„Corona hinterlässt Seelenwüste“ - Ein Pastor schildert seine Erfahrungen

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Noch nie sei das Bedürfnis nach Gesprächen und körperlicher Nähe so hoch wie jetzt gewesen, erklärt ein Pastor aus Castrop-Rauxel. Er erzählt, wie Corona die Seelen der Menschen beeinflusst.

von Marcia Köhler, Joel Kunz

Castrop

, 22.05.2020, 16:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den Gottesdienst aus der St.-Elisabeth-Gemeinde in Obercastrop haben am Sonntag (17. Mai) laut Gemeindemitglied Stefan Kruppa 50 Menschen in der Kirche verfolgt. Mehr als 100 Zuschauer habe zeitgleich die Videoübertragung der Messe im Internet gehabt.

Gottesdienste mit Besuchern haben im Mai nicht nur in der Elisabeth-Kirche wieder begonnen. Michael Wefringhaus, Kirchenvorstand der Gemeinde Heilige Schutzengel, schildert die Situation in Frohlinde: Dort fand der erste Sonntags-Gottesdienst mit Besuchern seit der Corona-Zwangspause am 10. Mai statt.

Insgesamt hätten 40 Personen in der Kirche hätten Platz finden können, gekommen seien an jenem Sonntag nur 16 Personen, sagt Wefringhaus. Viele Gemeindemitglieder seien noch verhalten, was die Gottesdienste angeht.

Übertragungen im Internet waren ein voller Erfolg

Die Videoübertragungen der Gottesdienste, die während der Schließungen gesendet wurden, seien hingegen ein voller Erfolg gewesen, sagt Wefringhaus. „Am Anfang haben vielleicht hundert Leute den Gottesdienst angesehen. Doch dann haben auch viele nachträglich die Gottesdienste gesehen.“ Insgesamt seien manche Videos schließlich auf 400 Zuschauer kommen.“

Die Statistiken habe man auch genauer untersucht. „Man sieht, dass während der Predigt dann aber doch manche abgeschaltet haben“, sagt Wefringhaus und lacht.

Bei den Präsenz-Gottesdiensten habe aktuell die Sicherheit höchste Priorität. So werde in den Gottesdiensten zurzeit nur jede zweite Bank freigegeben. Zusätzlich würden die Bänke regelmäßig desinfiziert: einmal vor und einmal nach der Messe.

Um mögliche Ansteckungen später nachverfolgen zu können, muss sich jeder Kirchenbesucher mit Name und Anschrift in einer Liste eintragen.

Gottesdienst im Freien zu Pfingsten geplant

Michael Wefringhaus hat Verständnis, dass manche Kirchenbesucher Angst haben und sich mit Gottesdienstbesuchen zurückhalten. Anderen fehle die Gemeinschaft, das Beisammensein und das Plaudern nach dem Gottesdienst vor der Kirche.

Im Moment laute die Ansage, nach der Messe direkt nach Hause zu gehen. Für manche regelmäßigen Gottesdienstbesucher sei dieses fehlende Miteinander ein Grund, lieber ganz zu Hause zu bleiben.

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Um wieder mehr Menschen den Gottesdienst-Besuch zu ermöglichen, plant die Schutzengel-Gemeinde für Pfingsten einen Gottesdienst im Freien. „Draußen haben wir mehr Platz und können deshalb mehr Menschen den Gottesdienst ermöglichen“, sagt Wefringhaus.

