Der Ordnungsdienst der Stadt stößt auf Drogen, Messer und harten Alkohol

mlzVerstärkung geplant

Bisher sind sie ein Zweier-Team und haben ein Jahr lang Erfahrungen gesammelt: die städtischen Angestellten aus dem Ordnungs-Außendienst. Jetzt soll der Rat die Aufstockung beschließen.

Castrop-Rauxel

, 18.11.2018, 05:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Der Kommunale Ordnungsamts-Außendienst, im Rathaus nur kurz KOD genannt, wird wahrscheinlich verstärkt. Rund 105.000 Euro will sich die Stadtverwaltung zwei weitere Stellen pro Jahr kosten lassen, um die bisher zwei Mitarbeiter, die seit genau einem Jahr vor allem am Wochenende und in den Abendstunden in der Stadt unterwegs sind, zu unterstützen.

Einen etwaigen Antrag bringt die Stadtverwaltung in die politischen Gremien ein, die Ende November darüber beraten und entscheiden sollen. Bürgermeister Rajko Kravanja erklärte gegenüber unserer Redaktion, dass er mit so viel Rückhalt aus der Politik rechne, dass der Stadtrat die Entscheidung schon am 29. November in seiner Sitzung ab 16 Uhr im Ratssaal fällen wird.

Außendienst wurde im November 2017 eingeführt

Der KOD, angegliedert an den Bereich Ordnung und Bürgerservice, wurde im November 2017 eingeführt, um sich auf Streifengänge zu neuralgischen Orten im ganzen Stadtgebiet zu machen. Orten, an denen es regelmäßig zu Ruhestörungen und Vandalismus, den Missbrauch von hartem Alkohol oder Drogenkonsum und -handel kommt: Lambertusplatz, Kulturplatz Leo, Stadtgarten oder der Ickerner Markt und Volksgarten, um einige der einschlägigen Orte zu nennen.

Bei einem Streifengang mit den beiden Ordnungsdienst-Mitarbeitern machte sich Kravanja Anfang November selbst ein Bild von der Arbeit des Gespanns und den Situationen, mit denen sie konfrontiert sind. „Mir war es ein Anliegen, einmal mitzugehen“, sagte Kravanja in einem Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich wollte Zwischenbilanz ziehen und ein Gefühl dafür bekommen, welchen Belastungen die Kollegen da draußen ausgesetzt sind.“ Die Tour sei sehr aufschlussreich gewesen. „Der KOD ist dringend notwendig“, so Kravanja – auch, um den Bürgern, die sich melden, das Gefühl zu geben: „Es kümmert sich jemand um meine Anliegen.“

Kosten lassen sich im Haushalt realisieren

Die Kosten bekomme die Verwaltung, die unter dem Spardiktat des Stärkungspaktes steht, über den Haushalt abgedeckt, so Kravanja: Erzielte und prognostizierte Mehreinnahmen bei Parkgebühren und Knöllchen könnten einen Teil refinanzieren. Kravanja: „Ich gehe davon aus, dass wir eine breite Mehrheit in der Politik bekommen.“

Der Ordnungsdienst der Stadt stößt auf Drogen, Messer und harten Alkohol

Auch im Volkspark Ickern und an der Marktschule ist der Ordnungsdienst im Einsatz. © Foto: Angela Wiese

Bei der sechsstündigen Schicht am Wochenende, die Kravanja begleitete und die gegen Mitternacht endete, stieß man unter anderem auf eine Gruppe von neun Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Ickerner Volkspark, bei der man sowohl Schnaps als auch Drogen fand und die Drogen auch einem 23-jährigen Mann zuordnen konnte. Bei einer anderen Gruppe an der Marktschule habe man zuvor ebenfalls Drogen gefunden, sie konfisziert – allerdings lagen sie auf einer Ecke des Gebäudes und konnten keiner der angetroffenen Personen zugeordnet werden.

Was geht da abends in der Stadt vor sich?

Was geht da abends auf unseren Plätzen und in den Parks ab? Stichwaffen, Drogen, harter Alkohol, konsumiert von Minderjährigen: Ist das der Alltag? In einem Gespräch mit dem Bürgermeister und dem KOD wollen wir das klären.

