Das Schlüters ist gleich zwei Mal abgerissen worden

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Schlüters? Schlüters! Das Schlüters ging eigentlich immer, man musste nur wissen, wann man hinging. Die Kneipe war Kult. Auch wenn sie gleich zwei Mal abgerissen worden ist.

Castrop-Rauxel

, 02.03.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

An lauen Sommerabenden lockte der gemütliche Biergarten. War es draußen eher frisch, wurde es an den Wochenenden oft gerappelt voll rund um den langen Tresen der Traditionskneipe. Teils in dritter Reihe warteten die Durstigen vorm Tresen auf Getränke - so kam man ins Gespräch.

Rund 100 Jahre soll es den Laden an der Holzstraße, unter verschiedenen Namen und Pächtern, gegeben haben. Zuletzt hieß er Schlüters, bis 2003 die Abrissbagger anrollten und das alte Gebäude dem Erdboden gleich machten. Heute stehen dort Wohnungen.

Pächter und Namen wechselten regelmäßig

Vor der Schlüters-Zeit war die Kneipe an der Holzstraße bereits den Schülern von Ernst-Barlach-Gymnasium und Willy-Brandt-Gesamtschule ein Begriff. Zeitweise sagte man, man geht zu Kempers. Die Pächter hinter den Namen wechselten öfter mal. Vielen Kneipenbesuchern mag der Laden an der Holzstraße vor allem als Herbies im Gedächtnis geblieben sein.

Ein besonderer Reiz des Schlüters bestand gerade darin, ein sehr gemischtes Publikum zu haben. „Da war für jeden etwas dabei“, sagt Jenny Kretschmann, letzte Pächterin der Traditionskneipe, „für Alt und Jung, ob 16 oder 80. Da hat am Tresen der Zahnarzt neben dem Arbeitslosen gesessen. Das war kunterbunt gemischt. Egal, welcher Partei man angehörte, am Tresen waren alle gleich.“ Und der Biergarten wirkte wie ein Magnet auf Familien.

Viele vertraute Gesichter begegneten den Gästen

Tatsächlich war es schwierig, durchs Schlüters zu laufen, ohne auf vertraute Gesichter zu treffen. Dort kannte man sich: Aus Proberäumen, aus Sportvereinen, aus der Schule oder sogar aus anderen Kneipen.

An der Holzstraße erinnert heute nichts mehr an die Traditionkneipe mit Biergarten, Die alten Buchen mussten Wohunugen weichen. Zuvor hatten Kneipe und Bäume über 100 Jahre gestanden.

An der Holzstraße erinnert heute nichts mehr an die Traditionkneipe mit Biergarten, Die alten Buchen mussten Wohunugen weichen. Zuvor hatten Kneipe und Bäume über 100 Jahre gestanden. © Christian Püls

Legendär waren die Partys zu Karneval, Halloween oder St. Patricks Day. Und die Wirte spielten so manches Mal mit, wenn Gäste einen besonderen Partywunsch hatten. „In der Mitte der 90er-Jahre, als die Star-Trek-Kinofilme erstmals im Fernsehen liefen, hat es sich unter den Trekkies eingebürgert, dass wir uns im Schlüters treffen“, sagt Ulli Müller, den heutzutage viele Castrop-Rauxeler aus dem Jugendzentrum Bogis kennen. Im hinteren Raum, wo damals Billardtisch und Flipper standen, verfolgten die Fans das Geschehen auf dem Bildschirm - standesgemäß gekleidet in Next-Generation-Uniformen. Science Fiction in der Traditionskneipe.

