Hans-Joachim Schmale-Baars schließt die Residenz. 130 Torten hat er allein am Sonntag noch gebacken. © Matthias Langrock
Tradition

Das Café Residenz ist Geschichte: „Das war ein Stück Castrop“

Das Café Residenz ist nun geschlossen. Konditor Hans-Joachim Schmale-Baars freut sich auf den Ruhestand. Doch das Ende seines Berufslebens hat er sich anders vorgestellt.

Vor zehn Tagen hat Hans-Joachim Schmale-Baars eine Dummheit begangen. Sagt er selbst. An jenem Donnerstag (7.1.) hat er per Mail und auf Facebook angekündigt, sein Hotel Café Restaurant Residenz in der Castroper Altstadt zu schließen.

Doch nicht die Schließung ist es, die er im Nachhinein bedauert. Nein, dumm sei die Ankündigung gewesen, seine Pralinen ab sofort zum halben Preis zu verkaufen – damit nichts weggeworfen werden müsse.

„Was dann los war, hätte ich mir nicht träumen lassen“, erzählt Hans-Joachim Schmale-Baars beim Gespräch am Sonntagvormittag. Von Wegwerfen konnte keine Rede sein. Stattdessen dauerte es nur wenige Stunden, dann waren alle Pralinen ausverkauft.

Trotzdem gab es noch viel zu tun für Hans-Joachim Schmale-Baars. Denn die Nachfrage nach seinen Torten war nicht minder riesig. Und so stellte sich der Konditor in die Backstube. Jeden Tag, von 3 Uhr morgens bis 15 Uhr nachmittags. Und nach drei Stunden Pause bereitete er abends alles vor für die nächste Schicht. 16 Stunden Arbeit täglich, unterstützt von einer Kollegin, die auch noch mal 9 bis 10 Stunden geackert hat. „Mehr geht jetzt auch nicht mehr“, sagt er, dem die viele Arbeit ins Gesicht geschrieben steht.

Der letzte Tag in der Residenz begann um 8 Uhr

Der Kunden-Andrang ist so groß gewesen, dass Hans-Joachim Schmale-Baars am Sonntag seine Türen schon um 8 Uhr für Tortenhungrige geöffnet hat. „Und der erste war auch um 8 Uhr da.“

Man merkt Hans-Joachim Schmale-Baars an, dass er gedanklich noch keinen Schlussstrich gezogen hat. Auf die Frage, was er jetzt fühle, sagt er: „Ehrlich gesagt: Gar nichts.“ Und ergänzt: „Ich bin in einer Trance-Phase. Wir funktionieren ja nur.“

Wir, damit meint er sein Team. Das ist in den vergangenen Monaten geschrumpft. Intern stand schon länger fest, dass in der Residenz der Ofen ausgeht. Einige Mitarbeiter haben neue Stellen gefunden, teilweise hat es sie bis Bonn-Bad-Godesberg verschlagen. Sein Lehrling hat noch vergangenen Mittwoch seine Prüfung abgelegt. Auch für ihn sieht es offenbar gut aus auf dem Stellenmarkt, sogar in Castrop-Rauxel selbst, trotz des Lockdowns. Doch da ist auch die Kuchen-Verkäuferin, die am Vorabend der Schließung berichtet, sie habe noch nichts Neues gefunden nach 26 Jahren in der Residenz.

Für die vergangenen zehn Tage sind einige Mitarbeiter, die schon ihren Abschied genommen hatten zur Aushilfe noch einmal zurückgekommen. Eine Abschiedsfeier am Sonntagabend ist nicht geplant. Einerseits wegen der Corona-Bestimmungen, aber auch so: „Alle sind müde“, sagt der Chef.

Im Beruf seit 1971

Die Residenz hätte Hans-Joachim Schmale-Baars auch ohne Corona-Lockdown nicht mehr viel länger betrieben. Er arbeitet seit 1971, hat mit 14 seine Lehre begonnen. Dieses Jahr wird er 65. „Vielleicht hätte ich noch zwei Jahre gemacht.“

Aber natürlich hat er gehofft, an einen Nachfolger übergeben zu können. Daraus wird nun nichts, zumindest vorerst. „Wenn es keinen gibt, der sich dafür interessiert, dann ist das demotivierend, frustrierend.“ Die Räume und das Mobiliar gehören aber ihm. Alles kann erst einmal stehen bleiben.

Bis auf die vielen Abschiedsgeschenke, die auf einem Tisch stehen. Blumen vor allem, aber auch Wein und Karten. Eine zeigt das Bild eines Brautpaars, das eine Hochzeitstorte anschneidet, die Hans-Joachim Schmale-Baars gebacken hat. Auf der Rückseite schreiben die Eheleute: „Liebes Team des Café Residenz, wir bedanken uns ganz herzlich, dass ihr uns über so viele Jahre mit Köstlichkeiten beglückt habt. Besonders dankbar sind wir dafür, dass ihr unsere Hochzeit versüßt habt. Wir wünschen euch für die Zukunft alles Gute.“

Das Foto der Hochzeitstorte, die Hans-Joachim Schmale-Baars einst kreiert hat, ziert die Dankes-Karte eines Ehepaares.
Das Foto der Hochzeitstorte, die Hans-Joachim Schmale-Baars einst kreiert hat, ziert die Dankes-Karte eines Ehepaares. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Während unseres Gesprächs betreten ständig neue Torten-Hungrige die Residenz, andere warten vor der Tür. Wie Lisa Huskotte. Sie verbindet mit dem Café viele Erinnerungen. Die Castrop-Rauxelerin war hier schon mit Eltern und Großeltern, zu Geburtstagen oder nach Beerdigungen. Es sei „sehr schade“, dass die Residenz jetzt schließt, sagt sie: „Es geht für alle was verloren in der Altstadt, für alle Generationen.“

Hoffen, dass sich jemand findet

So sieht es auch Heinz-Wilhelm Kirchhelle. „Ist schade“, kommentiert er, mag allerdings die Residenz noch nicht ganz abschreiben. „Man kann nur hoffen, dass sich jemand findet“ sagt er. Bevor er das Café betritt, sagt er noch: „Das war ein Stück Castrop.“

Hans-Joachim Schmale-Baars steht derweil schon wieder in der Backstube. Bis 15 Uhr wird er allein an diesem Sonntag 130 Torten kreieren. Die letzten werden ab 17 Uhr zum halben Preis verkauft. Wie zehn Tage zuvor die Pralinen. Aber diesmal nur eine Stunde lang. Um 18 Uhr ist die Residenz endgültig Geschichte.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Fühlt sich in Castrop-Rauxel und im Dortmunder Westen gleichermaßen zu Hause. Mag Politik, mag Kultur, mag Sport, respektiert die Wirtschaft und schreibt zur Not über alles, was anfällt.
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Matthias Langrock

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