Darf die Presse die Polizei beschwindeln? Ein Kommentar aus aktuellem Anlass

Meinung

Ein Bericht, in dem eine Kollegin freimütig einräumt, der Polizei bei einer Kontrolle nicht die Wahrheit gesagt zu haben, hat am Sonntag hohe Wellen geschlagen. Eine Stellungnahme.

Castrop-Rauxel

, 25.04.2021, 16:04 Uhr / Lesedauer: 2 min
Eine Kollegin erfand gegenüber der Polizei eine Geschichte. Darf man das?

Eine Kollegin erfand gegenüber der Polizei eine Geschichte. Darf man das? © picture alliance/dpa/Polizei Recklinghausen

Selten haben wir im Internet so viel verbale Prügel für einen einzelnen Beitrag einstecken müssen. Die Rede ist von „unverschämt“ und „dreist“, geäußert wird auch die Hoffnung, meine Kollegin möge noch im Nachhinein „eine fette Strafe“ erhalten.

Doch was ist passiert? Die Kollegin, Nora Varga, hatte sich zunächst am Samstag ab 22 Uhr beruflich angeschaut, ob sich die Castrop-Rauxelerinnen und Castrop-Rauxeler an die Corona-Ausgangssperre halten. Dann fuhr sie nach Hause und wurde auf dem Heimweg von der Polizei kontrolliert.

Jetzt lesen

Bei der Kontrolle gab sie sich nicht mit ihrem Presseausweis als Journalistin aus, sondern erzählte den Beamten, sie hätte eine Freundin besucht. Eine Ausrede, die nicht als Ausnahmeregelung im Sinne des Bundesinfektionsschutzgesetzes gilt. Sie hätte deshalb dafür belangt werden können. Die Beamten ermahnten sie aber nur, die Ausgangssperre künftig einzuhalten. Dann fuhr meine Kollegin weg.

Sie hat nicht übers Ziel hinausgeschossen

Ihre Erfindung, die sie in ihrem Bericht genauso nacherzählt, hat Nora Varga heftige Kritik in den Sozialen Medien eingebracht. Doch hat sie übers Ziel hinausgeschossen? Ich sage Nein – und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens: Nora Varga hätte es sich einfach machen können. Sie hatte einen echten Grund, unterwegs zu sein, hätte ihn nennen können, und alles wäre in Ordnung gewesen. Sie hat es sich aber nicht einfach gemacht, sondern wollte herausfinden, wie es „normalen Bürgern“ ergehen würde, die gegen die Bestimmungen der Ausgangssperre verstoßen. Das ist unsere journalistische Aufgabe: Öffentlichkeit herzustellen.

Jetzt lesen

Ich bin zweitens überzeugt davon, dass es keinen anderen Weg gegeben hätte, an die wichtige Erkenntnis zu gelangen, dass die Polizei nicht immer hart durchgreift. Hätte Nora Varga die Beamten bei der Kontrolle gefragt, hätten diese ihr gemäß der internen Richtlinien der Polizei keine Auskunft geben dürfen. Die Situation wäre außerdem trotzdem künstlich geblieben. (Leider haben wir auch am Sonntag per offizieller Anfrage nicht herausbekommen, ob und wie viele Verstöße geahndet wurden. Das hätte uns bei der Einordnung geholfen.)

Persönliche Bestrafung riskiert

Drittens: Nora Varga hat mit ihrer Legende niemandem geschadet und hätte sich nur selbst schaden können. Sie hätte es sich einfach machen und der Polizei offen sagen können, warum sie noch unterwegs ist. Doch sie hat es nicht getan und damit eine persönliche Bestrafung riskiert.

Das ist etwas anderes, als beispielsweise nach einem Kneipenabend in der Alkoholkontrolle zu behaupten, man habe nichts getrunken. Wer die Polizei so anlügt, hofft, er müsse nicht ins Röhrchen pusten, er versucht, eine Strafe zu vermeiden. Nora Varga hat dagegen aus beruflichem Antrieb eine Strafe riskiert und der Polizei keinerlei Mehrarbeit bereitet.

Viertens: Ohne unsere spontane Aktion überhöhen zu wollen: Enthüllungsjournalismus unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gibt es schon lange. Günter Wallraffs Schilderungen über Missstände verschiedener Unternehmen wären ohne eine falsche Identität nicht möglich gewesen. Seine Berichte, veröffentlicht etwa in dem Bestseller „Ganz unten“, sind heute als die besten Beispiele für Enthüllungsjournalismus in der deutschen Geschichte anerkannt.

Sauberer wäre gewesen, die Falschaussage einzuräumen

Allerdings, und diese Diskussion haben wir am Sonntag auch in der Redaktion geführt: Sauberer wäre es gewesen, wenn meine Kollegin zumindest vor dem Wegfahren die falsche Aussage eingeräumt hätte. Uns ist selbstverständlich klar, dass es die absolute Ausnahme bleiben muss, gegenüber Polizisten nicht die Wahrheit zu sagen.

Den Erkenntnisgewinn der Recherche, dass nämlich längst nicht immer Corona-Bußgelder erhoben werden, auch wenn dies möglich wäre, schmälert dies allerdings nicht.

Lesen Sie jetzt