Castrop-Rauxeler Lehrerin: Öffnung der Schulen wäre „ein Irrwitz“

mlzCoronavirus

Noch ist völlig offen, wann die Schule wieder beginnt. Bund und Länder entscheiden kommenden Dienstag (14.4.). Eine Castrop-Rauxeler Lehrerin redet derweil Tacheles.

Castrop-Rauxel

, 08.04.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sylvana Dziuba unterrichtet seit 20 Jahren an Realschulen. 2017 kam sie an die Fridtjof-Nansen-Realschule. Sie kennt ihre Schule, den Schulalltag und ihre häufig pubertierenden Schüler. Seit drei Wochen steht ihr „Pult“ im Homeoffice.

Von dort stellt sie Aufgaben und kontrolliert die Ergebnisse über die App „Learningview“. Und in knapp zwei Wochen, nach Ende der Osterferien?

Jetzt lesen

„Es ist ein Irrwitz, wenn wir darüber reden, am übernächsten Montag den Schulbetrieb wieder aufzunehmen“, sagt Sylvana Dziuba. Und zitiert ihren 14-jährigen Sohn: „Das, was wir erreicht haben, dürfen wir nicht aufs Spiel setzen.“

Schulen seien Virenschleudern, sagt sie. „Denn Hygienemaßnahmen und Abstand sind in einer Schule gar nicht leistbar.“ Allein schon wegen des Temperaments der Kinder: „Sie sind impulsiv und prügeln auch manchmal. Und wenn sie ins Gebäude gehen, gibt es Gedrängel.“

Potenzielle Virenträger treffen aufeinander

Aus dem Mund der 49-Jährigen spricht die Erfahrung. Auch wenn sie an die Situation an ihrer Realschule denkt: „Die Räume sind so eng.“ Zudem müssten die Kinder erst einmal zur Schule kommen – in der Regel mit dem Bus. „Kinder tragen das Virus häufig unerkannt. Wir treffen potenziell viele Virenträger jeden Tag.“ Knoten von Infektionsketten.

Sylvana Dziuba unterrichtet seit 20 Jahren an Realschulen und ist klar gegen die Wiederöffnung der Schulen nach den Osterferien.

Sylvana Dziuba unterrichtet seit 20 Jahren an Realschulen und ist klar gegen die Wiederöffnung der Schulen nach den Osterferien. © privat

„Jeder Kontakt, den ein Mensch derzeit sucht, ist ein freiwilliger Kontakt“, sagt Sylvana Dziuba. Etwa beim Einkaufen. „Wenn die Schulen wieder aufmachen, besteht Schulpflicht. Ich glaube, wir werden dann an eine Situation stoßen, die keiner mehr richtig unter Kontrolle hat.“

Sylvana Dziuba verweist auf Österreich. Dort sind Schulöffnungen erst in der dritten Stufe einer angedachten schrittweisen Aufhebung des Lock-Downs vorgesehen – nach der Öffnung von kleinen und dann größeren Geschäften. „In den größeren Geschäften könne man den Zugang steuern, heißt es, und jeder Kunden habe 20 Quadratmeter Platz. Wo haben wir das denn in den Schulen?“

Für die Öffnung der Schulen bedarf es Voraussetzungen

Eine Schulöffnung knüpft die Lehrerin an Voraussetzungen: Denkbar sei mittelfristig ein Staffelmodell, bei dem Jahrgangsstufen zunächst nur tageweise in die Schule kommen und sich in verkleinerten Klassen treffen. Von der Schulverwaltung erwartet sie eine Ausrüstung mit Schutzkleidung. Und den Lehrern müsse es erlaubt sein, Kinder direkt nach Hause zu schicken, wenn sie sich nicht an die Regeln halten.

Jetzt lesen

Die Lehrerin hat Sorge, dass Politiker vor wirtschaftlichen Interessen einknicken. Die Betreuung der Kinder von Berufstätigen ließe sich regeln. „Andere Kinder schaffen das auch“, betont die alleinerziehende Mutter „Es klingt zwar pathetisch“, sagt Sylvana Dziuba, „aber wir müssen alles in den Dienst der großen Sache stellen“.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt