Der Wochenmarkt: Ein Tante-Emma-Laden unter freiem Himmel in Zeiten des Internethandels

mlzKolumne „Schroeter denkt“

Der Wochenmarkt ist ein absoluter Anachronismus in Zeiten, da sich der Mensch lieber von Amazon, dem Paketboten und dem Pizzadienst zu Hause versorgen lässt. Warum heute noch Wochenmarkt?

Castrop-Rauxel

, 25.03.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie passt in diese Zeit noch ein Wochenmarkt? Der ist, der Definition der Gewerbeordnung des Bundesministerium des Inneren folgend, „eine regelmäßig wiederkehrende, zeitlich begrenzte Veranstaltung, auf der eine Vielzahl von Anbietern eine oder mehrere der folgenden Warenarten feilbietet: Lebensmittel mit Ausnahme alkoholischer Getränke (sofern sie nicht aus selbstgewonnenen Erzeugnissen des Weinbaus, der Landwirtschaft oder des Obst- und Gartenbaus hergestellt wurden), Produkte des Obst- und Gartenbaus, der Land- und Forstwirtschaft und der Fischerei, rohe Naturerzeugnisse mit Ausnahme größeren Viehs.“

Eine erweiterte Wochenmarkt-Definition, die man gut als Satire interpretieren könnte, liefert übrigens die Wikipedia und belegt damit wieder einmal, dass man diese Wissensplattform nicht gerade als Hort der uneingeschränkten Weisheit verstehen sollte: „(…) Typisch sind auch der Verkauf von Blumen und anderen Zierpflanzen sowie mindestens ein Imbisswagen pro Markt. Ein Wochenmarkt ist zudem ein Treffpunkt für Bewohner der Umgebung; in der Zeit vor der Erfindung des Telefons war diese Funktion wichtiger als heute.“

Das klingt alles sehr nostalgisch und altbacken

Beide Definitionen klingen schon in der Wortwahl so nostalgisch, wie sich der Wochenmarkt insgesamt anfühlt, wenn man ihn einmal aus der Distanz unter die Lupe nimmt und mit anderen Einkaufssituationen der Jetztzeit vergleicht:

  • Da werden tatsächlich zwei- oder dreimal die Woche Marktstände aus Metallstangen, Holzbohlen und möglichst gestreiftem Segeltuch bei Wind und Wetter unter freiem Himmel aufgebaut.
  • Der Kunde steht an Markttagen oft genug im Regen oder in der prallen Sonne, je nach Jahreszeit.
  • Zumeist findet der Wochenmarkt auf Plätzen oder Plätzchen statt, die von der öffentlichen Hand eigens für diesen Zweck hergerichtet wurden (gut, in Castrop ist das jetzt anders, aber das ist ja auch Castrop…).
  • An den Marktständen werden Waren zumeist lose angeboten. Ohne Plastikumhüllung.
  • Das Bargeld, das der Kunde bezahlt, wandert in der Regel in eine schlichte Geldkassette. Kartenzahlung, Handyzahlung? Fehlanzeige.
  • Eine Quittung gibt es (meistens) nicht.
  • Um Parkplätze muss sich der Kunde kümmern, nicht der Händler.
  • Man bekommt längst nicht alle Produkte, die man für den Haushalt benötigt.

„Der moderne Käufer braucht Auswahl unter drölftausend Produkten.“
Thomas Schroeter

Genau genommen ist der Wochenmarkt bis heute also eigentlich der Tante-Emma-Laden unter freiem Himmel. Man wird an jedem Stand bedient, kennt sich in der Regel, bezahlt oft mehr als im Supermarkt oder Discounter und hat am Ende des Einkaufs noch weitere Ladenbesuche vor sich.

Warum dann also gehen Menschen auch heute noch zu einem Wochenmarkt? Würde ein x-beliebiger Händler in seinem Laden ähnlich unmodern an das Verkaufsgeschäft gehen, wäre der Durchschnittskunde sicherlich bedient. Denn der ist es in Zeiten von Großdiscountern auf der Grünen Wiese gewohnt, seine Einkäufe alle unter einem Dach abzuwickeln.

Ohne riesige Parkplätze kommt kein Kunde, ohne Auswahl zwischen mindestens drölftausend Produkten zieht der moderne Käufer die Nase kraus. Es ist ja schon eine Zumutung, dass er für den Einkauf überhaupt noch vor die Tür muss.