Am Tisch sitzen neben dem Bürgermeister die beiden Mitarbeiter des KOD, die namentlich nicht erwähnt werden wollen. Sie nennen Zahlen: Seit dem 1. November 2017, als die Streifengänge begannen, waren die beiden Männer an 40 Wochenenden im Einsatz. Sie kamen auf 18 Drogenfunde. Meist handelte es sich um geringe Mengen Cannabis. Sie sprachen gegen 156 Personen Platzverweise aus und setzten sie durch. Es gab acht Festnahmen durch den KOD mit der Polizei. Sie bekamen einen häuslichen Gewaltübergriff mit, den sie direkt an die Polizei weitergaben, als sie ihn feststellten. Sie leisteten dreimal Hilfe bei besonderen Einsatzlagen, bei denen die Polizei sie als Ordnungsbehörde hinzugezogen hat: zum Beispiel beim Hooligan-Treffen auf dem Real-Parkplatz.

Hier die zentralen Passagen unseres Gesprächs im Wortlaut:

  • Rajko Kravanja zur Text-Passage, die den Abend konkret zusammenfasst: „Das sind Sachstandbeschreibungen und Termini, die aus der Polizeisprache kommen und auf die sich die Kollegen verständigt haben. Man muss das weder verharmlosen, noch dramatisieren. Wenn man zum Beispiel Pep findet, dann ist das erst einmal eine Droge, wird auch so beschrieben; das gilt aber auch für Cannabis. Man kann gesellschaftspolitisch bewerten, was schlimmer und was weniger schlimm ist, aber es ist erst einmal eine Zustandsbeschreibung. Dasselbe gilt für den Begriff Stichwaffe: Ob es eine kleine feststehende Klinge ist oder eine riesige Machete, ist erst einmal egal. Die Begrifflichkeit bleibt dieselbe.“

  • Mitarbeiter 1: „In einer Schicht versuchen wir, das ganze Stadtgebiet mit allen Aufenthaltsorten, an denen es mal Probleme gab, zu besuchen. Wir könnten uns einen Klappstuhl nehmen, uns am Lambertusplatz hinsetzen - dann hätten wir da Ruhe. Dann gehen die Leute aber 50 Meter weiter und sitzen am Simon-Cohen-Platz. Wir versuchen also, mehrfach dort zu sein, wo es Probleme gibt. Die Polizei ruft uns während des Dienstes an, wenn sie etwas reinbekommt, gibt uns Hinweise und bietet auch gleich Hilfe an, wenn es Probleme geben sollte.“

Immer mehr harter Alkohol bei Minderjährigen

  • Mitarbeiter 2: „Wir treffen immer auf Gruppen, in denen auch Minderjährige dabei sind, die harten Alkohol mit sich führen – Wodka, Tequila, Jägermeister und so etwas.“

  • Mitarbeiter 1: „Wir prüfen das Alter. In den Gruppen sind immer ein paar Leute dabei, die über 18 Jahre sind, dann dürfen sie Besitzer des harten Alkohols sein. Auch wenn die Weitergabe harten Alkohols an Minderjährige einen Straftatbestand darstellt: Es ist schwer für uns, herauszukriegen, was derjenige konsumiert hat. Nur Bier, Sekt oder Wein? Dummerweise gibt das Gesetz nicht vor, wie viel sie trinken dürfen – 20 oder 2 Bier, das ist schon ein Unterschied. Wir müssen analysieren, ob die Person eine Gefahr für sich selbst ist oder für andere, zum Beispiel, weil sie betrunken auf die Straße laufen könnte. Wir haben Fälle, in denen es um angetrunkene Jugendliche geht, deren Eltern wir anrufen, dass sie sie abholen - bis hin zu: ‚Wir fahren dich nach Datteln in die Kinderklinik zum Ausnüchtern.‘ Dann informieren wir die Polizei und das Jugendamt, das die Maßnahme von uns übernimmt.“

Der Ordnungsdienst der Stadt stößt auf Drogen, Messer und harten Alkohol

Rajko Kravanja ging am 3. November, einem Samstagabend, mit den beiden Mitarbeitern des Kommunalen Ordnungs-Außendienstes auf Streife. Sechs Stunden lang waren sie unterwegs. © Stadt

