Rochus-Hospital auf der Kippe? Bertelsmann-Studie empfiehlt radikalen Schnitt

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Das Rochus-Hospital ist das kleine der Castrop-Rauxeler Krankenhäuser. Eine Studie empfiehlt nun, die Zahl der Kliniken in Deutschland von 1600 auf 500 zu senken. Was sagt das Rochus dazu?

Castrop-Rauxel

, 21.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Eine bessere Versorgung ist nur mit halb so vielen Kliniken möglich: Das sagt die Bertelsmann-Stiftung, die jetzt eine Studie veröffentlicht hat. Sie empfiehlt darin, die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland drastisch zu senken. 1600 Kliniken gibt es demnach zurzeit, auf eine empfohlene Zielgröße von 500 kommt die Studie.

In Castrop-Rauxel gibt es zwei Kliniken: das Evangelische Krankenhaus und das St.-Rochus-Hospital. Für eine Stadt von der Größe Castrop-Rauxels ist das heute eher ungewöhnlich. Aber sie haben unterschiedliche Betreiber-Gesellschaften und existieren weiter nebeneinander, zum Teil auch in Kooperation und inzwischen mit unterschiedlichen eigenen Schwerpunkten.

Kliniken spezialisieren sich in Nischen hinein

Am EvK gibt es etwa einen Fokus auf Geriatrie und Psychiatrie. Im Rochus gibt es Kreißsäle und eine Neugeborenenstation, es hat sich aber auch spezialisiert auf Viszeral- und Gefäßchirurgie, ein Zentrum für Fuß- und Sprunggelenksoperationen, Hand- und plastische Chirurgie.

Beide Kliniken fahren dieselbe Strategie: Sie halten die Allgemeinversorgung aufrecht, spezialisieren sich aber parallel in gewissen Fachgebieten in die Nischen herein. So sprechen sie in Spezialbereichen mit anerkanntem Spitzen-Personal weit über die Region hinaus Patienten an.

Und dennoch: Mit etwas über 200 Betten wäre, wenn man die Ergebnisse der Studie anschaut und den Standort Castrop-Rauxel von den anderen Kliniken der St.-Lukas-Gesellschaft isoliert betrachtet, das Rochus-Hospital vielleicht ein Streichkandidat.

Argumente für die Senkung der Zahlen:

  • Größere Krankenhäuser sind besser, weil sie im Notfall besser in der Lage sind, genau das richtige zu tun.
  • Technische Ausstattung: Zum Beispiel haben sie eine Stroke-Unit bei Schlaganfällen vor Ort.
  • Fachpersonal: Fachärzte sind bei speziellen Eingriffen durch mehr Erfahrungswerte besser geeignet, erkennen Probleme schneller als Ärzte mit weniger Erfahrung.
  • Große Kliniken können rund um die Uhr mit Fachärzten besetzt sein.
  • Man könnte dem Mangel an Fachärzten und Pflegekräften begegnen, wenn man sie zusammen zieht.

Argumente gegen die Senkung der Zahlen:

  • Die Grundversorgung vor Ort ist möglicherweise nicht mehr gewährleistet.
  • Patienten können kein enges Vertrauensverhältnis zu „ihrem Krankenhaus vor Ort“ mehr aufbauen.
  • Besucher (Familie, Freunde) haben weitere Wege zu ihren Patienten.
  • Notfall-Einlieferungen dauern aufgrund der weiteren Wege möglicherweise länger. Braucht man dann auch mehr Rettungshubschrauber?
  • Krankenhäuser gehören auch zu einem Standortfaktor für die Kommunen: Wo eine gute medizinische Versorgung besteht, da lässt man sich tendenziell eher nieder als da, wo es sie nicht gibt.

Zentrale Kritiken an der Studie:

  • Sie wurde in der Region Köln/Leverkusen erhoben. Das ist ein städtischer Ballungsraum, die Metropolregion Rhein-Ruhr. Das gilt auch fürs Ruhrgebiet, aber sicher nicht für ländliche Regionen. Es gibt zudem viele Uni-Kliniken um die Ecke - allein in Köln zwei. Auch nach Bonn und Düsseldorf, wo weitere Uni-Kliniken sind, ist es hier nicht weit.
  • Das Krankenhausnetz in Deutschland ist historisch gewachsen. Man müsste auf „weißen Flecken“ in der Landkarte womöglich ganz neue Kliniken bauen, während es in Ballungsräumen viel zu viele gibt.
  • Krankenhäuser haben schon reagiert und sich auf gewisse Nischen spezialisiert.
  • Wer soll die Schließung steuern? Mit Krankenhäusern lässt sich Geld verdienen, die Trägergesellschaften wollen ihre Standorte nicht aufgeben.

Was sagt die Rochus-Geschäftsführung?

