Grüne schlagen Solardach-Alarm: So verschläft Castrop-Rauxel die Energiewende

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Die Grünen sagen: Diese Zahl ist alarmierend! 2018 sind in Castrop-Rauxel 24 Photovoltaik-Anlagen gebaut worden. So wenig wie seit zehn Jahren nicht. Wie soll man so CO2-Ziele erreichen?

Castrop-Rauxel

, 04.07.2019, 11:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach einer Untersuchung des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) könnte der Strombedarf aller Haushalte in Castrop-Rauxel durch Strom von unseren Dächern gedeckt werden. Das schreibt Uli Werkle, Ratsherr der Grünen. Er erhebt seit Jahren in einer Statistik, wie sich die Zahlen entwickeln. 115 neue Anlagen waren es 2012, 61 und 57 in den folgenden beiden Jahren. Danach fiel die Zahl auf 25 bis 30 – und die 24 aus dem Jahr 2018 ist kleiner denn je.

„Es ist höchste Zeit, dass sich die lokalen Akteure aus Verwaltung, Politik, Stadtwerk, Verbraucherzentrale, Handwerk und Wohnungswirtschaft an einen Tisch setzen und eine Strategie für einen beschleunigten Ausbau der Photovoltaik in der ganzen Stadt erarbeiten“, fordert Werkle. „Wir steigen nach der Atomenergie auch aus der Kohleenergie aus. Die Verkehrswende bringt zusätzlichen Bedarf an emissionsfreiem Strom. Wir brauchen schnell einen massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien.“

Grüne schlagen Solardach-Alarm: So verschläft Castrop-Rauxel die Energiewende

Uli Werkle von den Grünen und Bürgersolar mit einem Photovoltaik-Paneel auf dem KliMarkt. © Volker Engel

Grund zur Verzweiflung? Was könnten Lösungen sein? Wir sprachen den Grünen-Vertreter im Interview. Auch in der Ratssitzung am Donnerstag, 4. Juli (17 Uhr, Ratssaal, Europaplatz) wird das Thema vermutlich breiter debattiert.

Herr Werkle, warum haben Sie zu diesem Zeitpunkt die Zahlen öffentlich gemacht?

Ich habe die Zahlen jetzt von Innogy fürs vergangene Jahr erhalten. Ich verfolge die Zahlen seit vielen Jahren und habe vor zwei Jahren einen Plan vorgelegt, um bei der Erneuerbaren Energie in Castrop-Rauxel voranzukommen.

Was ist aus Ihrer Vorarbeit denn geworden?

Nichts. Wir haben auch von Innogy nur schwerlich Zahlen erhalten zu den Stromverbräuchen in Castrop-Rauxel. Aber wie wir die Stromerzeugung und den -verbrauch für unsere Haushalte organisieren, darauf haben wir doch Einfluss. Darum ist uns wichtig, dass wir die verbrauchte Energie in Haushalten mit der vor Ort erzeugten abdecken. Es ist eigentlich die Pflicht für Castrop-Rauxel, den eigenen Haushaltsstrom in der Stadt zu produzieren.

Warum gelingt das nicht?

Das hat politische Steuerungsgründe – es sind die Gesetze von Sigmar Gabriel, die sich seit 2012 auswirken. Da haben wir den starken Einbruch bei unseren Zahlen vor Ort. Der damalige Energieminister hat es so Bürgersolargesellschaften unmöglich gemacht, weiter zu arbeiten, weil der Eigenverbrauch des erzeugten Stroms zur Pflicht gemacht wurde. Aber wir als Genossenschaft oder Gesellschaft können den Strom nicht selbst verbrauchen, sondern müssen ihn verkaufen.

Klingt doch eigentlich nicht schlecht.

Dann sind wir aber Stromverkäufer, und die spielen in einer anderen Liga. Das kann so eine kleine Gesellschaft nicht leisten.

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Daran hapert alles?

Der Strom einer PV-Anlage ist so günstig, dass man damit immer Gewinn macht. Auch unter den heutigen Bedingungen noch. Das ist aber vielen Leuten nicht klar – es muss also Aufklärung erfolgen. Darum veranstalten wir in Frohlinde eine Bürgerberatung mit dem Schwerpunkt, wie wir die PV in Frohlinde stärken können.

Was ist das Problem: Stoßen Sie auf taube Ohren oder sind Sie nicht laut genug?

Wir sind nicht laut genug und werden in der Verwaltung nicht genug unterstützt. Die PV-Stammtische sind wieder eingestampft worden. Da muss doch der Bürgermeister voran gehen und sagen: Wir wollen das so! Castrop-Rauxel muss klimaneutral werden. Politische Beschlüsse haben wir dazu, beschlossen ist alles mögliche – aber es wird einfach nicht umgesetzt, hier wie auf Bundesebene.

Klipp und klar: Was müsste hier passieren?

Wir müssen aufklären, mit den Menschen reden, mit der Wohnungswirtschaft reden, die unheimlich viele Dachflächen haben. Und zusammen mit dem Stadtwerk PV-Anlagen aufs Dach setzen, um Mieterstrom anbieten zu können. In anderen Städten schafft man heute Mustersiedlungen dafür. Es gibt auch Gewerbe-Immobilien, auf die PV-Anlagen gebaut werden könnten. Aber die irre Meinung ist ja, dass das teuer ist und nichts bringt...
In Tübingen gibt es einen Beschluss vom Gemeinderat, dass auf jeden Neubau eine PV-Anlage kommt – und wer das nicht selbst finanzieren kann oder will, der kann eine Anlage beim dortigen Stadtwerk pachten.

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Sehen Sie schwarz? Geben Sie irgendwann auf?

Es gibt ein klares Ziel: die 1,5 Grad Erderwärmung nicht zu erreichen. Wir könnten ja mal eine sachlich korrekte CO2-Bilanz für Castrop-Rauxel erstellen. Der RVR wollte sowas ja fürs ganze Ruhrgebiet machen. Aber es hat sich nichts bewegt. Wir haben einen CO2-Reduktionsplan beschlossen in einem für die Bevölkerung transparenten Verfahren. Da hat sich aber wenig getan. Wenn es so weiter geht, das kann jeder selbst nachrechnen, wenn wir den aktuellen Satz der Reduktion fortschreiben, dann leisten wir keinen positiven Beitrag zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels. Das steht fest.

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