„Noch dazu ist es sicherer, denn die Aerosole sind draußen viel verdünnter. Dadurch ist die Ansteckungsgefahr niedriger.“ Um die aufwändigere Planung des Außengottesdienstes mache er sich keine Sorgen. „Wir haben ein gutes Team und viele Helfer.“

Wertschätzung und Dankbarkeit in den Gemeinden

Pfarrer Winfried Grohsmann vom Pastoralverbund Castrop-Rauxel-Süd, zu dem sowohl die Elisabeth- als auch die Schutzengel-Gemeinde gehören, nimmt in seiner Gemeinde eine große Wertschätzung und Dankbarkeit wahr: „Die Stimmung ist sehr, sehr gut. Die Personen, die erscheinen, freuen sich auf die Messe und sind dankbar, wieder so etwas machen zu können. Immer wieder bringen sie zu Wort, dass ihnen dieser kirchliche Beistand gut tut.“

Aus der St.-Elisabeth-Kirche in Obercastrop werden seit März jeden Sonntag live ins Internet übertragen.

Aus der St.-Elisabeth-Kirche in Obercastrop werden seit März jeden Sonntag live ins Internet übertragen. Hier Aufbauarbeiten von der Premiere. © Stephan Schütze

Auch seien die Gemeindemitglieder deutlich verantwortungsbewusster als vorher. Die in der Kirche liegenden Gebetszettel sind Einwegzettel, damit die Hygienevorschriften eingehalten werden. Der Pfarrer erzählt, nicht ein einziger Zettel sei bisher liegen gelassen worden, sondern die Besucher der Kirche nähmen sie mit nach Hause, um sie nochmal zu verwenden.

Außerdem drängele niemand beim Betreten oder Verlassen der Kirche. „Jeder hat ein Auge für seine Mitmenschen und alle geben aufeinander viel mehr Acht“, so Grohsmann.

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Trotz allem sei aber auch die Arbeit in der Seelsorge deutlich mehr geworden, wie er erzählt. „So viele Anrufe bis nachts um eins habe ich noch nie bekommen. Die Menschen wollen auch teilweise nur sprechen, um durch die Nacht zu kommen.“

Viele Menschen seien alleinstehend und hätten keine Familie mehr. Er als Pastor sieht seine Aufgabe darin, den Menschen Hoffnung zu geben und für sie da zu sein. An Muttertag habe er beispielsweise Frauen angerufen, die keine Kinder mehr haben oder noch nie hatten. Menschen, die auf die Tafel angewiesen sind, hat er beliefert, indem er Pakete vor die Haustür gestellt hat.

Die Messe ohne Besucher hat in der St.-Elisabeth-Kirche Pfarrer Franz-Josef Eckert für die Gläubigen aller Gemeinden im Pfarrverbund Castrop-Rauxel-Süd gefeiert.

Die Messe ohne Besucher hat in der St.-Elisabeth-Kirche Pfarrer Franz-Josef Eckert für die Gläubigen aller Gemeinden im Pfarrverbund Castrop-Rauxel-Süd gefeiert. © Stephan Schütze

„Corona hinterlässt eine Seelenwüste. Es gibt so viele Menschen, die alleinstehend sind und niemanden haben, oder Menschen mit Demenz, die jetzt total abbauen, weil die Interaktion mit anderen Personen fehlt. Das ist ganz tragisch, so etwas mit anzusehen“, bedauert der Pfarrer.

Menschen sehen sich nach Zwischenmenschlichkeit

Besonders schlimm empfinde er die Situation für Menschen, die einen Angehörigen bis zuletzt gepflegt haben und diesen vor seinem Tod im Krankenhaus nicht mehr besuchen durften. „Man kann sich nicht ausmalen, was das Virus da alles an emotionalen Spuren hinterlässt“, erzählt Grohsmann.

Bei einer Kondolenz sei er noch länger vor Ort als sonst. „Aber die Leute brauchen das auch tatsächlich und das bringen sie auch offen zur Sprache. Sie sehnen sich nach Gesprächen und vor allem körperlicher Nähe, die natürlich derzeit noch nicht möglich ist, aber zumindest ein Miteinander zu erschaffen ist jetzt wichtig“, erklärt der Pfarrer.

„Wenn das alles vorbei ist, wie man so schön sagt, sind wir glaube ich alle in einem Rausch, wieder ein großes Fest gemeinsam zu feiern.“

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