Bunte Tüte oder Bier: „Unser Büdchen“ trotzt der Corona-Krise

mlzTrinkhallen

Viele Trinkhallen im Ruhrgebiet müssen schließen, Ute Schäfer hält mit ihrem Kiosk an der Stettiner Straße durch. Aber auch sie leidet unter den neuen Corona-Verordnungen.

Henrichenburg

, 07.11.2020, 20:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit fast 13 Jahren betreiben Ute Schäfer und ihr Ehemann Harold den Kiosk „Unser Büdchen“ in der Stettiner Straße. Der Name ist Programm. „Zu uns kommen viele Menschen aus der Nachbarschaft, um kleine Besorgungen zu erledigen, vor allem aber zum Quatschen oder zum Knobeln“, berichtet Ute Schäfer.

Vor dem Büdchen gibt es Stühle und Tische, das Zelt daneben bietet zusätzlichen Platz. „Hier hat die Nachbarschaft einen Treffpunkt, vor allem für Rentner, aber auch für Berufstätige“, fügt sie hinzu.

Seit Beginn der neuen Corona-Schutzverordnungen Anfang des Monats ist es damit aber vorbei. „Was bei uns gekauft wird, darf hier nicht mehr verzehrt werden. Jetzt ist an unserer Bude meistens ‚tote Hose‘“, bedauert Harold Schäfer die aktuelle Situation.

Ehepaar Schäfer übernahm das Büdchen 2008

Daher wurden auch die Öffnungszeiten geändert. Während die Trinkhalle bisher werktags von 5 bis 21 Uhr durchgehend geöffnet war, machen die Schäfers nun von 12 bis 16 Uhr Pause. „Für die paar Zigaretten und Bonbons lohnt es sich nicht, den Laden zu öffnen“, erklärt der Rentner.

Die Schäfers übernahmen Anfang 2008 das Büdchen. Ihre Vorgänger hatten den Kiosk aufgegeben, den es schon seit den 1950er-Jahren an der Stettiner Straße gibt. Ute Schäfer war es langweilig zu Hause, sie suchte mehr Kommunikation. Also meldete sie sich auf das Zeitungsinserat „Nachfolger für Trinkhalle gesucht“.

Sie erinnert sich: „Das hat sofort geklappt. Wir wurden in der Nachbarschaft sehr gut aufgenommen. Im Lauf der Zeit sind wir hier zu einer großen Familie geworden.“

Bürgermeister Kravanja kaufte Tabak

Wer gehört zu den Kunden des Büdchens? Ute Schäfer erklärt: „Viele Leute bekommen hier, was sie beim Großeinkauf vergessen haben. Wir haben aber auch Fertiggerichte in Dosen, die bei Junggesellen sehr beliebt sind. Und es wird viel getrunken, meistens Schnaps und Bier.“

Ein Dauerbrenner damals wie heute ist die ‚Bunte Tüte‘ für Kinder. „Die jüngsten Kunden kommen gerne zu uns, weil sie wissen, dass sie schon mal ein paar Bonbons extra bekommen“, erzählt die Rentnerin augenzwinkernd. An ihren prominentesten Kunden erinnert sie sich auch noch: „Als unser Bürgermeister Rajko Kravanja noch in der Nachbarschaft wohnte, hat er sich bei uns seinen Tabak gekauft.“

Die Stammkunden des Büdchens an der Stettiner Straße in Henrichenburg: Michael Lowitz, Christian Pirsch und Paul Dressel vor den neuen Corona-Einschränkungen

Die Stammkunden des Büdchens: Michael Lowitz, Christian Pirsch und Paul Dressel vor den neuen Corona-Einschränkungen © Dieter Düwel

Ein Highlight für die Nachbarschaft ist das jährliche Sommerfest, das um „Unser Büdchen“ herum von den Schäfers veranstaltet wird. Ute Schäfer schwärmt: „Auf der Wiese hinter dem Kiosk gibt es verschiedene Attraktionen wie Dosenwerfen, eine Hüftburg, das Glücksrad, Kaffee und Kuchen oder Reibekuchen. Die Einnahmen habe wir immer gespendet, zum Beispiel an Kitas oder Grundschulen. Es kamen schon mal 1500 Euro zusammen.“

Schweren Herzens mussten die Schäfers und ihre Nachbarn in diesem Sommer auf das Event, Corona geschuldet, verzichten.

Soziale Kontakte

Wie wichtig die sozialen Kontakte für die Kunden der Trinkhalle sind, bestätigen Michael Lowitz, Christian Pirsch und Paul Dressel. Die drei sind Stammkunden des Büdchens und kommen regelmäßig, einfach um zu quatschen, um sich mit Nachbarn zu treffen und um ein Bierchen zu trinken.

Christian Pirsch ist ehemaliger Bergmann und fühlt sich an der Bude wie zu Hause: „Ute Schäfer ist wie eine Mutter zu mir, ich fühl‘ mich einfach wohl hier.“ Auch für Paul Dressel, ebenfalls ehemaliger Bergmann, ist der Ort sein zweites Zuhause: „Man kennt sich, man trifft sich, man hört das Neueste über die Nachbarschaft.“ Die drei bedauern, dass sie auf diese Kontakte am geliebten Büdchen erst einmal verzichten müssen. Hoffentlich nicht allzu lang!

Die beiden Westfalen Reinaldo Coddou H. und Jan-Henrik Gruszecki sind durch ihre Heimat gereist. Sie haben die schönsten Trinkhallen im Ruhrgebiet aufgespürt und in einem Bildband porträtiert: „Treffpunkt Trinkhalle“ ist erschienen in der Edition Panorama 2018.
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt