Weihnachten in Ickern-End vor einigen Jahrzehnten. © privat
Weihnachts-Kurzgeschichte

Der Zauber einer Weihnachtsnacht

Der gebürtige Ickerner Gerd-Matthias Hoeffchen hat 30 Weihnachts-Geschichten in dem Buch „Schräge Weihnacht“ gesammelt. Eine der 30 Geschichten, „Zauber einer Weihnachtsnacht“, lesen Sie hier

Vormittag am Heiligen Abend. Semesterferien. Ich bin zu Besuch bei meiner Mutter in der Zechensiedlung, der alten Heimat.

Um die Zeit bis zum Mittagessen zu überbrücken, mache ich einen Spaziergang. Von wegen Markt und Straßen steh’n verlassen – überall sind Menschen unterwegs. Die Friedrichstraße hoch. Die Vinckestraße runter. Viele Gesichter. Plötzlich eines, das ich schon sehr lange nicht mehr gesehen habe: eine junge Frau. Mit Hund. Vor einigen Jahren waren wir uns mal auf einer Jugendfreizeit der Kirchengemeinde begegnet. Lange her. Damals hatten wir fast nichts miteinander zu tun. Dennoch: Wir sehen uns, stutzen, grüßen einander. „Sag mal, du bist doch … genau, ja!“ Und schon sind wir im herzlichsten Gespräch.

Gemeinsam schlendern wir durch die Straßen. Durch den Park. Unterhalten uns. Der Funke springt über. Oder, wie Klaus Lage singen würde: Es hat „Zoom!“ gemacht. Wir sehen zu, wie Eddi (Name geändert), der Labrador (Rasse geändert) der jungen Dame, von Busch zu Baum und wieder zurück läuft. Irgendwann sind wir am Haus ihrer Eltern – denn auch N. (Kürzel geändert; das wird lästig, gell?) ist in den Semesterferien auf Heimatbesuch.

Und nun heißt es: Abschied nehmen. Aber irgendwie … sind wir beide noch nicht bereit dafür. Ein bisschen Herumgedruckse, ein bisschen Gestammel. Dann wird N. deutlich. Sie war schon immer supertaff: „Willst du nicht heute Abend kommen?“

Ich: Schrecksekunde.

Sie: „Ich meine: zur Bescherung?“

Ich: „Äh. Ach so. Ja. Klar. Aber wie jetzt? Zu deinen ELTERN?!?“ Seien wir ehrlich: Nach zwei Stunden Spazierengehen gleich zur Familienfeier am Heiligabend eingeladen zu werden, ist zwar noch nicht direkt ein Heiratsantrag. Aber gefühlt verdammt nah dran.

Völlig überfordert mit der Situation

Außerdem hatte ich ja kein Geschenk in Petto, ich hätte längst mal zum Friseur gehen müssen, meine Schuhe waren abgelatscht, hatte ich überhaupt ein frisches Hemd im Gepäck? Ich war mit der Situation völlig überfordert.

Aber jetzt gibt es kein Zurück mehr. N. ist sehr bestimmt. „Abgemacht“, sagt sie im Kommandoton, „du kommst. Ich bereite meine Eltern vor. Das sind Alt-Hippies, denen macht so etwas nichts.“ Zack! Die Tür ist zu. Labrador Eddi und Frauchen sind verschwunden.

Das Cover des Buches von Gerd-Matthias Hoeffchen
Das Cover des Buches von Gerd-Matthias Hoeffchen „Schräge Weihnacht. 30 Kurzgeschichten zum Auspacken.” © Verlag © Verlag

Sind das jetzt Schmetterlinge im Bauch oder aufziehende Magenkrämpfe?

Ich laufe zurück zu meiner Mutter. Lasse mich hinsichtlich des kurzfristig notwendig gewordenen Geschenkes beraten (Mutter hatte immer irgendwelchen Nippes in Reserve). Bekomme vor Aufregung kaum meinen Kartoffelsalat mit Würstchen runter. Gehe in den 17-Uhr-Gottesdienst. Höre die Geschichte von der unerwartet schwanger gewordenen Maria mit einem Mal ganz neu.

Und dann ist es soweit: Auf zu N., ihren Eltern. Und Eddi.

Die Hürde „Mutter“ ist genommen, der Hund kennt mich schon

Der Hund wartet bereits an der Haustür. Dahinter Ns. Mutter. „Ach, das ist ja reizend. Besuch!“ Ich bin total erleichtert: Diese Hürde ist schon mal genommen. Jetzt noch der Vater; der Hund kennt mich ja bereits.

