Thamer Alothman ist aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Seit fünf Jahren lebt er in Castrop-Rauxel. Später konnte der Vater auch seine Familie nachholen. © Lukas Wittland
Flucht nach Deutschland

„Als sie nicht da waren, habe ich viel geweint und beim Wiedersehen auch“

Thamer Alothman ist 2015 als Geflüchteter nach Castrop-Rauxel gekommen. Fünf Jahre später spricht er über Einsamkeit und Vermissen. Dass er nach Deutschland floh, hat auch mit der Bundesliga zu tun.

Freundlich lächelt Thamer Alothman sein Gegenüber an. Während er „Hallo“ sagt, neigt er kurz den Kopf und bedankt sich schon vorab für das Gespräch. Dabei ist es nicht er, der sich bedanken müsste. Ein Journalist möchte gerade etwas von ihm hören, nämlich seine Geschichte. Die Geschichte seines Lebens in Deutschland.

Sie begann vor fünf Jahren. Anfang November 2015 kommt der 47-jährige Syrer mit dem kurzen, dunklen Haar und dem leicht rötlich-grau glänzenden Bart nach Deutschland. Nach einer kurzen Station in Bielefeld geht es weiter in Castrop-Rauxels Stadtteil Deininghausen.

Der Vater bekommt in Syrien Druck von beiden Seiten

Die ersten vier Monate lebt er in einer Turnhalle mit etwa 100 anderen Geflüchteten, schätzt er. Es ist eine harte Zeit. Privatsphäre gibt es so gut wie nicht. Die Unterbringung sei aber gar nicht so das Problem gewesen, sagt der Vater mit rauer Stimme.

Er ist alleine nach Deutschland gekommen und vermisst seine Familie. Der Krieg vertrieb ihn. Vielmehr, dass er sich an ihm beteiligen sollte. Die Regierung will, dass er für sie kämpft, eine Rebellengruppe will ebenfalls, dass er für sie zur Waffe greift. Der Vater will das nicht. Beide Seiten machen Druck. Thamer Alothman flieht.

Eineinhalb Jahre vermisst er seine Familie, bis er sie nachholen kann. „Ich habe viel geweint in der Zeit, in der sie nicht da waren, und ich habe viel geweint, als ich sie wiedergesehen habe“, sagt Thamer Alothman in eher schleppendem Deutsch.

Dass er sich um die Papiere für den Nachzug seiner Familie kümmern musste, half ihm, um sich abzulenken. Auch, dass er eine Wohnung gefunden hat und er zum Deutschkurs gehen konnte. Der Kurs habe ihm Sicherheit gegeben.

„Mein Bruder hat zuerst nicht geredet“

Wohler fühlt er sich aber, wenn er auf Arabisch antworten kann. „Bei vielen Dingen muss ich nachfragen, weil ich sie nicht richtig verstehe“, sagt der 47-Jährige. Beim ersten Gespräch ist ein Dolmetscher dabei. Zum zweiten Gespräch im Stadtgarten in Castrop bringt er seinen achtjährigen Sohn Youssef und seine Tochter Rahaf mit.

Beide stellt er stolz vor. Seine 17-jährige Tochter hilft ihm, wenn er die Antwort nicht auf Deutsch geben kann. Der kleine Youssef spricht nicht viel und bleibt die meiste Zeit nah bei seinem Vater.

Thamer Alothman mit seinem Sohn Youssef und seiner Tochter Rahaf im Stadtgarten in Castrop.
Thamer Alothman mit seinem Sohn Youssef und seiner Tochter Rahaf im Stadtgarten in Castrop. © Lukas Wittland © Lukas Wittland

„Es ist gut, dass wir alle wieder zusammen sind. In Syrien war unser Vater immer bei uns. Es war schlimm, als er gegangen ist. Mein Bruder hat zuerst nicht geredet“, sagt Rahaf über die Zeit, in der sie voneinander getrennt waren. In Castrop-Rauxel ist sie nun in die elfte Klasse gekommen.

Die Schule mache ihr Spaß, sagt sie, das Deutschlernen auch. Daran, wie gut sie spricht, merkt man, dass stimmt, was sie sagt. „Ich vermisse aber den Rest der Familie und die Nachbarn“, sagt Rahaf.

„Zu viel Freizeit ist auch ein Problem“

Abgesehen von der Schule bleibe die Familie in ihrer neuen Heimat eher unter sich. Er habe in Castrop-Rauxel nicht so viel Kontakt zu Deutschen, sagt der Vater. Ihn störe es aber nicht. Er glaubt, dass ein Teil der Deutschen einfach keinen Kontakt wolle, hält Deutsche aber grundsätzlich für offen. „Wirklich beurteilen kann ich das aber nicht“, sagt Thamer Alothman. Seine Kinder würden ab und an mit den Nachbarskindern spielen, ansonsten geht er mit ihnen auf den Spielplatz.

Außerdem habe er in seiner Freizeit einer älteren Frau geholfen. Dinge eingekauft. Mit ihr hält er noch Kontakt. Manchmal ruft sie an, wenn sie Hilfe braucht. Die meiste Zeit verbringt er aber mit seiner Familie, sagt der Vater. Einen Job hat er nicht. Bisher habe er auf einer Baustelle gearbeitet. „In Teilzeit“, sagt er auf Deutsch. Danach „in Vollzeit“ im Logistikzentrum einer großen Supermarkt-Kette.

„Ich habe mich sehr gefreut, dass ich den Job dort bekommen habe“, erzählt Thamer Alothman. Dann kam Corona, und sein Vertrag wurde nicht verlängert. Jetzt ist er wieder auf der Suche. „Zu viel Freizeit ist auch ein Problem“, sagt er. In Syrien war der 47-jährige Elektriker.

Der erste Kontakt mit Deutschland war die Bundesliga

Deutschland kannte er erst nur aus dem Fernseher. Als Kind habe er immer die Bundesliga geschaut. Er ist Fan von Borussia Dortmund. Als er davon erzählt, taut der eher zurückhaltende Mann auf. Er lächelt und sagt, dass er gerne mal ins Stadion gehen würde. Natürlich sei der Fußball aber nicht der einzige Grund gewesen, nach Deutschland zu kommen.

Er habe immer gedacht, „Deutschland ist sehr gut für uns“, sagt er, und meint damit sich und seine Familie. „Es ist weit weg von unserer Heimat. Hier gibt es keinen Krieg. In Deutschland ist Sicherheit.“ Über Deutschland habe er gehört, dass es ein geduldiges Volk habe. Hier werde den Geflüchteten geholfen, sei im Fernsehen gesagt worden.

Den Eindruck teile er, die Menschen, die er kennengelernt habe, seien sehr nett gewesen, sagt der 47-Jährige. Er ergänzt noch zwei andere Beobachtungen: „Alle arbeiten immer“, sagt er, und: „Die Regierung ist, was die Leute wählen. Es ist nicht wie bei uns, dass der Präsident bestimmt und das wird dann gemacht. Es ist das, was die Leute wollen.“

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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