Rochus-Hospital auf der Kippe? Bertelsmann-Studie empfiehlt radikalen Schnitt

Clemens Galuschka ist Geschäftsführer der Katholischen St. Lukas Gesellschaft, die ihren Sitz im St.-Rochus-Hospital hat - einem ihrer drei Krankenhäuser. © Tobias Weckenbrock


Standortleiter in Castrop-Rauxel ist Oliver Lohr. Geschäftsführer der St.-Lukas-Gesellschaft ist Clemens Galuschka. Mit ihnen sprachen wir vor einiger Zeit über die Entwicklung im Krankenhauswesen. Es basiert auf dem „dualen Finanzierungssystem“: Die Betriebskosten der Kliniken zur Behandlung von Patienten erstatten die Krankenkassen, die Investitionskosten tragen die Bundesländer.

Über allem stehe die Frage: Was ist uns unsere Gesundheit wert? Laut Clemens Galuschka ist neben der Studie auch der politische Plan klar: Die Zahl der Krankenhäuser soll sinken. „Die Politik hat vor Augen, die Zahl der Krankenhäuser in NRW auf 68 zu verjüngen“, so Galuschka im Gespräch mit unserer Redaktion. Zurzeit gibt es über 300 Kliniken.

„Notversorgung in der Fläche halte ich für sehr wichtig“

Galuschka, der vergangenes Jahr auch die Geschäftsführung der Kliniken in Lünen und Werne an der Lippe übernahm, sagt: „Die Notversorgung in der Fläche halte ich für sehr wichtig. Das ist anders als in Skandinavien oder den Niederlanden: Dort gibt es eine sehr geringe Zahl an Häusern und dazu die Tendenz zu kurzen Verweildauern der Patienten mit Nachbehandlung in ambulanter Betreuung.“

Man habe als Patient dort keine Wahlfreiheit, in welche Klinik man kommt. Auf der anderen Seite müsse man zudem mit langen Wartezeiten auf eine OP leben - „zum Teil ein halbes Jahr bei Knie- oder Hüft-OPs“, so Galuschka.

Die Politik nehme sich dennoch das System der Niederlande zurzeit als Vorbild. Darum hat sich die St.-Lukas-Geschäftsführung mehrere Kliniken vor Ort angesehen: In Maastricht waren sie gemeinsam, zuletzt auch im dänischen Aarhus. „Denn die werden uns als Vorbild vorgehalten“, so Galuschka. Dort sei zum Beispiel üblich, dass ein Patient, der in die Notaufnahme kommt, 380 Euro selbst bezahlen muss, sofern er nicht stationär im Krankenhaus verbleibt.

Budget in NRW mit 335 Millionen Euro zu niedrig

In NRW gebe das Land pro Jahr 335 Millionen Euro im Jahr für alle Krankenhäuser zu Sanierungszwecken aus. Das Katharinenhospital in Stuttgart, das gerade gebaut werde, koste aber rund 1 Milliarde Euro. Es soll 1000 Betten haben - zum Vergleich: das Rochus hat 204. „Da müsste man ja ewig auf die geplanten 60 Kliniken in NRW warten“, sagt Galuschka.

Rochus-Hospital auf der Kippe? Bertelsmann-Studie empfiehlt radikalen Schnitt

Die beiden Krankenhäuser Castrop-Rauxels: Links das St.-Rochus-Hospital, rechts das Evangelische Krankenhaus. © Tobias Weckenbrock

Die letzten Krankenhäuser, die in NRW neu gebaut wurden, waren die in Dorsten und Unna. Das war um die Wende herum, ist also schon 30 Jahre her. „Alle Krankenhäuser sind in die Jahre gekommen“, so Galuschka. Wie solle man da eine richtig gute Infrastruktur darstellen? „Da fehlen viele Investitionsmittel, um den Bestand zu ertüchtigen.“ Derzeit saniere man hier nur das, was am dringendsten ist - nach und nach.

„Wir haben eine deutliche Unterfinanzierung“, findet Galuschka, und spricht von einem Gutachten, das ergeben habe: Man bräuchte 1,5 Milliarden Euro im Jahr in NRW, um den Standard durch Sanierung im laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten. „Und da ist die geplante Umstrukturierung auf wenige Kliniken noch nicht einkalkuliert.“

Ohne Servolenkung und Airbag

Es habe sich viel verändert, was die Ansprüche an Ausstattung, Technik, hinter und vor den Kulissen, angeht - da sind sich alle Studien und Experten mit Galuschka einig. Er macht das anhand eines Beispiels deutlich: „Wie beim Auto: Ein altes Auto mag schön sein, aber es hat keine Servolenkung und keinen Airbag, so gut man es auch instand hält.“ Dieses Bild lasse sich auch auf alte Krankenhäuser übertragen. Aufhübschen gehe immer, aber komplett neu ausstatten sei schwierig.

Stattdessen steckten die Kliniken in Deutschland in einem Hamsterrad: Ein Krankenhaus müsse bei unserem aktuellen Finanzierungssystem mehr Leistungen erbringen, um seine Kostensteigerungen aufzufangen.

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