Weg vom Stammplatz in luftiger Höhe am alten Schiffshebewerk Henrichenburg: Am Kranhaken fliegen Motorenhaus und Preußenadler durch die Luft. © Andreas Kalthoff
Schiffshebewerk Henrichenburg

Das historische Hebewerk ist kopflos: Der Adler hat die Flatter gemacht

Das preußische Wahrzeichen am alten Schiffshebewerk Henrichenburg ist mit einem Kran von seinem Platz geholt worden. Auf dem Wasserweg geht es für das Wappen in die Werkstatt zum Restaurieren.

Hoch oben zwischen den beiden Türmen des Schiffshebewerks prangt er eigentlich: der preußische Adler mit der goldenen Krone und den königlichen Insignien. Am Montag (7.12.) hat der betagte Vogel allerdings die Flatter gemacht und seinen Platz über dem Dortmund-Ems-Kanal verlassen: Ein Kran hat das Wappen samt Motorenhaus, an dessen Front es montiert ist, heruntergeholt und direkt auf ein Schiff geladen.

Im Frühjahr wurden am Schiffshebewerk einige Arbeiten am Gerüst erledigt, wurde hier und da etwas repariert und instand gesetzt. Dabei fiel auf, dass die Schrauben, mit denen der Adler am Motorenhaus befestigt ist, durchgerostet sind. Seitdem musste sich der Vogel hinter einem Netz verstecken – aus Sicherheitsgründen. Und seitdem stand auch fest: Der Adler muss runter, wie Dr. Arnulf Siebeneicker, Leiter des LWL-Industriemuseums Schiffshebewerk Henrichenburg, erklärt.

Industriekletterer beteiligt

Nur wie? Das war die große Frage. Schließlich ist das Wappen mit seiner exponierten Lage in luftiger Höhe schwer zugänglich. Schnell wurde den Verantwortlichen klar, dass es am Besten ist, Motorenhaus und Adler zusammen von oben herunter zu hieven.

So rückte jetzt nach langen Wochen der Planung der Kran einer Spezialfirma aus Dortmund an und platzierte sich an der alten Unterführung am Hebewerk. Mithilfe von zwei Industriekletterern wurde das Metallhäuschen mit den Glasscheiben, unter dem sich einst der Elektromotor für die Tore des Hebewerks befand, gelöst, gesichert und baumelte schon bald am Haken. Häuschen und Adler drehten am Kranhaken vom Wind zwei Pirouetten im Nieselregen über dem Kanal.

Den Transport übernimmt eine Schute

„Da lernt der Adler noch einmal fliegen“, scherzte Siebeneicker, der das Unterfangen verfolgte. „Aufmachen“, „runter“, „drehen“ tönten unterdessen die Kommandos vom Oberwasser an den Kranführer, der unten auf der Straße in seinem Führerhaus saß und nicht viel sehen konnte.

Zur Sache

Das ist das Hebewerk

  • Das alte Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop wurde am 11. August 1899 zusammen mit dem Dortmund-Ems-Kanal in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. in Betrieb genommen.
  • Das Schiffshebewerk ist ein Aufzug für Schiffe, durch die Technik konnten Schiffe eine Kanalstufe von 14 Metern überwinden. Über 60 Jahre war die Anlage im Betrieb, im Jahr 1969 wurde sie stillgelegt.
  • Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) beschloss im Jahr 1979, das technische Denkmal als LWL-Industriemuseum zu nutzen. Das alte Hebewerk wurde restauriert und rekonstruiert, seine Funktion aber nicht wiederhergestellt.

Lange dauerte es nicht, bis Adler samt Häuschen gelandet waren – auf der Schute, einem antriebslosen Schiff, das für den Transport von Gütern benutzt wird, und das schon im Wasser auf seinen speziellen Passagier gewartet hatte. Gestützt mit Holzpaletten und ordentlich gesichert schipperte das Wappen im Anschluss ein paar Meter in Richtung Werkstatthalle des Hebewerks.

Am Dienstag gingen Motorenhaus und Adler dann mit einem Autokran an Land. Sie werden zunächst in der eigenen Werkstatt am Hebewerk unter die Lupe genommen, wie Diplom-Restaurator Andreas Hoppenrath, Referatsleiter Technik und Restaurierung beim LWL-Industriemuseum, erklärt.

Dabei gibt es einige spannende Fragen zu klären: Zum Beispiel, aus welchem Material der Vogel besteht. Der Adler ist eine Rekonstruktion aus dem Jahr 1987, wie Hoppenrath berichtet. Das Original hat den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden. Gefertigt wurde der Doppelgänger aus glasfaserverstärktem Kunststoff, so viel steht fest. „Was es genau ist, müssen wir jetzt erst untersuchen“, sagt Hoppenrath. Schließlich müssen die Materialien für die Restaurierung genau darauf abgestimmt werden.

Wann kehrt der Adler zurück?

Wahrscheinlich wird der Adler für seine Wiederaufbereitung noch in die Werkstätten des LWL nach Dortmund reisen. Wann er wieder hoch zu seinem angestammten Platz „fliegen“ wird, steht noch in den Sternen. Die Verantwortlichen hoffen, dass es nächstes Jahr soweit sein wird.

Dann steht übrigens eine ähnliche Aktion am Unterwasser, dem unteren Vorhafen, an: Dort gibt es einen gleichartigen Übergang und auch eine Wappenkartusche, die restauriert werden muss, ein Schiff der Hanse, die sogenannte Hansekogge.

Über die Autorin
Redakteurin Ostvest
Jahrgang 84, gebürtige Recklinghäuserin, nach dem Studium im Münsterland und journalistischer Ausbildung im östlichen Ruhrgebiet seit 2016 wieder im Vest im Einsatz. Seit 2018 Mutter eines kleinen Wirbelwinds und seit einiger Zeit wieder zurück aus der Elternzeit. Immer ein offenes Ohr für Menschen und ihre Geschichten. Denn die gehören in die Zeitung.
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