  • Mitarbeiter 2: „Wir sind nicht päpstlicher als der Papst. Wenn jemand nur ‚angeschossen‘ ist, fragen wir uns: Kann ich ihm zutrauen, dass er den Abend noch gut zu Ende bringt? Oder wenn nur noch zwei Flaschen Bier für eine zehnköpfige Gruppe da sind. Sonst beschließen wir zum Beispiel: ‚Die drei Leute lassen wir abholen.‘ Wenn wir die Eltern nicht erreichen, lassen wir sie zur Polizei mitnehmen.“

Viele haben Messer und Totschläger dabei

  • Mitarbeiter 1: „Wir treffen auf Gruppen von 5 bis zu – in einem Fall – 40 Personen. In dem Fall mussten wir drei Streifenwagen der Polizei anfordern, die dann Personenkontrollen durchgeführt hat. Wir haben festgestellt, dass viele Messer oder Totschläger dabei haben. Dann ist manchmal ein Maß erreicht, bei dem wir die Polizei hinzuziehen müssen.“

  • Mitarbeiter 2: „Wenn ich jemanden abtaste und die Person merkt, dass ich ihr gleich Alkohol oder Drogen abnehme, weiß ich nicht, wie sie reagiert. Da steht der Eigenschutz meiner Person ganz oben. Im ärgsten Fall ist der geplante Rückzug eine Option für uns. Wir haben die Gruppe dann noch im Auge, rufen aber die Polizei.“

  • Mitarbeiter 1: „Mit Waffen angegangen wurden wir noch nicht. Es gab aber die Situation, dass jemand einen Schlagring mit feststehender Klinge in der Hand hatte. Für uns war nicht zu sehen, ob er sie gleich gegen uns einsetzt oder nicht.“

Situation am Leo-Platz in den Griff bekommen

  • Kravanja: „Die Probleme sind aufgelaufen, weil es den KOD vorher nicht gab. Ruhestörungen wurden von der Polizei zwar abgearbeitet, aber die Polizei kann nicht immer überall präsent sein und muss dringendere Einsätze vorziehen. Darum wurden Dinge zum Teil langsamer abgearbeitet. Dass sich die Probleme potenziert haben, glaube ich aber nicht. Dass sich irgendwo eine harte Drogenszene etabliert habe, weil wir keinen Ordnungsdienst hatten, wüsste ich nicht. Das hatte die Polizei im Griff. Aber natürlich sind wir jetzt schneller und präventiver im Einsatz. Wir haben die Situation am Leo in den Griff gekriegt – auch dadurch, dass die Kollegen da waren und uns zum Beispiel für den Zaunbau Tipps gegeben haben.“

  • Mitarbeiter 2: „Ich habe mal gedacht, dass es Stadtteile gibt, zu denen man gar nicht muss. Klar, es gibt Gegenden, da ist es ruhiger – in Becklem passiert weniger als in Castrop oder in Rauxel. Das ist aber der Größe geschuldet. In jedem Stadtteil haben wir unsere Ecken. Durch den Busbahnhof ist in Castrop aber mehr los als zum Beispiel in Frohlinde.“

Jugendarbeit der Stadt ist immens wichtig

  • Kravanja: „Die andere Seite ist der sozialpolitische Ansatz: Inwiefern bekommen wir das Problem in den Griff? Das bekommen wir über die präventive Seite, die aufsuchende Jugendarbeit und die Arbeit in den Jugendzentren, hin. Man braucht beides. Ohne das Instrument des Ordnungsdienstes kann es nicht funktionieren.

  • Mitarbeiter 1: „Mit zwei Mann alle Probleme bei 75.000 Leuten abzustellen, ist unrealistisch. Wir haben den Job angetreten, weil wir wussten, dass es der erste Schritt ist. Das erste Jahr war für alle ein Lernprozess, für Politik, Verwaltung, das Ordnungsamt. Wir haben versucht, zu zweit alles zu schaffen. Wir haben einiges geschafft, aber das kann nur ein erster Ansatz sein. Ich würde den Job auf jeden Fall wieder machen. Mir macht es Spaß – nicht, nachts Leute festzusetzen, sondern zu sehen, was man geschafft hat.“
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