Alte Menschen in Isolation: Stimmt Merkels Sorge mit der Realität überein?

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Geraten alte Menschen zu sehr in Isolation, damit sie sich nicht mit dem Coronavirus anstecken? Kanzlerin Merkel äußerte sich besorgt. Eine Senioren-Expertin in Castrop-Rauxel schlägt Alarm.

Castrop-Rauxel

, 01.09.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in der vergangenen Woche in einer Sommer-Pressekonferenz die Corona-Pandemie aus ihrer Sicht analysiert. Eine Statistik bewog sie dazu, etwas mutmaßend und fragend in den Raum zu stellen: Sind wir in einer Situation, in der wir die Alten und Schwachen zu sehr gesellschaftlich isolieren? Wir fragten in Castrop-Rauxel nach.

Die Corona-Lage bewertete Merkel als „unverändert ernst“. Sie warnte jedoch davor, dass Ältere aus Angst vor einer möglichen Ansteckung den Jüngeren aus dem Weg gehen. Denn die Zahlen sind eindeutig: Das Durchschnittsalter der Corona-Infizierten in Deutschland liegt laut Robert-Koch-Institut derzeit um etwa 20 Jahre unter dem aus dem Frühjahr. Die Infizierten sind jünger. „Ich frage mich, woran das liegt“, sagte Merkel am Freitag bei der Bundespressekonferenz in Berlin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) während ihrer traditionellen Bundespressekonferenzen im Sommer in Berlin (o.l - u.r) von 2020 bis 2006. Bei der PK am Freitag schlug sie mahnende Töne an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) während ihrer traditionellen Bundespressekonferenzen im Sommer in Berlin (o.l - u.r) von 2020 bis 2006. Bei der PK am Freitag schlug sie mahnende Töne an. © dpa

Ihr Verdacht sei, dass die Älteren den Jüngeren möglicherweise aus dem Weg gingen. Isolieren sich die sogenannten „Risikogruppen“ aus Angst vor einer Ansteckung freiwillig? „Ich will nicht verhehlen, dass ich mir Sorgen mache, wie sich die Gruppen unserer Gesellschaft weiterentwickeln“, sagte Merkel. Aber: Die Frage der Rücksichtnahme sei dennoch von großer Bedeutung.

„Ich kann das bestätigen“

Wie fühlen sich die Älteren derzeit? Christa Dreifeld ist Sprecherin des Seniorenbeirats in Castrop-Rauxel. Keine Person kennt die Situation in Castrop-Rauxel vermutlich so gut wie sie. „Ich kann das bestätigen, es ist wirklich so“, sagt sie und bringt gleich ein Beispiel: „Wir wollten unsere Senioren-Freizeit im Mai machen. Es geht dieses Jahr in die Rhön. Nun haben wir das auf September verschoben. Sechs Personen haben aus Angst storniert. Sie sagten mir, sie verließen ihre Wohnung nicht mehr.“

Christa Dreifeld kümmert sich um die alten Menschen in Castrop-Rauxel: Sie besucht eine 97-jährige Heimbewohnerin regelmäßig, ist umtriebige Vorsitzende des Seniorenbeirats und schlägt Alarm. Es sei nicht gut, die Alten zu isolieren.

Christa Dreifeld kümmert sich um die alten Menschen in Castrop-Rauxel: Sie besucht eine 97-jährige Heimbewohnerin regelmäßig, ist umtriebige Vorsitzende des Seniorenbeirats und schlägt Alarm. Es sei nicht gut, die Alten zu isolieren. © Thomas Schroeter

Was „in den Zeitungen steht“, so Dreifeld, mache es noch schlimmer. „Sie sind traurig, sitzen nur noch zu Hause, sind durcheinander, vereinsamen. Sie werden mutlos gemacht.“

Die Altenheime hätten sich immerhin geöffnet. „Ich betreue eine 97-jährige Dame und wir sind froh, dass wir wieder rein dürfen“, sagt Dreifeld. „Ich höre da das gleiche: Sie sitzen in ihren Zimmern, ganz allein, das Personal fehlt an allen Ecken. Es ist hart! Irgendetwas müsste passieren!“

„Sie sind praktisch in den Heimen eingesperrt“

Nur was? „Ein Ansatz wäre, klarer zu machen, dass die Älteren auch wieder raus dürfen“, sagt Dreifeld. „Sie sind ja praktisch in den Heimen eingesperrt, sind in ihrer Freiheit eingeschränkt. Die Leute, die in ihrem Heim keine Lobby haben – für die ist es ein trauriges Spiel.“ Das erlebe sie in und höre es aus diversen Altenheimen in Castrop-Rauxel, und findet: „Man muss wieder den Mut haben, in den Einrichtungen etwas zu veranstalten.“

Da seien zum Beispiel die Speisesäle, die man nutzen könne. „Aber das ist auch mit Mehrarbeit verbunden, und dafür fehlt es an Zeit“, sagt Dreifeld. Und: „So geht es nicht weiter! Spielenachmittage, Gottesdienste – man muss dafür Räume suchen.“

Ist aber die Ansteckungsgefahr nicht zu groß? „Ich selber sehe da nicht die große Gefahr“, so Dreifeld. Spielenachmittage müssten nicht mit 40, sondern könnten auch mit 20 Teilnehmern stattfinden. Die Tische in den Speiseräumen seien groß genug für Abstände. Auch jetzt schon säßen einige Bewohner dort, auch mit Demenz, und spielten „Mensch ärgere dich nicht“, ohne dass vom Pflegepersonal jemand aufpasse.

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Dann die Gottesdienste, die Pastor Ditthardt draußen veranstaltet habe: „Die waren wunderbar. Aber auch das wird es nicht mehr lange geben, wenn der Winter kommt.“

„Sie kriegen Angst und trauen sich gar nichts mehr“

Und die Menschen, die zu Hause wohnen, hätten das große Problem, dass sie „verrückt gemacht werden durch die Medien. Die kriegen Angst. Sie trauen sich gar nichts mehr.“

Die Freizeit, die geplant war, findet bald statt. Trotz der nicht unbedenklichen Infektions-Zahlen, die zurzeit gelten. „Wir fahren vom 24.9. bis zum 7.10. Mit Masken im Bus. Es sind 40 Personen dabei“, erzählt die Seniorenbeirats-Vorsitzende. Man müsse noch klären, ob man in einem oder zwei Bussen fahre. „Aber der Busunternehmer dürfte mit einem Bus fahren“, sagt sie, Stand jetzt. „Das Hotel kennen wir, da ist für Abstände gesorgt“, so Christa Dreifeld.

Für die alten Menschen werde sie wieder eine Weihnachtsfeier organisieren. Nur diesmal nicht im Gemeindehaus, sondern in der Stadthalle, „weil wir ins Gemeindehaus mit 60 Leuten nicht rein können“. Die Feier am 13. Dezember werde dadurch teurer, „aber ich hatte sehr schnell 60 Leute zusammen, die alle kommen möchten – und das ist noch nicht das Ende“, sagt Christa Dreifeld. Wer noch Interesse hätte, dürfte sich gern bei ihr melden (Tel 02305/359767 oder Handy 0177/4881610). Bis zu 100 Leute finden derzeit in der Stadthalle Platz.

Eine Frau, erzählt sie, habe ihr jetzt gesagt, sie werde verrückt zu Hause. „Auch die Kinder kommen nicht mehr, weil sie nicht wollen, dass ich mich anstecken könnte“, habe sie ihr gesagt. Christa Dreifeld meint: „Wenn man 85 Jahre alt ist, möchte man so eine Sperre nicht mehr über sich ergehen lassen.“

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