Überblick

Die Marktzeiten in Castrop-Rauxel

  • Castrop, Altstadtmarkt, Am Markt: dienstags, donnerstags und samstags, 8 bis 13 Uhr.
  • Ickern, Marktplatz: dienstags und freitags, 8 bis 13 Uhr.
  • Habinghorst, zur Zeit auf dem Postplatz, weil am Habinghorster Markt weiterhin Baustelle ist. Dem Wochenmarkt hat der Standortwechsel im vergangenen Jahr gut getan. „Das Angebot am Postplatz wird sehr gut angenommen“, sagte Michael Werner, EUV, vergangene Woche. Mittwochs und samstags, 8 bis 13 Uhr.

Schließlich kann man über das Internet heute alles bekommen. Es sind Kühlschränke auf dem Markt, die sich selbst managen, Produkte nachordern, wenn der Bestand im dunklen Inneren zur Neige geht. Und dann soll ich auf den zugigen Marktplatz gehen? Was ist da los mit diesem Einkaufsort des Mittelalters, der sich in die Neuzeit gerettet hat? Was sind das für Menschen, die sich diese mühsame Art des Einkaufs auferlegen?

Wenn man die Marktkunden einmal näher betrachtet, erkennt man, dass der übliche Geht-es-noch-billiger-und-schneller-Kunde hier selten vertreten ist. Wer Geiz geil findet, Pappbrot nur geschnitten aus Plastiktüten verzehrt, reichhaltig gesüßte Colaprodukte im Sechser-Einweg-Pack nach Hause karrt oder Ananas nur aus Dosen kennt, der wird sich kaum auf einen Wochenmarkt verlaufen.

KOLUMNE

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  • Unser Autor Thomas Schroeter macht sich in dieser Kolumne regelmäßig Gedanken über die Stadt und die Politik, über kleine Aufreger und große Probleme, über Menschliches und Unsinniges. Das soll zum Nach- und Mitdenken anregen, aber durchaus auch zum Widerspruch.
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Wer die Kommunikation über ein Lebensmittel, die Beratung beim Fleischeinkauf, den prüfenden Griff an den Apfel nicht kennt oder braucht, wird einen Markt nicht nutzen. Für die Fast-Food-Küche taugt er nicht. Entsprechend ist die Klientel auf dem Markt gestrickt. Wer hat auch schon morgens Zeit für den Einkauf? Junge Menschen, Berufstätige findet man hier selten, zumindest in der Woche.

Anders sieht das auf den Wochenendmärkten aus. Aber auch dann und dort trifft man eher die ältere Käuferschaft. Und die, der es auf das Einkaufserlebnis ankommt. Denn der Markt erfordert Zeit, etwas Ruhe und Kenntnis. Ich muss wissen, wo ich welchen Stand finde, ich muss meinen Stammhändler finden, dem ich vertraue, mit dem ich auch mal nur ein Schwätzchen halte, bei dem ich immer die gleichen Stammkunden treffe, die ebenfalls ein bisschen Zeit mitgebracht haben.

Der Wochenmarkt ist viel mehr als ein reiner Kaufvorgang in einer Zeit, in der man im Discounter alles und immer erhält, eingeschweißt in Berge von Folie, eingefroren, herangeschafft aus den entlegensten Orten der Welt, zu jeder Jahreszeit abrufbar. Auf dem Markt sucht man das Produkt von nebenan, aus der Region.

„Hier kann man kann das Produkt noch echten Menschen zuordnen.“
Thomas Schroeter

Das ist sicherlich auch nicht immer alles heile Welt und Natur und Wohlbehagen. Aber man kann das Produkt noch echten Menschen zuordnen. Menschen, die mit ihrem Gesicht und ihrem Namen für das Produkt stehen, das ich mit nach Hause schleppe. Und denen man beim nächsten Marktbesuch seine Meinung sagen kann, wenn das Produkt nicht gehalten hat, was man sich davon versprach. Das ist Nähe, Verbindung, Vertrauen, soziale Bindung. Ein soziales Netzwerk weit weg von den vermeintlich sozialen Netzwerken im Internet. Es ist real, mit der Hand zu greifen. Als Institution, Erlebniswelt, Treffpunkt.

Wochenmarkt eben. Wie aus einer anderen Zeit. Sie sollten mal wieder hingehen. In Castrop-Rauxel gibt es gleich drei.

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