Castrop-Rauxeler Senioren erzählen von Weihnachten im Krieg

Wilhelm-Kauermann-Seniorenzentrum

Adelheid, acht Jahre alt, hockt in einem Bunker. Verängstigt. Mit vielen Fragen im Kopf. Wie soll denn das Christkind durch den Bombenhagel kommen? Adelheid, im Zweiten Weltkrieg ein kleines Mädchen, ist heute 81. Dieses Weihnachten wird sie nicht im Bunker verbringen, sondern im Wilhelm-Kauermann-Seniorenzentrum.

CASTROP-RAUXEL

, 25.12.2016, 06:12 Uhr / Lesedauer: 2 min
Haben Weihnachten im Krieg erlebt: (v.l.) Renate Wenzlaff, Adelheid Skiba, Margarete Hytry und Rudi Vrankar.

Haben Weihnachten im Krieg erlebt: (v.l.) Renate Wenzlaff, Adelheid Skiba, Margarete Hytry und Rudi Vrankar.

Wenn Adelheid Skiba sich mit Renate Wenzlaff (89), Margarete Hytry (89) und Rudi Vrankar (85) über Weihnachten unterhält, dann geht es schnell um Bomben. Und um Armut. „Armselig, armselig, armselig“, sagt Renate Wenzlaff, die in Merklinde aufgewachsen ist. „So war das damals. Aber was soll‘s? Wir waren glücklich.“ So glücklich man in Zeiten des Krieges eben sein kann.

Vor Weihnachten, erinnert sich die 89-Jährige, haben die Erwachsenen damals viel Zeit im Keller verbracht und gebastelt. „Und wir Kinder, wir wussten nicht, was da läuft.“ Dass die Erwachsenen mit dem Christkind zusammengearbeitet haben.

Geschenke waren noch etwas Besonderes

„An Heiligabend wurde dann viel gesungen, bevor endlich die Tür aufging und die Bescherung losging“, sagt Renate Wenzlaff. „Einmal habe ich einen Spiegel und eine Bürste bekommen – oh, was war das gut! Und als ich zehn Jahre alt war, gab‘s sogar Rollschuhe!“ Die mussten abgestottert werden, weiß Renate Wenzlaff heute.

Und sie kann sich noch genau an die leuchtenden Augen ihres kleinen Bruders erinnern, als er das lang ersehnte Fahrrad bekam. „Wir konnten uns noch so richtig über Geschenke freuen“, sagt Adelheid Skiba. „Heute ist das anders, weil es ständig Geschenke gibt.“

Mit knurrendem Magen im Bunker gesungen

„Es war nicht alles schlecht“, betont die 89-Jährige, die ein Einzelkind ist. „Jeder war für den anderen da und wir haben alles geteilt – nur manchmal, da habe ich mir Bonbons gekauft und sie ganz schnell alle aufgegessen, damit ich nicht teilen musste.“

Mit 200 Mann im Bunker zu sitzen und mit knurrendem Magen Weihnachtslieder zu singen – sowas vergesse man nie. Ein Stück Frieden im Krieg.

Wenn Margarete Hytry zurückdenkt, dann sieht sie – wie Adelheid Skiba ein Einzelkind – kein Weihnachtsfest voller Festlichkeit vor ihrem inneren Auge. „An Heiligabend war eigentlich alles wie immer“, sagt sie. „Ich habe Maulwürfe mit Fallen gefangen, weil sie die Bauern geärgert haben, und ich habe im Stall geholfen, bevor es in die Kirche ging. Nur das Essen, das war besser als sonst.“ Kartoffelsalat mit Würstchen – das kam bei allen vier Senioren auf den Tisch.

Es fehlte an Geld, die Männer waren im Krieg

„Als Geschenk bekam ich dann höchstens mal eine Schürze oder Socken“, sagt Margarete Hytry. „Für mehr war einfach kein Geld da.“ Und es fehlte ja nicht nur an Geld. „In keinem Haus war ein Mann“, sagt die 89-Jährige. „Die Männer waren alle weg.“ Im Krieg.

Rudi Vrankar, der einzige Mann in der Gesprächsrunde, redet nur ungern über seine Kindheit im Krieg. „Ach, ich weiß doch nichts mehr“, sagt der 85-Jährige. Aber eins erzählt er dann doch. „Mein kleiner Bruder und ich, wir haben einmal eine Burg bekommen. Da haben wir den ganzen Heiligabend mit gespielt. Das war schön.“  

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