Das heutige Deininghausen entstand in den 60er-Jahren: In der Mitte ein Quadrat mit Mietshäusern, drumrum der Speckgürtel. Für Ilona Wild damals das Paradies. Es hat sich einiges verändert.

Deininghausen

, 23.03.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das Herz von Deininghausen ist der Bärenplatz. Hier ist mit der „Oase“ der einzige Nahversorger, daneben eine Fahrschule, die Sparkasse (ohne Mitarbeiter), das leer stehende Schlecker-Gebäude und das Begegnungszentrum „Dein Treff“. Hier finden regelmäßig Aktionen für die Deininghauser statt. Zweimal in der Woche ein Frühstück, Frauen-Gesprächskreise und Spielenachmittage.

Am Tisch sitzen Ilona Wild, das Ehepaar Kinac und Stadtteilmanager Manfred Herold. Die vier schwören auf ihren Stadtteil und kämpfen gegen den schlechten Ruf: „Das ist meine Heimat, ich habe meine Familie hier und fühle mich wohl“, erklärt die 61-jährige Ilona Wild. Mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern und den fünf Geschwistern in eine der neuen 80-Quadratmeter-Wohnungen gezogen. „Das war wie der Jackpot im Lotto“, erzählt sie. Damals herrschte Wohnungsnot, die Großwohnsiedlung wurde neben den Bauern (Hof Dingebauer, Menken und Drumann sind noch dort angesiedelt) neu errichtet - und man gab sich mit wenig Platz zufrieden. Es gab einen Supermarkt, einen Metzger und die Post. Das ist alles Vergangenheit.

Das Zentrum von Deininghausen ist der Bärenplatz mit der Fahrschule, dem Lebensmittelgeschäft „Deine Oase“, dem leer stehenden Schlecker-Gebäude und der Begegnungsstätte „Dein Treff“ (beides nicht im Bild).

Das Zentrum von Deininghausen ist der Bärenplatz mit der Fahrschule, dem Lebensmittelgeschäft „Deine Oase“, dem leer stehenden Schlecker-Gebäude und der Begegnungsstätte „Dein Treff“ (beides nicht im Bild). © Iris Müller

Dr. Sonja Hnilica, die an der TU Dortmund die Professur Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung innehat, erklärt auf Anfrage: „Die Siedlung ist total durchdacht, funktioniert aber nicht mehr, weil sie so, wie sie ursprünglich geplant war, nicht mehr genutzt wird.“ Damals seien die Wohnungen belegt gewesen, die Kinder gingen alle in die Grundschule im Ort und die Erwachsenen kauften die Dinge des täglichen Bedarfs direkt in Deininghausen. Irgendwann seien die Kinder groß geworden und weggezogen. Die Grundschule schloss. Zurück blieben die Erwachsenen. In die Geschosswohnungen investierten die Wohnungsgesellschaften lange Zeit wenig. Der preisgünstige, aber hochgradig sanierungsbedürftige Wohnraum wurde zunehmend von Mietern mit finanziellen Problemen bezogen.

Was würde man heute bei der Planung anders machen? An ein paar Stellschrauben könne man nicht drehen, sagt Expertin Sonja Hnilica: „Wenn die Konjunktur in der Gegend besser wäre, hätte es mit der Siedlung besser geklappt.“ Beim Handel habe es einen tiefgreifenden Kulturwandel gegeben. Die Menschen gehen heute eher in große Supermärkte als in kleine Tante-Emma-Läden. Und dennoch: „Man baut heute eher gemischte Quartiere“, so Hnilica. Man versucht, dass Wohnen, Arbeiten, Kultur und Naherholung auf engerem Raum sind. „Wenn dann ein Aspekt wegbricht, kann man das besser kompensieren“, erklärt Hnilica, die die Schließung der Grundschule in Deininghausen als Knackpunkt sieht.

Und dennoch - Emine Kinac sagt: „Ich würde hier nicht wegziehen.“ Sie wohnt seit 28 Jahren in Deininghausen und kümmert sich mit ihrem Mann um den Stadtteilgarten. Sie ist überall zu finden, wo Ehrenamtliche gebraucht werden. Beispielsweise beim jährlichen Kinderfest auf dem Bärenplatz. Emine und Mevlüt Kinac haben ihre drei Kinder in Deininghausen groß gezogen. Für die Jüngsten biete der Stadtteil alles, was man braucht: eine Kindertagesstätte, einen Spielplatz und das Wildgehege im Grutholz. Doch aus Kindern werden Leute - und dann lässt das Angebot zu wünschen übrig. Nicht nur wegen der fehlenden Grundschule. Jugendliche können in Deininghausen nicht viel unternehmen. Vier Punkte von möglichen zehn gab es dafür in unserer Umfrage im Stadtteilcheck. „Wir haben keinen Sportverein im Ort“, klagt Manfred Herold. Ins Jugendzentrum gehen die Kinder, bis sie ungefähr zwölf Jahre alt sind. Dann nicht mehr.

