In der Castrop-Rauxeler Altstadt herrschte am dritten Adventssamstag normaler Andrang. Für den Herrenausstatter Borgerding war es trotzdem ein besonderer Tag. © Uwe von Schirp
Coronavirus

Die Altstadt vor dem Lockdown: Ein Traditionshändler öffnet noch zwei Mal

Das Weihnachtsgeschäft vor dem harten Lockdown: In der Altstadt herrscht normaler Betrieb. Nicht bei Borgerding. Das Traditionsgeschäft will zu Weihnachten planmäßig schließen – eigentlich.

Passanten bummeln. Einzelne ordern gerade Fisch, andere ein paar Meter weiter Fleisch. Der Himmel ist dunkelgrau. Es nieselt. Samstag (12.12.) in der Altstadt. Mittagsstunde. Vor dem Drogeriemarkt stehen Kunden in einer Schlange. Links und rechts, vor Buchhandlung und Parfümerie sind sie dagegen recht kurz.

Kein Gedränge in den Geschäften. Vereinzelt regelt das Personal oder ein Sicherheitsdienst den Einlass. Es ist der Samstag vor dem dritten Advent – und womöglich die letzte Chance, in den Geschäften Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Davon gehen die meisten Kunden aus. Denn schon 24 Stunden zuvor hat Ministerpräsident Armin Laschet einen harten Lockdown angekündigt. Dass die Läden erst am Mittwoch schließen müssen, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand.

Kundin hat ungeplant ein „volles Programm“

Vor der Mayerschen Buchhandlung wartet geduldig ein junges Paar. „Wir haben Glück, dass wir dieses Wochenende für die Weihnachtseinkäufe ausgesucht haben“, sagt sie. Beide wirken entspannt. Alles im Plan.

Am Mittag war auf dem Wochenmarkt ein normales Geschäftstreiben. Coronabedingt bildeten sich vor einigen Ladentüren kleinere Schlangen.
Am Mittag war auf dem Wochenmarkt ein normales Geschäftstreiben. Coronabedingt bildeten sich vor einigen Ladentüren kleinere Schlangen. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Gut 30 Meter weiter steht eine Frau vor dem Eingang der Stadtparfümerie Pieper. Die letzte Chance, Geschenke einzukaufen? „Ja, scheiße“, sagt sie offen heraus. „Ich habe Glück, dass ich heute nicht arbeiten muss.“ Kurzentschlossen sei sie los und habe jetzt „ein volles Programm“.

Die Fußgängerzone wirkt wie an einem normalen Samstag. An der Ecke Münsterstraße und Am Markt herrscht mäßiger Andrang – wie immer zu dieser Stunde. Zwei Paare bleiben kurz stehen, wünschen schon einmal „Frohe Feiertage“.

Ein Blick in die Goldschmiede Zimmer zeigt das übliche Weihnachtsgeschäft. Kunden stehen vor den Glastheken und Vitrinen – offenbar auf der Suche nach etwas Kostbarem in diesen doch eher trostlosen Corona-Wochen.

Ulrich Borgerding ist „noch entspannt“

Ein paar Schritte entfernt hängen große Plakate im Schaufenster. Räumungsverkauf. Rabatt. Borgerding schließt nach 115 Jahren. Aus Altersgründen. Eigentlich sollte am 23. Dezember hier für immer Schluss sein.

Ulrich Borgerding steht hinter der Kasse – auch er muss damit rechnen, dass es das letzte Mal ist. „Ich bin noch entspannt“, sagt der 69-Jährige im Gespräch mit dieser Redaktion. „Wir hatten bis heute einen guten Räumungsverkauf.“ Die Lücken in den Auslagen bestätigen das.

Ulrich Borgerding an einem der letzten Verkaufstage im Dezember. Dann beendete der Lockdown seine Geschäfte vorzeitig.
Ulrich Borgerding an einem der letzten Verkaufstage im Dezember. Dann beendete der Lockdown seine Geschäfte vorzeitig. © Uwe von Schirp © Uwe von Schirp

Eine Reihe Kunden und die Beratungsgespräche zeigen aber auch: Es ist noch Ware da. Und die muss bis zum letzten Öffnungstag Käufer finden. Ulrich Borgerding ist Kaufmann durch und durch. Der Lockdown trifft ihn nicht gänzlich unerwartet: „Durch die Ankündigungen haben wir uns schon vor Tagen darauf eingestellt und nochmals reduziert.“

Borgerding erzählt von den 2000 Kunden in seiner Kartei. 30 Prozent kommen von außerhalb in die Castroper Altstadt. Er freue sich auf den Ruhestand und die Zeit mit seinem vier Monate alten Enkel.

„Samstags möchte ich mit meiner Frau mal auf den Markt gehen, einen Kaffee trinken und Freunde treffen“, sagt er. „Was ich nie hatte. Ich habe ja sechs Tage in der Woche Mode verkauft.“

Ein Händler zwischen Hoffnung und Zweifel

Dass dieser Samstag der letzte Verkaufstag nach einem erfüllten Berufsleben ist, hofft und glaubt er nicht. „Ich gehe von einem Lockdown ab Mittwoch aus.“ Allerdings: „Bei den politischen Entscheidungen hat man bis heute nie eine klare Linie erfahren.“

Beim Abschied an der Ladentür läutet draußen die Glocke der Lambertuskirche. Jetzt, ab 12 Uhr, beginne die eigentlich umsatzstarke Zeit. Bis 18 Uhr bleibt das Fachgeschäft geöffnet.

Eine Zeit später klingelt das Handy. „Ich habe mich über die aktuelle Lage noch einmal informiert“, sagt Ulrich Borgerding. „Wahrscheinlich kommt der Lockdown am Mittwoch. Wenn es so ist, werden wir ab Montag nochmals reduzieren.“ Rund 18 Stunden später, am Sonntagmittag, ist klar: Ulrich Borgerding hat recht. Die 115 Jahre lange Geschichte seines Geschäfts endet am Dienstag, dem 15. Dezember 2020.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Geboren 1964. Dortmunder. Interessiert an Politik, Sport, Kultur, Lokalgeschichte. Nach Wanderjahren verwurzelt im Nordwesten. Schätzt die Menschen, ihre Geschichten und ihre klare Sprache.
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Uwe von Schirp

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