Futuristische Getränke waren gefragt

Und auch bei den Getränken sorgte man für eine gewisse futuristische Atmosphäre. „Wir haben da sogar extra Rezepte entwickelt“, so Müller, „Andorianisches Ale haben wir beispielsweise aus Zitronenlimonade und alkoholfreiem Blue Curacao zusammengemischt.“

Trekkie-Partys sind aber die nicht die einzige Gelegenheit, die Müller mit einer gewissen Wehmut an die Kneipe an der Holzstraße denken lässt. „Das war eine echte Mehrgenerationenkneipe. Und der Biergarten war ganz toll, mit seinen hundertjährigen Buchen. Heute erinnert nichts mehr daran.“ Die Bäume verschwanden mit dem Gebäude. Heute stehen Mehrfamilienhäuser auf dem Grundstück.

Vier Jahre vor dem Abriss war sie Chefin im Schlüters

Jenny Kretschmann begann in der Schlüters-Küche, damals unter Pächter Marc Langhorst. „Er ist dann rausgegangen und ich wollte nicht, dass der Laden zumacht“, so Jenny Kretschmann, „dann kam die spontane Idee, selbst die Kneipe zu übernehmen.“ Nach längerem Hin- und Her-Überlegen zog sie den Plan durch. Vier Jahre vor dem Abriss war sie Chefin im Schlüters.

Das Publikum war da, das Konzept lief, also konnte sie sich auf ein paar kleine Renovierungsarbeiten beschränken. „Wir haben das Schlüters damals so übernommen, mit Publikum und allen drum und dran“, erinnert sich Marcus Liedschulte, der damals dort gearbeitet hat, „nur in der Küche haben wir zusätzlich vegane und vegetarische Sachen angeboten, heute wäre das wohl der Renner.“

2003 dann das Ende. An einem Freitagabend wurde das letzte Fass gelehrt. Schon bald sorgte der Abriss für das unwiederbringliche Ende der Traditionskneipe - aber nicht für das Ende des Schlüters.

Und dann kam das Schlüters im Exil...

Unter dem Namen SIX, Schlüters im Exil, siedelten sich Jenny Kretschmann und Marcus Liedschulte, der nun als Pächter unterschrieb, an der Wartburgstraße 18 an. Zwischen Hauptbahnhof und Rüttgers, direkt neben dem K+K-Supermarkt. Doch die Lage und die vergleichsweise geringe Größe der neuen Räumlichkeiten schreckten wohl einige ehemalige Stammkunden ab. „Die Leute waren verwöhnt, vom ruhig gelegenen Biergarten, statt an der Hauptstraße zu sitzen“ erklärt Jenny Kretschmann, „es war trotzdem lustig.“

Freier Blick auf Rüttgers, bevor der Supermarkt seine Parkfläche erweiterte, stand dort ein Haus. Von 2003 bis 2007 befand sich im Erdgeschoss das SIX, das Schlüters im Exil.

Freier Blick auf Rüttgers, bevor der Supermarkt seine Parkfläche erweiterte, stand dort ein Haus. Von 2003 bis 2007 befand sich im Erdgeschoss das SIX, das Schlüters im Exil. © Christian Püls

Das SIX-Publikum war in der Folge weniger durchmischt. Der Laden entwickelte sich eher zu einem Treffpunkt der linksalternativen Szene. „Das ältere Publikum ist nicht mitgekommen“, sagt Marcus Liedschulte, „dadurch ist das ein wenig zum Teenie-Treffpunkt geworden.“ Die Jugendlichen hätten sich zum Teil im benachbarten Supermarkt mit Bier versorgt, um es auf dem Parkplatz zu trinken. Vom SIX wurden indes nur die Toiletten genutzt. „Eigentlich sollte das SIX nur eine Übergangslösung sein“, sagt Marcus Liedschulte.

... und wurde nach vier Jahren auch abgerissen

Dennoch konnte sich das Schlüters im Exil vier Jahre halten, bevor es seine Türen schließen musste. Und das nicht wegen mangelndem Erfolg, sondern weil erneut der Abrissbagger anrückte. „Zwei Wochen nach Vertragsunterschrift haben wir erfahren, dass das Haus unter Zwangsverwaltung steht“, so Liedschulte. Nach dem Abriss erweiterte der Supermarkt seine Parkfläche. Und das Schlüters war endgültig Geschichte.

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