Der Klang von Tschernobyl: Lars Kappeler (41) macht Tonaufnahmen am Katastrophen-Reaktor

mlzGothic-Musiker

33 Jahre nach der Reaktor-Katastrophe reist Gothic-Musiker Lars Kappeler aus Castrop-Rauxel an einen Ort, der über Nacht traurige Berühmtheit erlangte. Den Geigerzähler hat er immer dabei.

Castrop-Rauxel

, 25.01.2020, 16:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Rund 33 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe macht sich Lars Kappeler auf die Reise zum Katastophen-Reaktor in die heutige Ukraine. Aus dem noch immer verstrahlten Sperrgebiet bringt der in Castrop-Rauxel geborene Gothic-Musiker Aufnahmen für künftige Produktionen mit. Der 41-Jährige schildert Eindrücke aus einer Geisterstadt.

Prypjat heißt der Ort eigentlich, wo sich einst die Katastrophe ereignete. In der Nacht zum 26. April 1986 kam es in Block 4 zur Explosion des Reaktors. Die 50.000-Einwohner-Stadt Prybjat nahe dem Kernkraftwerk Tschernobyl war 1970 für die Belegschaft entstanden. Die Einwohnerzahl heute: null.

Vor Ort gab es damals Tote und Verletzte. Und in Castrop-Rauxel fürchtete man sich vor der Radioaktivität, die im rund 1700 Kilometer entfernten Prypjat in die Atmosphäre gelangte. Der eiserne Vorhang – so viel war klar – würde die radioaktive Wolke nicht aufhalten. Was sie enthielt, bereitete den Menschen auf der ganzen Welt Sorgen.

Kindheitserinnerungen an die Katastrophe

Damals sah der heute 41-jährige Kappeler die Bilder aus Tschernobyl in Ickern über den Fernsehschirm flimmern. „Kinder durften nicht draußen spielen, man sollte keine Pilze essen“, schildert Kappeler seine Erinnerungen im Gespräch mit der Redaktion. „Damals war mir klar, es ist was Schlimmes passiert. Das wirkliche Ausmaß, habe ich erst viel später begriffen.“

Die radioaktive Strahlung ist nach 33 Jahren keineswegs aus Prybjat oder Tschernobyl verschwunden. Noch immer gibt es neuralgische Punkte, die Menschen unbedingt meiden sollten. Doch Kappeler hat sich gut auf die Reise vorbereitet.

So steht Kappeler im Kühlturm des Unglücksreaktors. Die grauen Wände recken sich wie ein Bergmassiv in den Himmel. Er klatscht in die Hände, die Wände reflektieren das Geräusch. Diese sogenannten Impulsantworten zeichnet er auf. Dazu dient ihm ein Field-Recorder, ein robustes, professionelles Mehrkanal-Gerät für Außenaufnahmen.

Der Klang von Tschernobyl: Lars Kappeler (41) macht Tonaufnahmen am Katastrophen-Reaktor

Der Wald in der Nähe des Unglücksreaktors. Seine rote Färbung gilt als Folge der Katastrophe von 1986. © Kappeler

„Der Hall im Kühlturm ist gigantisch“, sagt Kappeler, „aufgrund seiner Dimensionen sind es dort recht späte erste Reflexionen; ein diffuser Nachhall, der aus allen Richtungen kommt, und starke spätere Reflexionen, die schon fast ein Echo sind.“ Impulsantworten sind sozusagen ein Fingerabdruck der jeweiligen Raumakustik. Einem Schwimmbad, einer Sporthalle und einer Schulaula entlockte Kappeler ebenfalls ihre Hall-Charakteristik. „Ganz besonders gut war auch eine Impulsantwort aus einer Holzkirche.“

Umweltgeräusche in der Musik und im Film

Geräusch eines Stahlseils im Star-Wars-Film

  • Umwelt- und Umgebungsgeräusche in Musik– oder Filmproduktionen sind nicht neu. Immer wieder findet man sie in populären Werken.
  • So entstammt das Geräusch der Handfeuerwaffen (Blaster) im ersten Star-Wars-Film einem Stahlseil, das durch einen Schlag in Schwingung versetzt wurde. Die Aufnahme davon wurde elektronisch nachbearbeitet, bis der gewünschte Klang erreicht war.
  • Das Schweizer Duo Yello (The Race) benutzte indes das Geräusch einer Orange, die gegen eine Tür geworfen wird, für eine Musikproduktion. Dies sind nur zwei von unzähligen Beispielen für Umweltgeräusche in der Populärkultur.

Im heimischen Studio will er die Aufnahmen aus der Ukraine in seine eigene Musik einfließen lassen. Spielt er in seinem Bochumer Studio etwas ein, lässt sich die Aufnahme mit den aufgezeichneten Raumakustiken aus Prybjat und Tschernobyl belegen. So klingt es, als seien die Aufnahmen dort entstanden.

„Dieser Ort ist Modern Gothic“

„Mir ist völlig klar, dass man später nicht heraus hört, woher diese Raumakustik stammt“, erklärt Kappeler, „ich baue gerne versteckte Sachen in meine Musik ein.“ Das sei aber kein musikalischer Gag, betont er. „Dieser Ort interessiert mich und inspiriert mich für meine Musik, die eher düster ist“, sagt Kappeler. „Dieser Ort ist Modern Gothic – schön und creepy zugleich.“

Kappeler spielt Bass in der Gothic-Band Sweet Ermengarde. Bei October Burns Black – einem Gothic-Allstar-Projekt – arbeitet er als Gitarrist mit Schlagzeuger Simon Rippin zusammen. Eine gewisse Faszination für Tod und Vergänglichkeit gehört zu den tragenden Elementen der Gothic-Subkultur.

