten die gesellschaftlichen Zwänge nicht ertragen können und seien perspektivlos durchs Leben gezogen.

Eigentlich nicht seine Einstellung, wenngleich er sich stets angepasst habe, reflektiert der Bergarbeiter. So kehrte er nach Jahren wieder zurück in den Ruhrbergbau, da er nach den Streiks in England seine Chance auf guten Lohn sah. Den bekam er auch im Gedinge, eine damalige Form der Entlohnung nach Leistung. Doch die Arbeit sei so hart gewesen, dass er sich nach Feierabend erst eine Stunde hinlegen musste, bis er auch nur einen Löffel halten konnte. „Die Arbeit hat einen geschlaucht.“ Nach einem Streit mit dem Steiger, der damit endete, dass Alphons Stiller diesen mit seiner Blechkanne zu Boden schlug, beendete er das Arbeitsverhältnis nach etwa einem Jahr fristlos. Abgesehen von einem recht kurzen Lebensabschnitt im Aachener Kohlerevier geht es im Film danach nicht weiter um den Bergbau.

Fokus auf die Worte von Alphons S.

Der Film ist technisch schlicht gehalten: Abgesehen von einigen Schwarzweiß-Fotografien, die stumm über den Bildschirm ziehen, blickt der Zuschauer ausschließlich auf die einfache Küchentischszene mit Alphons Stiller. Allein er redet, er gibt vor, wie viel der Zuschauer erfährt. Selbst die Titel der einzelnen Abschnitte, die zur Orientierung eingeblendet werden, entsprechen seiner Wortwahl. Mal zeigt der Film sein Gesicht ganz nah. Ein Brillenglas wirkt verschwommen; scheinbar litt der Bergarbeiter schon in der Schulzeit an einer Augenkrankheit.

Dann wird der Bildausschnitt wieder weiter, zeigt, wie Alphons Stiller seine Hände auf den Tisch stützt, mit großen Gesten seine Erzählungen „bebildert“ oder zur Kaffeetasse greift. Die Wechsel der Kameraeinstellung sind langsam. Nicht immer wird das Bild direkt scharf. Manchmal sind unerklärliche Störgeräusche im Hintergrund zu hören. Wohl kaum zu verübeln, bedenkt man, dass das ungeschnittene Interview 22 Stunden dauerte. 2017 ging der Film in die Liste des nationalen deutschen Filmerbes und wurde digitalisiert.

Filmabend der VHS Die Volkshochschule zeigt drei Interviewteile des Films in Kooperation mit dem LWL-Medienzentrum für Westfalen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge am Dienstag, 9. Oktober, um 19 Uhr in der Aula des Adalbert-Stifter-Gymnasiums. Der Filmabend kostet für Interessierte 6 Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich unter (02305) 5484410 oder an vhs@castrop-rauxel.de. Wer kennt Alphons Stiller?
Kennen Sie Verwandte oder Kollegen des Bergarbeiters? Oder haben Sie Alphons Stiller sogar persönlich erlebt? Wir suchen nach Geschichten aus seiner späteren Zeit im Castrop-Rauxeler Bergbau. Schreiben Sie uns – nicht mehr als 1100 Zeichen – mit Anschrift, Unterschrift und Telefonnummer an: Ruhr Nachrichten, Lokalredaktion, Am Markt 8, 44575 Castrop-Rauxel auf Facebook oder per E-Mail: lokalredaktion.castrop-rauxel@mdhl.de
Lesen Sie jetzt

Münsterland Zeitung So war das

Abschied vom Bergbau: Wie in Dortmund 700 Jahre lang Kohle abgebaut wurde

Die Steinkohle-Zeit im Ruhrgebiet geht in diesem Jahr endgültig zu Ende. Unser Geschichtsexperte Oliver Volmerich blickt zurück auf 700 Jahre Dortmunder Bergbau-Geschichte. Von Oliver Volmerich

Lesen Sie jetzt