Castrop-Rauxels große Pläne für Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing

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Die Arbeit an einem Gutachten gab den Startschuss: Castrop-Rauxel will Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung auf völlig neue Beine stellen. Hinter den Kulissen gibt es erste Diskussionen.

Castrop-Rauxel

, 31.01.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Alles begann mit einer Analyse: Die Frage, die sich die Politik und die Stadtverwaltung selbst stellten, war, ob der Bereich Wirtschaftsförderung und seine artverwandten Aufgabenbereiche Stadtmarketing und Tourismus, Veranstaltungen, Märkte und Stadtteil-Management in Castrop-Rauxel so läuft, wie er laufen müsste. Bei all diesen Dingen geht es darum, die Stadt nach innen und außen attraktiv auf- und darzustellen: als beliebter Wohnort, als Ort für die Ansiedlung von Unternehmen, als Ort für Freizeitgestaltung und Reiseziel.

Denn davon hängt vieles ab: Ist eine Stadt attraktiv für Unternehmen, ist sie attraktiv für Arbeitnehmer. Siedeln sie sich an, hat das positive Effekte auf das gesamte Stadtleben. Nicht nur die Gewerbesteuereinnahmen beeinflussen direkt die Stadtkasse; auch die kommunalen Anteile an der Einkommenssteuer oder die Ausgaben, die Bürger in der Stadt tätigen, bringen das Geschäftsleben und damit das Treiben in einer Stadt voran.

Verschiedene Stellen bearbeiten die Themen

An diesem gemeinsamen Ziel in seinen unterschiedlichen Facetten arbeiten in Castrop-Rauxel verschiedene Stellen:

  • Der EUV als 100-prozentige Tochter und Anstalt öffentlichen Rechts der Stadt veranstaltet und organisiert die Märkte (Wochenmärkte, aber auch Viktualien- oder Weihnachtsmarkt) und Jahrmärkte (Frühjahrs- und Herbstkirmes sowie Henrichenburger Dorfkirmes).
  • Bei der Stadtverwaltung im Bereich Öffentlichkeitsarbeit ist das Stadtmarketing angesiedelt.
  • Die städtische Tochter Forum GmbH, an der außer der Stadt nur noch die Sparkasse mit einem geringen Prozentsatz beteiligt ist, verwaltet die Europa- und die Stadthalle und steuert dort das Programm, ist aber seit Jahren auch ausführende Organisation Veranstaltungen in der Altstadt wie dem Himmlischen Advent oder den Beach Volley Days. Das rührt aus einer Verabredung mit der Standortgemeinschaft Casconcept unter Bürgermeister Johannes Beisenherz, die als Zusammenschluss von Geschäftstreibenden in der Altstadt städtische Unterstützung eingefordert hatte - da sie eine Belebung der Altstadt als städtische Aufgabe reklamiert hatte.
  • Wiederum bei der Stadtverwaltung gibt es einen Bereich Wirtschaftsförderung, der als eine sogenannte Freiwillige Leistung gilt und darum in den vergangenen Jahren durch den Stärkungspakt Stadtfinanzen einen Stellenabbau hinnehmen und verkraften musste. Hier haben Strukturwandel und digitale Revolution einen völligen Aufgaben-Shift ergeben: Während es früher darum ging, ansiedlungswillige Unternehmer als Lotse durch die Behörden und Ämter zu begleiten, bei der Ansiedlung zu beraten und zu unterstützen, ist inzwischen die Akquise im interkommunalen Wettbewerb bedeutender geworden. Firmen wissen meist über Geoportale und Kartendienste, über Internetdatenbanken und andere offen dargebrachte Informationen schon alles über die Städte. Das Flächenmanagement ist zudem ein elementares Feld der Arbeit geworden: Inzwischen gibt es laut Auffassung der Stadtverwaltung kaum mehr offene Flächen, die sich vermarkten lassen.
  • Das weite Feld der ehrenamtlichen Akteure, in den vergangenen Jahren vor allem die stark gewachsene Struktur der Stadtteilvereine wie „Mein Ickern“, „Wir sind Merklinde“, „Unser Rauxel“, „Habinghorst e.V.“, „Wir auf Schwerin“ und „Bürger für Deininghausen“. Diese Vereine organisieren zum Teil große Veranstaltungen, in Ickern zum Beispiel ein großes Straßen- und Stadtteilfest für den bevölkerungsreichsten Ortsteil Castrop-Rauxels.

Hinzu kam die politische Diskussion über die mögliche Gründung einer Wohnungsbaugesellschaft, die im Laufe des Jahres 2018 - ebenfalls mit einem Gutachten untermauert - zum vorläufigen Plan der Gründung einer Flächenentwicklungsgesellschaft wurde. Das spielt in diesem Kontext auch eine wesentliche Rolle.