Herold selbst wohnt im Speckgürtel außerhalb des Mietshaus-Quadrats; in einem Zweifamilienhaus mit Blick auf den Kiosk. „Im Sommer treffen sich dort 20 Leute und mehr“, erzählt er. Das sei manchmal grenzwertig störend, grundsätzlich gebe es aber wenig Probleme mit Kriminalität in Deininghausen. Das war in den 70er-Jahren ganz anders. Die Deininghauser geben der Kategorie Sicherheit beim Stadtteilcheck 6 Punkte - 7 ist allerdings der städtische Durchschnitt.

Viele wünschen sich, dass eine Lösung für den ehemaligen Schlecker gefunden wird. Emine Kinac: „Man könnte dort super eine kleine Promenade mit Imbiss, Café und Eisdiele errichten.“ Manfred Herold winkt jedoch ab. Das 360-Quadratmeter-Ladenlokal sei komplett marode. Es müsste eigentlich abgerissen werden. Doch ein Abriss kostet Geld. Die Nachfrage regelt das Angebot. Angedacht war auch schon ein Pflegedienst und ein Geschäft für Hundenahrung. Aus dem wird wohl nichts. Eigentümer Dr. Jens Wengeler sagt, es gebe derzeit keine Interessenten.

Die ehemalige Schlecker-Immobilie in Deininghausen.

Die ehemalige Schlecker-Immobilie in Deininghausen. © Iris Müller

Wer einkaufen gehen muss, fährt meist zum Discounter an der Pallasstraße. Das Nötigste gibt es in der „Oase“ am Bärenplatz, aber eben nur das. Für Senioren, die in Deininghausen wohnen, ist es grundsätzlich mühsam (4 Punkte im Check); auch wer einen Arzt oder eine Apotheke braucht, muss raus aus dem Stadtteil. Der Bus fährt zweimal die Stunde. Emine Kinac hat auch oft keinen fahrbaren Untersatz, doch sie ist eine Frohnatur: „Ich musste noch nie den Bus nehmen, wenn ich einkaufen war. Mich hat noch immer irgendeine Bekannte aus Deininghausen eingesammelt und mitgenommen.“ Der letzte Bus vom Münsterplatz fährt um 22.18 Uhr nach Deininhausen. Das kritisiert ein junger Teilnehmer des Stadtteilchecks.

Aktuell saniert das Wohnungsunternehmen Vonovia nach und nach die vierstöckigen Mietshäuser. Einige sind fertig, andere eingerüstet. Herold prophezeit: „Das Gesicht Deininghausens wird sich verändern.“ Denn wenn Vonovia fertig ist mit sanieren, werden die Mieten steigen. Das werden sich viele dann nicht mehr leisten können.

Das wurde positiv bewertet

Grünflächen : Volle Punktzahl für Deininghausen; 10 von 10 Punkten. „Mit mehr Grün lebt man in Castrop-Rauxel nirgendwo“, glaubt Ilona Wild und meint damit das Waldgebiet Grutholz mit dem vier Hektar großen Wildgehege, in dem Pfaue, Dam- und Sikawild leben. Angrenzend ist der große Spielplatz mit Mini-Trampolin, Rutsche, Klettermöglichkeiten und Bolzplatz. Auch der Dingebauer zieht immer wieder Familien an, die die Tiere besuchen.

Das Wildgehege im Grutholz ist Anziehungspunkt für Jung und Alt. Wer gerne wandert oder Rad fährt, ist im Grutholz ebenfalls richtig.

Das Wildgehege im Grutholz ist Anziehungspunkt für Jung und Alt. Wer gerne wandert oder Rad fährt, ist im Grutholz ebenfalls richtig. © Iris Müller

Radfahren: Das ist die zweite Kategorie, in der Deininghausen mit 9 Punkten besser abschneidet als der städtische Durchschnitt (7). Mountainbiker empfehlen eine Runde durch das Grutholz und dann den Rieperberg hinauf. Ansonsten geht es vom Grutholz durch den Beerenbruch Richtung Ickern, Freibad oder zum Deininghauser Bach. Auch die Querverbindung der „Grünen Acht“ führt durch Deininghausen.