„Manche Leute machen halt Urlaubsfotos, ich nutze die Sounds in meinen musikalischen Werken, für mich gehört das zum kreativen Schaffensprozess“, so Kappeler, „das sind einzigartige Sounds, die nicht schon hunderttausendfach in bestimmten Musikproduktionen aufgetaucht sind.“

Der Klang von Tschernobyl: Lars Kappeler (41) macht Tonaufnahmen am Katastrophen-Reaktor

Helden von Stalingrad heißen die beiden höchsten Gebäude in Prypjat, der Stadt, die einst rund um den Tschernobyl-Reaktor errichtet wurde. Lars Kappeler steht auf einem der Gebäude, das zweite ist im Hintergrund zu sehen. © Kappeler

Stille wiederum sei in der Umgebung des Unglücksreaktors ein Erlebnis. „Es gibt keinen Zivilisationslärm, nur das Rauschen der Blätter, was man sonst aus einer Stadt nicht kennt. Die Häuser wachsen zu“, schildert Kappeler seine Eindrücke aus Prybjat.

Das eigentliche Tschernobyl, der Ort, dem das Kernkraftwerk seinen Namen verdankt, liegt nur wenige Kilometer südlich. „Eine Geisterstadt, ab 22 Uhr herrscht Ausgangssperre, wir waren im Hotel, da herrscht Totenstille. Man hört nur verwilderte Hunde jaulen, die dort zu Hunderten herumlaufen. Die Geräusche der Hunde habe ich auch aufgenommen.“

Den Geigerzähler immer dabei

In Tschernobyl selbst, das einst 14.000 Einwohner beherbergte, ist noch rund ein Viertel der Häuser bewohnt, bietet Ingenieuren und Wissenschaftlern Unterschlupf. Der unversehrte Block 3 ging erst 2000 außer Betrieb.

Kappelers ständige Begleiter in der Katastrophenregion waren Ehefrau Sarah und Daniel Schweigler (Sänger von Sweet Ermengarde). Und natürlich ein Geigerzähler, zur Messung der Strahlung vor Ort.

Der Klang von Tschernobyl: Lars Kappeler (41) macht Tonaufnahmen am Katastrophen-Reaktor

Der 41-jährige Kappeler vor dem Riesenrad in Prypjat. Der dazugehörige Rummelplatz sollte eigentlich am 1. Mai 1986 eröffnet werden. Doch dazu kam es nie. In der Nacht zum 26. April kam es zur Reaktor-Katastrophe. Die Stadt wurde am 27. April 1986 evakuiert. © Kappeler

„Wir waren zwei Tage in der verstrahlten Zone“, sagt Kappeler, „wir hatten stets Messgeräte dabei; dennoch ist es auch immer ein kleines Rechenspiel, wie lange man sich wo aufhalten kann.“ Es ist ein kalkuliertes Risiko, eine Matheaufgabe.

„Es gibt zwei Faktoren. Die direkte Wucht der Strahlung und die Dauer, wie lange man sich dort aufhält“, erläutert Kappeler. Nur das Messgerät zeigt die Strahlendosis an. Radioaktivität ist tückisch. Man sieht sie nicht, hört sie nicht, riecht sie nicht, schmeckt sie nicht.

Manche Orte in der Nähe des Katastrophenreaktors müssen Menschen gänzlich meiden, so Kappeler: „In einem Keller liegt die Kleidung von den Feuerwehrleuten, die zuerst am Reaktorgebäude waren. Oder man sieht den Platz mit den Fahrzeugen, die man zuerst eingesetzt hat, um die Stadt zu dekontaminieren.“ Am Hafen von Prypjat floss damals das ganze radioaktiv versuchte Wasser entlang.

40 Mikrosievert pro Stunde gemessen

Bis zu 40 Mikrosievert pro Stunde hat das Trio auf seiner Reise gemessen. Am Kühlturm waren es 6,6 Mikrosievert pro Stunde. Und 1,5 Mikrosievert pro Stunde in Nähe des Katastrophenreaktors. „Im Flugzeug bekommt man mehr Strahlung als 1,5 Mikrosievert ab“, erklärt Kappeler, „auch 40 Mikrosievert sind nicht unmittelbar schädlich.“ Der Grenzwert für Mitarbeiter in deutschen Atomkraftwerken liegt bei 20 Millisievert, also 20.000 Mikrosievert – allerdings pro Jahr.

Der Klang von Tschernobyl: Lars Kappeler (41) macht Tonaufnahmen am Katastrophen-Reaktor

An der Radarstation Duga 1 nahm Lars Kappeler die Windgeräusche an der Metallkonstruktion auf; außerdem Klänge, die entstehen, wenn man gegen das Metall schlägt. © Kappeler

Kappeler arbeitet hauptberuflich als IT-Spezialist im Bereich der Radiologie; sein Vorgesetzter, ein ehemaliger Atomkraftwerk-Mitarbeiter, hat ihn auf die Reise vorbereitet.

Nebenberuflich wirkt Kappeler als Toningenieur und produziert professionelle Musik-Alben. Bei seiner Reise zum Tschernobyl-Reaktor hat er auch bei Duga 1 Station gemacht, einer Radarstation. Dort erstellte er ebenfalls Tonaufnahmen: von den Geräuschen, wenn der Wind durch die Metallkonstruktion weht. Und vom Klang, wenn man auf die Drahtseile schlägt.

„Mal schauen, was ich aus dem Material machen werde“, sagt Kappeler. Gordon Young, Produzent eines November Burns Black-Album, hat bereits einen Vorgeschmack auf Facebook präsentiert. Musikfans dürfen jedenfalls gespannt sein.

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