Aber weder ist der Vater zu sehen noch N. „Meine Tochter ist mit den Geschenken beschäftigt“, erklärt die Mutter. Sie führt mich ins Wohnzimmer. Dort: ein geschmückter Weihnachtsbaum. Und ein Mann, der davor tanzt. Leise klingt karibische Musik aus dem Hintergrund. Der Mann dreht nur kurz den Kopf herum und sagt: „Hi, ich bin der Vater. Schön, dass du da bist. Setz dich schon mal. Ich übe noch.“

„Er hat zur Zeit einen Merengue-Kurs an der VHS belegt“, flüstert die Mutter. Sie nimmt ein Gläschen Sekt – ich lehne lieber erst mal ab –, und wir setzen uns auf die Couch. Sofort schießt Eddi, der Labrador, auf mich zu. Und den Rest des Abends habe ich damit zu tun, ihn von meinem Fuß fernzuhalten. Irgendwie scheint er den mit einer Labradorin zu verwechseln.

Aber die Mutter ist reizend. Mit jedem weiteren Glas Sekt schaut sie mir tiefer in die Augen. Irgendwann taucht N. auf. Außer einem kurzen „Hi!“ ist allerdings nicht viel von ihr zu hören. „Wir hatten vorhin eine kleine Meinungsverschiedenheit“, nuschelt Mama. „Wegen der Uni. Nimm’s nicht persönlich. Hat nichts mit dir zu tun.“

Und so geht N. zu dem Stapel mit den Geschenken, der in der Mitte des Wohnzimmers aufgestapelt ist. Sie packt ihre Geschenke aus, vornehmlich T-Shirts, die sie auch gleich anprobiert. Dass sie dabei keinen BH trägt, scheint niemandem außer mir aufzufallen.

N. ist auf einmal weg

Der Vater tanzt, in Trippelschritten und ganz in sich versunken. Die Worte der Mutter sind immer noch freundlich, wenn auch immer undeutlicher. Der Hund vergeht sich an meinem Fuß. N. probiert alle T-Shirts noch mal durch, offenbar jetzt in umgekehrter Reihenfolge.

Plötzlich ist sie verschwunden. „Ist wohl nach Hause“, murmelt die Mutter. Ich danke ihr für den schönen Abend, erkläre, dass ich jetzt auch mal zu meiner eigenen Mutter heim müsste, schüttele endgültig den Hund ab. Tätschele im Vorübergehen die Schulter des Vaters. Und bin draußen.

Dort, an der frischen, kalten Luft, wird mir plötzlich klar, was mich da drinnen die ganze Zeit über am meisten verstört hatte: nicht der tanzende Vater. Nicht die vor Sektbläschen perlende Mutter. Auch nicht (ich schwöre!) die barbusige Tochter. Selbst der lendenstarke Hund war nichts gegen die Verwirrung durch diesen süßlichen, schweren Duft, der über allem hing. Instinktiv hatte ich ihn für Weihrauch gehalten, Myrrhe oder ähnliches Weihnachtswerk.

Weihnachtsstube mit Hippie-Duft geschwängert

Aber nein, jetzt kam die Erinnerung an den Vormittag zurück. „Die sind Alt-Hippies“, hatte N. über ihre Eltern gesagt. Oookaaay… Wer weiß, was für ein Gras die zum Fest geraucht hatten. Wenn die gute Weihnachtsstube natürlich schon den ganzen Tag über mit solchen süßen, ungeahnten Hippie-Düften geschwängert worden war, erklärte das so Einiges am Verhalten von Mensch und Hund.

Monate später bin ich N. dann noch mal begegnet. Aber nicht nur die Dünste, auch der Zauber einer Weihnachtsnacht war da längst verflogen.

Gerd-Matthias Hoeffchen

Zum Autor und den Geschichten

  • Viele der Geschichten in dem Buch „Schräge Weihnacht. 30 Kurzgeschichten zum Auspacken.“ haben sich in Castrop-Rauxel ereignet.
  • Autor Gerd-Matthias Hoeffchen, Chefredakteur der in Bielefeld erscheinenden Wochenzeitung „Unsere Kirche“, konnte auf Erlebnisse in seiner Kindheit und Jugend in der Zechensiedlung Ickern-End zurückgreifen.
  • Aber auch Freunde und Bekannte haben Erlebnisse beigesteuert. Etwa der Dachdeckermeister aus Ickern, der Fußballer vom SoccerFive Henrichenburg oder der Ladenbesitzer aus Habinghorst.
  • Gerd-Matthias Hoeffchen: Schräge Weihnacht. 30 Kurzgeschichten zum Auspacken, 144 Seiten, Luther-Verlag, 15 Euro

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