Deininghausen: Viel Grün, kaum Infrastruktur - Kneipe, Metzger und Post sind lange weg

Das wurde negativ bewertet

Gesundheit : In dieser Kategorie stürzt Deininghausen ab: 3,5 Punkte - der städtische Durchschnitt ist 8. Das liegt daran, dass es weder Arzt noch Apotheke im Stadtteil gibt. Die nächste Apotheke ist an der Pallasstraße in Dorf Rauxel. Dort sind auch Ärzte. In Richtung Westen ist hinter dem Grutholz das Evangelische Krankenhaus. Doch Emine Kinac sagt: „Ich wünsche mir einen Arzt hier im Stadtteil.“ 2006 nahm das Land NRW Deininghausen in das Programm „Soziale Stadt NRW“ auf - ein Programm für Orte, die unter dem Strukturwandel leiden. Bis 2011 gab es Fördermittel, mit denen verschiedene Projekte umgesetzt wurden. Manfred Herold: „Im Zuge dessen haben wir auch versucht, einen Arzt nach Deininghausen zu holen.“ Letztendlich habe es aber Probleme mit der Ärztekammer gegeben, und das Vorhaben konnte nicht umgesetzt werden.

Gastronomie : Auch hier sammelt Deininghausen nur 3 Punkte - halb so viele wie der städtische Durchschnitt. Die Gründe liegen auf dem Tisch im Begegnungszentrum „Dein Treff“. Zusammen mit der Siedlung ist in den 60er-Jahren in diesen Räumen eine Kneipe entstanden, die später „Bummelzug“ hieß. Vor 15 Jahren machte sie dicht. Und dann war da der Lindenhofpark - ein gut bürgerliches Restaurant, direkt an Wanderwegen und Radfahrstrecken. Ein Pfund, mit dem Deininghausen wuchern konnte. Die Eheleute Marlene und Klaus Schwarz schlossen den Gasthof 2015 nach mehr als 35 Jahren. „Das war richtig schnuckelig dort“, erinnert sich Ilona Wild. Das Gebäude steht leer, soll aber nach Angaben des Besitzers in diesem Jahr wieder vermietet werden. Auch Emine Kinac ist sehnsüchtig: „Was Gediegenes fände ich schön.“ Ein Lichtblick ist die Pizzeria Bambino in der Kleingartenanlage an der Nierholzstraße. Seit vergangenem Jahr kann man dort essen und draußen sitzen.

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Sport: „Wir haben keinen Sportverein“, bringt es Manfred Herold auf den Punkt. Das spiegeln die 4 Punkte (stadtweit 7) im Stadtteilcheck wieder. Suad, der 15-jährige Sohn des Ehepaars Kinac, ist lange zum SC Wacker Obercastrop gefahren und hat dort Fußball gespielt. Im Zuge der sozialen Stadt NRW gab es mal eine Frauensportgruppe. Das endete jedoch, als die Übungsleiterin aufgehört hatte. „Mit Kerstin oder gar nicht“, hätten die Frauen gesagt, erinnert sich Herold. Wer in Deininghausen Sport treiben möchte, muss also die Laufschuhe schnüren oder das Fahrrad aufpumpen und in den Wald gehen.

Mit diesem Schild werden Besucher und Bewohner in Deininghausen begrüßt.

Mit diesem Schild werden Besucher und Bewohner in Deininghausen begrüßt. © Iris

Das Ehepaar Kinac gibt nicht auf. Sie hegen und pflegen den Stadtteilgarten in Deininghausen. In den nächsten Wochen wird hier Rasen gesät und gepflanzt. Doch sie sind weitestgehend Alleinkämpfer. „Die Menschheit wird etwas träge“, so Emine Kinac. Fragt man Manfred Herold nach seinen Wünschen für den Stadtteil sagt auch er: „Wenn mehr Menschen bereit wären, ehrenamtlich tätig zu werden, könnte man noch mehr machen.“

Stadtteilchronik

Als Großwohnsiedlung geplant
Marianne Scheer im Wildgehege im Deininghausener Grutholz Ende der 90er-Jahre. Die Vorsitzende des Fördervereins ist hier schon seit vielen, vielen Jahren tätig im Sinne der Tiere und der Kinder, die sich daran erfreuen.

Marianne Scheer im Wildgehege im Deininghausener Grutholz Ende der 90er-Jahre. Die Vorsitzende des Fördervereins ist hier schon seit vielen, vielen Jahren tätig im Sinne der Tiere und der Kinder, die sich daran erfreuen. © Helmut Orwat

Deininghausen wurde zum ersten Mal um 1150 im Heberegister des Klosters Werden erwähnt. Der Ort entstand jedoch vermutlich zwischen 600 und 800 nach Christus. Im Jahr 1928 wurde Deininghausen in die Stadt Castrop-Rauxel eingemeindet. Heute ist der Bahndamm der „Westfälischen Eisenbahn“ teilweise erhalten. Aktiv bestand er nur von 1880 bis 1884. Der heutige Ortskern entstand zwischen 1965 und 1967 als Großwohnsiedlung und war für 3000 Einwohner geplant. Den Kern bilden vierstöckige Häuser.

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