Das gesamte Konstrukt wurde hinterfragt

So fassten Politik und Verwaltung im vergangenen Jahr den Plan, dieses Konstrukt in Gesamtheit und die Wirtschaftsförderung im einzelnen komplett zu hinterfragen: Ist die Stadt Castrop-Rauxel hier gut oder schlecht aufgestellt? Und: Was sind Handlungsempfehlungen, auch im Vergleich zu anderen Städten? Die Gemeinde-Prüfungsanstalt (gpa NRW) gab den Auftrag dazu an ExperConsult ab, eine Unternehmensberatungsfirma aus Dortmund, die im Spätherbst zunächst intern ihr Gutachten vorlegte. Dieses Gutachten, das im Februar in die politische Beratung gehen und damit öffentlich gemacht werden soll, liegt unserer Redaktion vor. Es beginnt mit einem Analyseteil. Dann sind Handlungsempfehlungen aufgelistet, die sogar in ein Konzept mitsamt Businessplan münden.

Die einzelnen Analyse-Ergebnisse:

  • Im Strukturdatenvergleich mit drei anderen Kommunen in NRW schneidet Castrop-Rauxel auf verschiedenen Ebenen nicht gut ab: Rheine und Bocholt im Nord- bzw. Westmünsterland weisen bei vergleichbaren Einwohnerzahlen deutlich bessere Wirtschaftsdaten auf als Castrop-Rauxel. Das betrifft die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, wo Castrop-Rauxel immerhin noch vor Gladbeck liegt. Anders ist das beim Tourismusindex, wo Castrop-Rauxel weit abgeschlagen hinten liegt, ebenso wie bei den Gewerbesteuereinnahmen je Unternehmen.
  • Die frei verfügbaren Gewerbeflächen werden demnach auf 310.000 Quadratmeter bemessen, wenn man die Fläche von Rütgers in Rauxel mit einbezieht, bzw. 67.000 Quadratmeter ohne Rütgers. Bei einem durchschnittlichen jährlichen Flächenverbrauch von rund 40.000 Quadratmeter ist entweder in anderthalb, spätestens aber in knapp acht Jahren alles aufgebraucht, wenn keine neuen Flächen zur Verfügung gestellt werden. In städtischem Besitz ist davon derzeit kein einziger Quadratmeter.
  • Als wichtigste Erkenntnis führt das Gutachten, das auch aus Experten-Interviews verschiedener Akteuren in der Stadt erarbeitet wurde, aber diese auf: Die Wirtschaftsförderung ist in der jetzigen inhaltlichen und organisatorischen Form nicht wettbewerbsfähig. Eine inhaltliche und strukturelle Professionalisierung sei dringend geboten. Sie müsse in Zukunft fokussierter sein, ein zentraler Kommunikator, strategischer Denker und Treiber, heißt es. Und: Sie muss komplett anders sein als die jetzige.

Vorschlag zur Neuordnung der Aktivitäten

Dieses Urteil zielt nicht auf die Arbeit der Stabstelle Wirtschaftsförderung allein ab, sondern meint die Zusammenarbeit der verwandten und oben genannten Akteure aus den verschiedenen Gesellschaften und Vereinen. Daraus geht ein Vorschlag zur Neuordnung der Aktivitäten hervor: Die Gründung einer Stelle, vielleicht auch Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtteilmanagement neben der CAS-Entwicklungsgesellschaft, angedockt an den Technischen Beigeordneten der Stadtverwaltung. Sie soll den Unternehmensservice und das Ansiedlungsmanagement, also die zwei klassischen Aufgaben der Wirtschaftsförderung, ebenso leisten wie das Standort- und Tourismusmarketing, die Organisation der Märkte, ein Stadtteilmanagement und das Stadtmarketing.

Das soll geschehen durch eine Zusammenführung der Mitarbeiter, die zurzeit diese Aufgaben in verschiedenen Gesellschaften leisten: in der Forum GmbH, beim EUV und im Rathaus. Gesucht würde dafür ein Geschäftsführer, der vor allem ein exzellenter Kommunikator nach innen und außen sein sollte, dazu gut vernetzt, ein Kenner von Verwaltungsstrukturen und Fördermöglichkeiten - und möglicherweise sogar eine Person mit Lokalkompetenz.

Personalfrage führt zu einem Geschacher

Dieser Plan steht, und seit einigen Wochen laufen nach Informationen unserer Redaktion hinter den Kulissen Gespräche: Wie kann der Plan aufgehen? Wer kann ihn personell mit Leben füllen? Braucht es wirklich eine neue Gesellschaft dafür oder kann man die Strukturen an den EUV, die Forum GmbH oder die Stadtverwaltung andocken? Wo wären Räume? Und vor allem: Wer könnte die Geschäfte führen?

Vor allem um die Köpfe-Frage soll sich schon ein Geschacher entwickelt haben. So gab es wohl schon einen Kandidaten für die möglicherweise vakante Stelle an der Spitze des neuen Konstrukts - und das, noch bevor es überhaupt politisch beraten wurde. Die Beratung auf offener Bühne beginnt mit der Sitzung der Ausschüsse und des Stadtrats Mitte Februar. Am Freitagabend beim CDU-Parteitag soll das Thema aber auch schon auf der Agenda stehen.

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